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Holzschnitte und Fotos aus dem Japan der Jahre 1868 bis 1912: Ausstellung im MAK: Der Lotus öffnet seine Blüten

Rund 270 Werke aus Japan veranschaulichen den rasanten Wandel des einst völlig abgeschotteten Landes. Innerhalb von knapp 50 Jahren holte es seinen Rückstand auf.
Schlicht und einfach „Tattoo“ heißt diese Fotografie von Kusakabe Kinbei. Sie zeigt einen jungen Mann mit tätowiertem Rücken sowie tätowierten Armen. Die Ätzung der Haut hat in Japan eine lange Tradition.	Abbildungen: MAK Bilder > Schlicht und einfach „Tattoo“ heißt diese Fotografie von Kusakabe Kinbei. Sie zeigt einen jungen Mann mit tätowiertem Rücken sowie tätowierten Armen. Die Ätzung der Haut hat in Japan eine lange Tradition. Abbildungen: MAK
Frankfurt. 

Der baumlange Kerl, ein französischer Ringer mit 2,50 Metern Körpergröße, fällt just auf alle Viere. Niedergeworfen hat ihn ein viel kleinerer japanischer Sumo-Ringer. David hat Goliath besiegt. Der groteske Farbholzschnitt von Utagawa Yoshiiku aus dem Jahr 1861 ist ein ironischer Kommentar zur damals allenthalben in Japan herrschenden Fremdenfeindlichkeit. Mehr als zwei Jahrhunderte, von etwa 1635 bis 1853, hatte das Land in selbst gewählter Abgeschiedenheit verbracht. Kein Japaner durfte das Land verlassen; die „Südbarbaren“, die Portugiesen, Spanier und Niederländer, mussten aus- und durften nicht mehr einreisen.

Hafenstadt Yokohama

Erst als 1853 US-Admiral Perry mit Kriegsschiffen vor der Bucht des heutigen Tokio aufkreuzte, lenkten die Japaner ein und öffneten sich dem Handelsverkehr. Wichtig war das für alle Nationen, da die Schiffe damals keine große Reichweite hatten und oft Häfen aufsuchen mussten, um Kohle zu laden. So wurde das Fischerdorf Yokohama, 30 Kilometer südlich von Tokio, rasch als wichtiger internationaler Hafen ausgebaut. Heute ist Yokohama übrigens eine von Frankfurts Partnerstädten. Mit der Öffnung des Landes kamen die Händler und Touristen wieder, es begann „eine Epoche atemloser Innovationen“, meint Stephan von der Schulenburg, der die asiatische Sammlung des Frankfurter Museums Angewandte Kunst betreut. Schulenburg widmet diesem bisher vernachlässigten Thema eine große Ausstellung, die bis 29. Januar nächsten Jahres läuft. Sie umfasst mehr als 270 Farbholzschnitte und Fotos, fast alle zwischen 1868 und 1912 entstanden, der Herrschaftszeit des „Modernisierungs-Kaisers“ Meiji.

Moderne Maschinen

Nur wenige Stücke gehören dem Museum, den Großteil haben zwei Privatsammler beigesteuert. Freilich hofft Schulenburg, dass er zumindest einen Teil des Konvolutes erwerben kann, das sehr anschaulich die Geschichte des frühen, modernen Japans illustriert. Zeitgleich setzte der Siegeszug der Fotografie ein, während der weltberühmte Ukiyo-e-Holzschnitt seinen langsamen Niedergang erlebte. Doch zu Zeiten der Öffnung Japans blühte er nochmals kurz auf als Yokohama-Holzschnitt, mit all den vielen Ausländern, ihrer sonderbaren Kleidung, ihrem merkwürdigen Gebaren und den neuen Erfindungen, wie Dampfschiffen und Eisenbahnen.

In der Schau mit ihren 19 Kapiteln sind Drucke und Fotos oft nebeneinander zu sehen, da sie ohnehin parallel genutzt wurden und sich gegenseitig befruchteten. Dem Blick auf die neue Hafenstadt Yokohama mit ihren getrennten Vierteln für Einheimische und Ausländer sowie einem dritten Stadtteil samt Bordellen gelten die ersten großen und aus drei Teilen zusammengesetzten Farbholzschnitte. Auch die Bilder der militärischen Aufmärsche der fremden Armeen galten der Aufklärung und zugleich der Volksbelustigung.

Ohnehin konnte sich eher der japanische Mann in moderne, also westliche Kleider hüllen, während sich die Ehefrau noch mit traditionellen Kleidern begnügen musste, wie eine Reihe von Modefotos belegen. Noch größere Faszination ging vom Transportwesen aus. Aufschlussreich sind besonders die mehrteiligen Holzschnitte von Schiffen, die mit einem Röntgenblick das Innere der Dampfer nach außen kehren, von den Mannschaftsräumen über Vorräte und Waffen bis zu den Offizieren und ihren mitgeführten Pferden.

Bewusst setzte man die Holzschnitte auch als Propaganda für die neue Politik ein, für die Öffnung zur Welt. Da schauen sich Kaiser und Kaiserin ganz vergnügt die Gymnastikübungen einer Schulklasse an, die sicher nichts mehr mit japanischer Tradition zu tun haben. Doch selbst vor übelster Kriegspropaganda mit der Verhöhnung des Gegners schreckten die Holzschnitt-Künstler nicht zurück. So sind diese späten Blätter vor und nach 1900 weniger raffiniert ausgeführt, beherrscht von einem fast naiven Duktus – folglich ließ das Interesse am Holzschnitt bald nach.

Die Fotos hingegen verklärten das alte, vorindustrielle Japan. Freilich herrschte auch in dem fernöstlichen Land der Aberglaube, dass ein Foto die Seele des Menschen raube oder zumindest den Körper schädige. Dennoch erhielten die Touristen die gewünschten exotischen, teils auch zart erotischen Frauenporträts. Doch als Modelle dienten Prostituierte, die sich nicht um Aberglauben scherten und über das anders verdiente Geld freuten.

Oft suchten die Touristen auch Fotostudios auf, um anhand vieler Bilder ihre Reisepläne zu machen. Von dem Angebot, diese Fotos in einem Album mit auf Touren zu nehmen, wurde gern Gebrauch gemacht, wie einige Exemplare belegen. Doch diese oft aufwendig per Hand kolorierten Bilder waren nicht billig. Ein Holzschnitt kostete nur so viel wie eine Nudelsuppe, also umgerechnet 5 Euro, ein koloriertes Foto aber leicht das Achtfache.

 

Museum Angewandte Kunst, Schaumainkai 17, Frankfurt. Bis 29. Januar 2017, dienstags und donnerstags bis sonntags 10–18 Uhr, mittwochs 10–20 Uhr. Eintritt 9 Euro, Katalog 29 Euro. Telefon (069) 212-340 37. Internet www.museumangewandtekunst.de

 

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