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Lesetour startet in Frankfurt: Autor Sven Regner spricht über seinen neuen Roman "Wiener Straße"

Mit seinem Roman „Herr Lehmann“ wurde Sven Regener 2001 bekannt. Jetzt geht er mit seinem neuesten Werk „Wiener Straße“ auf Lesetour.
Sven Regener sieht sich in der Tradition der Tragödienschreiber, die keiner historischen Wahrheit verpflichtet sind. Nichtsdestotrotz gibt es in seinen Büchern viel zu lachen. Foto: Arno Burgi (dpa-Zentralbild) Sven Regener sieht sich in der Tradition der Tragödienschreiber, die keiner historischen Wahrheit verpflichtet sind. Nichtsdestotrotz gibt es in seinen Büchern viel zu lachen.

Sven Regener meldet sich literarisch zurück – und kann sich Hoffnung machen auf den Deutschen Buchpreis 2017. In seiner berühmten Trilogie um die Figur des Frank Lehmann beschrieb der Autor („Neue Vahr Süd“) und Musiker („Element of Crime“) das Lebensgefühl der 80er vor allem in Westberlin. Mit seinem neuesten Roman „Wiener Straße“, der am 7. September erscheint, dreht er die Zeit noch einmal zurück und präsentiert humorvoll-schnoddrige Mauerstadt-Freaks am Rande von Gesellschaft und Norm. Zu diesen Lebenskünstlern gehört natürlich auch Frank Lehmann. Mit dem Schriftsteller Sven Regener, der im Herbst auf Lesetour geht und am 10. November im Frankfurter Mousonturm erwartet wird, unterhielt sich Olaf Neumann über Szenesprache, Aktionskunst und Bandwurmsätze.

Herr Regener, was hat Sie bewogen, noch einmal in das Berlin der frühen 80er Jahre einzutauchen?

SVEN REGENER: Ich hatte die Idee für einen Roman. Es ist ein historischer Roman, aber warum auch nicht?!

Finden Sie das Berlin vor dem Mauerfall interessanter als das heutige?

REGENER: Nein. Aber man muss die Romane schreiben, wie sie kommen. Auf jeden Fall waren die frühen 80er Jahre in Westberlin aber eine interessante und wichtige Zeit. Für mich vielleicht auch besonders, weil ich damals 35 Jahre jünger war.

Auf welche Weise hat die spezielle Situation in Berlin Ihre Figuren geprägt?

REGENER: Westberlin war ein in viele Parallelgesellschaften gespaltener Ort. Und meine Helden leben in einer dieser Parallelgesellschaften, der Bohème der Zugereisten, der Künstler, der Freaks und so weiter. Gerade in der Reibung mit anderen Teilen, im Fall des Romangeschehens mit zum Beispiel Baumarktverkäufern, Kontaktbereichsbeamten der Polizei und so weiter, entstehen dann viele seltsame Dinge.

Inwieweit entspricht das von Ihnen geschilderte Milieu der Künstler und Lebenskünstler der historischen Wirklichkeit?

REGENER: Aristoteles schreibt in seiner Poetik sinngemäß, dass der Historienschreiber schreibt, was gewesen ist, der Tragödienschreiber aber schreibt, was hätte sein können. Ich sehe mich dann eher als Letzterer, das heißt, der Roman ist realistisch, aber er ist keiner historischen Wahrheit oder Wirklichkeit verpflichtet, er weist vielmehr darüber hinaus.

Welche Vorstellung von Kunst haben Ihre Figuren?

REGENER: Zum Teil überhaupt keine, auch wenn sie Künstler sind, sie sind über solche Definitionen hinaus, sie machen einfach Kunst, und das ist es dann. Das ist durchaus typisch für die frühen 80er Jahre, die Entakademisierung aller Kunstformen im Gefolge des Punks, die eine sehr befreiende Wirkung für die Künstler hatte.

Waren Sie damals selbst in der Kunstszene aktiv?

REGENER: Ich war als Musiker unterwegs. Und wir machten viel schräge Musik, das kann man wirklich sagen.

Viele Ihrer Figuren sind sehr eigensinnig. Sind Ihnen solche Leute grundsätzlich sympathischer?

REGENER: Nicht unbedingt. Das kann auch unsympathisch sein. Aber als Romanfiguren sind sie nicht langweilig, das ist schon mal gut. Langeweile ist in der Kunst dann ja doch das Schlimmste, auch in Romanen!

Woher kommt Ihre Vorliebe für Außenseiter, Freaks und Sonderlinge?

REGENER: Wer Freak ist, wer Außenseiter, wer Sonderling, das liegt immer auch im Auge des Betrachters. Der Freak von heute ist oft der Spießer von morgen. Und meine Figuren sind immer alles Mögliche zugleich und dadurch, wie jeder lebendige Mensch auch, durchaus zerrissene Figuren.

Sind extreme Persönlichkeiten, die immer am Rande von Gesellschaft und Norm agieren, häufiger zu außergewöhnlichen genialen künstlerischen Leistungen fähig?

REGENER: Das weiß ich nicht. Ich glaube nicht, dass es da einen direkten Zusammenhang gibt. Manchmal sind sehr gute Künstler im richtigen Leben sehr langweilige Menschen mit Reihenhaus und Dackel, aber das macht ihre Kunst auch nicht schlechter.

Die auftretenden Personen heißen unter anderem Kacki, H. R. Ledigt und P. Immel, letzterer ist Chef der Galerie ArschArt. Wollen Sie damit sagen, dass Ihre Figuren der Pubertät noch nicht entwachsen sind?

REGENER: Ja nun, Kacki und P. Immel sind Aktionskünstler, die sich an der Wiener Richtung eines Otto Mühl orientieren, da gehört so eine Benennung schon fast dazu. H.R . Ledigt ist genau die Art von kalauernder Namensfindung, die damals neu und sehr angesagt war. Das war überall zu finden, bei vielen Geschäften, Bands und eben auch Einzelkünstlern. Da ziehen sich Spuren bis heute.

Verstehen Sie Ihren Roman eher als eine Hommage an die Künstler-Szene oder eher als eine Parodie?

REGENER: Eine Parodie ist es nicht. Es ist ein Roman, der in einer bestimmten Zeit spielt und nichts beschönigt, nichts bewertet, sondern vor allem erzählt und dabei durchaus Wert darauf legt, dass es auch etwas zu lachen gibt. Es gibt kein Vorbild, das ich hier hätte parodieren können.

Frank Lehmann tritt diesmal lediglich als Randfigur auf. Geht es nicht ohne ihn?

REGENER: Doch, natürlich, denken Sie nur an „Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt“. Das hängt von der Geschichte ab. Hier ist er dabei, weil er, durch Zeit und Ort und die anderen Personen bedingt, dazugehört.

Lernen wir eine unbekannte Seite von ihm kennen?

REGENER: Wir werden Zeuge, wie er sich langsam, aber sicher bei Erwin Kächele unentbehrlich macht, er ist schon ein ganz schön durchtriebenes Kerlchen.

Sie formulieren gerne Endlos-Sätze. Bereits der erste Satz des Buches erstreckt sich über drei Seiten. Wird der Leser damit nicht überfordert?

REGENER: Nein, man kann das zur Not ja auch überschlagen. Und es ist ja kein monstermäßig verschachtelter Satz, jedenfalls nicht nur. Ich hätte ihn auch mit mehreren Punkten unterteilen können, aber irgendwie brachte ich es nicht übers Herz, Punkte zu setzen, das hätte den Fluss rausgenommen, es handelt sich ja um die Wiedergabe der Erwin-Kächele-Gedankenwelt in der Dunkelheit einer schwarzgestrichenen Wohnung, so was kommt in langen Strömen, die müssen dann auch so geschrieben sein.

Sie sind auch Musiker. Geht es Ihnen auch beim Schreiben darum, einen eigenen Sound zu finden?

REGENER: Ja, auch. Das ist der Kern allen literarischen Stils, glaube ich.

Wie haben Sie den Sound für dieses Buch gefunden?

REGENER: Das ist kein bewusster Prozess, das ergibt sich. Wenn nicht, dann langweilt man sich irgendwann und schmeißt das Manuskript weg, anders geht’s nicht!

Ihre Figuren reden in einem aus heutiger Sicht seltsamen Jargon. Sind Sie anfällig für das Vokabular der 70er und 80er Jahre?

REGENER: Nein, eigentlich nicht. Aber so, wie es damals keine Handys gab, aber eine Mauer, so wurden gewisse Worte oder Redewendungen damals eher verwendet als heute, andere dagegen gab es noch nicht. Ich bin aber davon nicht besessen. Und ich finde es auch nicht besonders seltsam, aber das liegt wohl im Auge des Betrachters.

Was hat Ihr Buch der heutigen Generation zu sagen?

REGENER: Eine solche Frage kann ich leider nicht beantworten. Ein Roman ist ein Roman. Er spricht nicht und er sagt nichts, er will gelesen werden und das sein, was er ist. Wenn man es auch anders sagen könnte, dann müsste man ihn ja nicht schreiben. Ich wünsche nur allen Lesern viel Spaß und hoffe, dass sie einen Gewinn von der Lektüre haben.

Buch und Lesung

Sven Regener: Wiener Straße. Galiani-Verlag, geb., 297 Seiten, 22 Euro,
das Buch erscheint am 7. September;
Mousonturm Frankfurt, 10. November, 20 Uhr. Karten zu 22,15 Euro
unter Hotline 0 18 06-57 00 70.
Internet www.eventim.de

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