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Ausstellung: Bad Homburgs Museum Sinclair-Haus taucht ein in „Buchwelten“

23 Künstler widmen sich dem Buch als Objekt, zeigen dies an knapp 100 Werken und garantieren viele Entdeckungen.
Ein Bild der Fotografin Lori Nix mit dem Titel „Library“ (2007). Das puppenstubenartige Motiv ist eine Fleißarbeit der Künstlerin, die sich während ihres Kunststudiums neben der Fotografie auch mit Keramiken beschäftigte. Ein Bild der Fotografin Lori Nix mit dem Titel „Library“ (2007). Das puppenstubenartige Motiv ist eine Fleißarbeit der Künstlerin, die sich während ihres Kunststudiums neben der Fotografie auch mit Keramiken beschäftigte.
Bad Homburg. 

Ob die Saat wohl aufgeht über den Winter? Keine Frage, für die Liebe zu Büchern ist es nie zu spät. Und Alicia Martins 80 einfarbige Bücher, die im kleinen Garten des Museums halb eingegraben sind, werden die nächsten vier Monate überleben, sind sie doch einigermaßen gut gegen den Verfall präpariert. Es handelt sich um ausrangierte Bücher von der Stadtbibliothek und von den Museumsleuten. Entsprechend reicht das Spektrum von billigen Schmonzetten bis zu philosophischer Kost.

Die spanische Künstlerin Alicia Martin hat eine sehr poetische und hintersinnige Arbeit geschaffen, ein Symbol für unsere zerbrechliche Kultur, die von den Zeitläuften oft arg gebeutelt wird. Martins Arbeit ist eine gute Einstimmung für den Besucher des Bad Homburger Museums Sinclair-Haus vor dem Betreten der neuen und bis 4. Februar nächsten Jahres laufenden Schau. Der lapidare Titel „Buchwelten“ verheißt eine verlockende Welt zwischen Lesen und Sehen, Literatur und Kunst. Das Thema passt perfekt zur Frankfurter Buchmesse.

Weit weg vom Alltag

Museumschef Johannes Janssen hat sein Faible für das Lesen, das noch vor der Liebe zur Kunst erwachte, als Anlass für eine Ausstellung über Buchobjekte genommen. Ein Buch zu lesen heißt ohnehin, sich in eine imaginäre Welt zu begeben, weit weg vom Alltag. Bei Peter Wüthrich bekommen sogar die Bücher Flügel und schweben schwerelos durch die Lüfte, wie Schwarz-Weiß-Fotos und ein Film zeigen.

Guy Laramée wiederum hat eine Schneise durch eine Allee von Büchern geschlagen. Der Kanadier hat die Gesamtausgabe der „Encylopaedia Britannica“ so ausgehöhlt, dass sie eine Miniaturausgabe des Grand Canyon bildet, der berühmten und Jahrmillionen alten Felsenschlucht im US-Bundesstaat Arizona. Laramée hat dem renommierten Lexikon, das nach eigenem Anspruch das menschliche Wissen in allen Facetten bündeln will, eine tiefe Wunde zugefügt, um ein Naturerlebnis abzubilden.

Die Schau versammelt selbst für Kunstkenner reichlich viele unbekannte Namen unter den 23 Künstlern, die immerhin knapp 100 Werke zeigen. Von „80 Prozent Entdeckungen“ spricht auch Johannes Janssen. Schon seit zehn Jahren beschäftigt sich Hannes Möller mit seinem „Bibliotheken-Projekt“ und malte jetzt auch einige Bücher, die 2004 bei dem verheerenden Brand der Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek vernichtet wurden. Doch Möller begnügte sich nicht mit Aquarell, Gouache und Kohlestift, er mixte auch Rußpigmente beim Malen unter.

Gleich nebenan liegt ein riesiges Buch auf einem Hocker. Es stammt von Anselm Kiefer, dem einzigen Künstler mit Weltruhm in dieser Schau. „Mutterkorn“ heißt das Werk von 2010, das tatsächlich einige Weizenhalme in die Seiten des wuchtigen Bleibuches geklemmt hat. Das Werk spielt mit dem Gegensatz von schwerem Buch und leichtem Getreide.

Kiefers Objekt gehört zur Sammlung des Hauses, das von der Unternehmerin Susanne Klatten finanziert wird. Bisher waren alle Aktivitäten unter der „Altana-Kulturstiftung“ gebündelt, die nun unter dem Namen „Stiftung Nantesbuch“ firmiert und bei München sitzt. Dort entsteht ein Zentrum, um das Bewusstsein für Kunst und Natur gezielt zu schärfen. Gänzlich unberührt davon bleibt das Sinclair-Haus erhalten.

Rütteln an Regalen

Das beweist einmal mehr diese überwältigende Ausstellung, auch wenn viele Künstler mit dem Objekt Buch einen gewissen Kulturpessimismus ausdrücken. So zeigt die Amerikanerin Lori Nix die Relikte einer untergegangenen Bildungsgesellschaft. Auf ihren zwei großen Farbfotos haben die Bibliotheken längst ihre schützenden Dächer verloren. Nun weht der Wind herein, rüttelt an den Regalen, fegt Bücher heraus und wirft Stühle um. Inzwischen hat sich auch die Natur ausgebreitet, drei Bäume gewinnen bereits an Kraft. Die Bibliothek ist nicht mehr das Paradies des Buchliebhabers. Freilich kommt eine Schau über Buchobjekte nicht ohne Hubertus Gojowczyk aus, der sich wie kein Zweiter mit diesem Thema auseinandergesetzt hat. Er hat ein Liebesgedicht von Hölderlin mit Lupe und Sonnenlicht sorgsam Zeile für Zeile ausgebrannt, bis nur noch schwarze Flecken auf dem Papier waren. Gojowczyk tauscht das Lesen gegen das Sehen, das Buch gegen das Bild, das Liebesglück gegen die Brandwunden.

 

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