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Ausstellung in der DZ-Bank: Banker ziehen sich um

Der Anzug als moderne Ritterrüstung: Loredana Nemes hat Geldfachleute gebeten, ihre Jacketts mal andersherum zu tragen und dabei das Innerste nach außen zu kehren.
Bei Moritz ist aus den „Nadelstreifen“ ein Schleier geworden. Bilder > Bei Moritz ist aus den „Nadelstreifen“ ein Schleier geworden.

Ohne ihn geht nichts. Der Anzug ist Pflicht, er ist so etwas wie eine Berufsuniform für Bankangestellte. Damit verschwindet der Einzelne in der grauen Masse. Doch die Fotografin Loredana Nemes holt das Individuum mit einem simplen Kunstgriff wieder ans Licht. Sie stülpt die Jacken um und bringt dabei auch die Anzugsträger dazu, ihr Innerstes nach außen zu kehren. Die sehen, befreit von der Uniform, auf einmal viel offener aus.

Keine harten Männer

Schon allein der Futterstoff ist nicht so gleichförmig, wie man vermuten würde: Mal ist er gestreift, mal an den Ärmeln heller als am Körper, zuweilen sogar mit Pferde- oder Blumenmotiven bedruckt. Doch die 44-jährige Fotografin begnügt sich nicht mit dem Umdrehen der Innenseiten. Oft rahmt sie mit der Jacke das Gesicht der Männer, die dadurch individueller wirken, oft auch weicher oder verletzlicher. Den harten Mann markiert keiner.

Zu verfolgen ist das bis 31. Mai in der Frankfurter DZ-Bank, im sogenannten „Schaufenster“ von City-Haus II. Nur wenige Schritte sind es von hier zum „Art Foyer“, wo das Finanzinstitut kleine Ausschnitte zeigt aus seinem Bestand von 7000 Fotos der vergangenen 70 Jahre. Die Schwarz-Weiß-Porträts hingegen, im Klein-, Mittel- oder Großformat, sind das Resultat eines Mitarbeiterprojektes, zu dem Nemes 70 Banker geladen hat.

Darunter waren auch einige Frauen. Doch mit denen konnte die Fotografin nichts anfangen; sie tanzten modisch zu sehr aus der Reihe, waren zu wenig uniform. Von den Männer-Porträts hat die DZ-Bank 27 Fotos erworben, die sie nun präsentiert. Ihnen sieht man an, dass Loredana Nemes ein Händchen für Menschen hat, obwohl für jeden nur 30 Minuten Zeit war. Aber das genügte, um ins Gespräch zu kommen und gemeinsam die passende Präsentation zu finden. Die Fotos tragen den Vornamen der Mitarbeiter, die Serie heißt „Nadelstreifen“.

Rücken auf der Brust

Alexey etwa sieht mit dem Blumenkranz auf dem Kopf und seinem Nadelstreifenanzug, dessen Rückenteil er übergezogen hat, wie ein antiker Dichter aus. Doch lächerlich wirkt er nicht, auch alle seine Kollegen nicht. Ohnehin kann man ihre Auftritte nicht als billige Verkleidung abtun, denn die Männer haben ja ihre Jacken nur etwas verändert und mit kleinen Requisiten ergänzt. Auch Udo trägt seine Rückenpartie auf der Brust, hat noch schwarze Handschuhe übergezogen und hält eine Blume in der Hand. Damit wirkt er wie ein moderner Ritter.

Moritz hingegen kam verstört zum Termin, er hatte gerade einen Freund zu Grabe getragen. So stülpte ihm Nemes einen schwarzen Tüll über, der den Mann in Würde trauern lässt. Noch stärker verändern sich die Gesichter durch die um den Kopf geschlungene Jacke. Fast madonnenhaft wirkt Sebastian, während Joachim eine Haube wie eine Niederländerin vor 500 Jahren trägt. Einige Männer bedecken das Gesicht komplett, sie tragen den Anzug als Burka. Jürgen dagegen kommt ganz klassisch daher, er hat nur eine zweite Krawatte als Schal um den Hals gebunden und über den Kopf als Schmuck gezogen.

Loredana Nemes konzentriert sich auf Männer, da sie immer noch die Führungspositionen einnehmen. Es ist ihre dritte Serie über das „Rätsel Mann“ – auch die vorherigen Serien erwarb das Geldinstitut. Für „Über Liebe Love“ (2006-2008) reiste Nemes mit ihrem Hochzeitskleid, das sie wegen der abgesagten Trauung nie trug, durch die ganze Welt, befragte Männer auf der Straße nach ihrer Liebe und stellte deren Geschichte neben das gemeinsame Porträt. Die Serie wirkt wie „eine Anprobe von Männern“, meint Sammlungsleiterin Christina Leber.

„Beyond“ (2008-2010) hingegen entstand in Berlin und zeigt den Blick in türkische Teestuben, die Frauen nicht betreten dürfen. So bat Nemes die Besucher orientalischer Männercafés darum, sich durch die Fenster fotografieren zu lassen. Aber da die Scheiben aus Milchglas, gemustert oder mit Gardinen versehen sind, lassen sich nur schemenhafte Männer erkennen. Damit gelang Nemes ein symbolisches Bild für die Trennung von Mann und Frau, für visuelle und kulturelle Grenzen. Und der Anzug? Der entwickelte sich, so der Schriftsteller John Berger, „im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in Europa zum professionellen Kostüm der herrschenden Klasse. Beinahe so anonym wie eine Uniform, war er das erste Kostüm, das eine ausschließlich ruhende Machtausübung idealisieren sollte: die Macht des Administrators und des Konferenztisches. Der Anzug war im wesentlichen für die Gesten des Sprechens und abstrakt Kalkulierens gemacht“.

Verspielte Macht

Doch diese Machtspiele lässt Loredana Nemes, mit 14 Jahren aus Rumänien übersiedelt und als Autodidaktin zur Fotografie gekommen, mit ihrer eindrucksvollen Serie vergessen. Zwar blicken ihre Macht-Männer arg ernst drein, aber die kunstvoll drapierten Jacken verwandeln sie in große, verspielte Jungs.

 

„Schaufenster“, DZ-Bank-Kunstsammlung, Cityhaus II, Friedrich-Ebert-Anlage, Frankfurt. Bis 31. Mai, dienstags bis freitags 9–18 Uhr. Eintritt frei.
Telefon (069) 74 47 65 61.
Internet www.dzbank-kunstsammlung.de

 

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