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Offenbacher Seefestspiele: Bayreuth mit den Füßen im Wasser

Von Kunstprojekt mit kalkulierter Sinnflut: Von heute an gibt es an der Kressmannhalle im Hafengelände Performances und Tanz im künstlichen Wasserbecken.
Ein Mitglied der Performance-Gruppe „Contact Gonzo“ schwimmt  in Offenbacher Wasser. Foto: Andreas Arnold (dpa) Ein Mitglied der Performance-Gruppe „Contact Gonzo“ schwimmt in Offenbacher Wasser.

Kühl ist das Wasser, das vor der Ausstellungsstätte Kressmannhalle ins Betonbassin plätschert. Der Sonnenschein macht trotzdem Lust auf süßes Nichtstun und aufs Waten durch das knöchel-, höchstens kniehohe Nass. Ob es, wie verlautbart, 180 000 Liter sind? Bei rund 25 auf zehn Meter Fläche müsste es einem bis ans Gemächt stehen. Siebzig- bis neunzigtausend Liter hauen genauer hin.

Doch wer weiß, vielleicht steigt der Pegel ja bis heute Abend. Da eröffnen die Künstlergruppen „YRD.Works“, „contact Gonzo“ und „Les Trucs“ ihre „ersten“ Seefestspiele, die bis Sonntag durchlaufen (6. bis 9. Juli). Tag zwei ist dem Wasser-Cricket gewidmet und baut eine Art Glashaus ins Wasser. Tag drei dient von Sonnenaufgang an der Entspannung am Quasi-Pool. Das Finale an Tag vier mixt Oper, physikalisches Experiment und Performance-Score, bis das Becken wieder leer ist.

Traum von der Oper

„Zweite“ Spiele für 2018 sind nicht angedacht, zumal die von „YRD.Works“ 2016 kernsanierte Ex-Werkzeughalle im Großbauareal am Hafen nur zur Verfügung steht, bis irgendwann die Hochschule für Gestaltung herzieht. Junge Kunst und Provisorien: eine ewige Beziehungskiste. Die überstürzte Seefestspiel-Zählung drückt eher Lust aufs Neue aus und ironisiert als fingierte Seriengeschichte Fest- und Weihespiele allerorten.

Die „Seefestspiele“ verstehen sich eine Nummer kleiner. Andererseits träumen „YRD.Works“ doch auch den Traum von großer Bühne und vom Opernmachen, ein wenig so wie der Filmheld Fitzcarraldo am Amazonas. Offenbachs Amazonas: das postindustrielle Areal am Ex-Ölhafen, wo Bagger, Teermaschinen und verkommene Schuppen auf spekulationsträchtiger Baubrache die Kulisse bilden. Logisch, dass man als Zuschauer auf Holzpodesten sitzen wird.

Die Füße ins Wasser baumeln zu lassen, ist nicht sehr „posh“, aber bequemer als die Sitz- und Kleiderordnung „richtiger“ Festivals mit ihren sozial engen, demokratisch zweifelhaften Ritualen. Anna Wagner, Mousonturm-Kuratorin, fühlt sich von den „Seefestspielen“ ans frühe Bayreuth erinnert, als Richard Wagner noch an jährlich aufgeschlagene Bretterbuden dachte. Für sie denkt sich das Projekt auch einer zukunftsträchtigen Revision der Idee vom Künstlerhaus entgegen.

„Yard works“, der Name der Initiatoren, heißt Grundstücksarbeiten. Was Sinn ergibt, weil David Bausch, Yacin Boudalfa und Ruben Fischer vom allürenfreien Künstlerkollektiv oft und gern begehbare Raumskulpturen wie dieses Wasserbecken bauen und damit spielen (lassen). Wenn sie eine Messerfabrik aufschlagen, eine Bar oder ein Fitnessstudio, ist immer eingeplant, was erneut passieren soll: Spielorte daraus zu machen, Katalysatoren für Ereignisse zwischen Menschen. Nicht untypisch für „YRD.Works“, zwang sich die Idee der „Seefestspiele“ lokal von selber auf, als angrenzende Straßenarbeiten aus dem Vorfeld eine tieferliegende Pfütze ohne Abfluss machten. Nicht ärgern – Kunst daraus machen! Was dank viel Beton für die Umrandung und Risse im Boden relativ schnell gemacht war.

Kroko frisst Gummistiefel

„contact Gonzo“ (Takuya Matsumi, Keigo Mikajiri, NAZE) ist für Improvisationen bekannt und zeigt Tanz, Raufen und Ringen. Diesmal bemannen sie etwa ein selbstgemachtes Krokodil, das unheilschwanger durchs Becken dümpelt und neongelbe Gummistiefel ausspeit wie Speisereste von Capt’n Hook – gewiss zur Freude von Nachbarskindern aus dem Hafenviertel. Wer antiquarisch gebildet ist, könnte auch an Tierhetzen und Seeschlachten wie im Colosseum voller Tiberwasser denken, wo Roms Plebs bespaßt wurde, um von den Regierungsgeschäften seiner Kaiser abzulenken. Das Frankfurter Duo „Les Trucs“ (Charlotte Simon, Zink Tonsur) steuert Musik bei und bringt den Studio-Chor Offenbach mit ein.

 

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