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Frauen erzählen aus ihrem Leben in einem Jahrhundert der Extreme: Behutsame Kämpferinnen

Vom Kaiserreich bis zum wiedervereinten Deutschland: 25 Zeitzeuginnen halten in einer packenden Hörbuch-Edition Rückschau auf bewegte Biografien.
Ruth Klüger überlebte die Konzentrationslager der Nazis. Dabei halfen ihr auch deutsche Gedichte, die sie auswendig konnte. Bilder > Foto: Michael Reichel (dpa-Zentralbild) Ruth Klüger überlebte die Konzentrationslager der Nazis. Dabei halfen ihr auch deutsche Gedichte, die sie auswendig konnte.

„Wir waren voller Hoffnung“ ist die Hörbuch-Edition betitelt, deren Entstehung sich einem fast drei Jahrzehnte überspannenden Projekt des Südwestfunks verdankt. In den Jahren 1985 bis 2013 führte die Kulturjournalistin Lerke von Saalfeld Gespräche mit Zeitzeuginnen, die als jeweils etwa einstündige Beiträge im Rundfunk ausgestrahlt wurden.

Die ältesten der interviewten Frauen kamen noch vor dem Ersten Weltkrieg zur Welt. Ihre Geburtsorte spiegeln die Ausdehnung des deutschen Sprachraumes wider. Sie wuchsen auf in Berlin, Hamburg, Danzig, Wien oder Prag, in Thüringen, Siebenbürgen oder Ungarn, als Missionarstochter in Lettland oder als Kind von Farmern in Namibia. Auch ihre Bildungswege, Lebensumstände und politischen Einstellungen könnten verschiedener nicht sein. Was sie unausgesprochen eint, ist eine von Selbstvertrauen, Mut und Menschlichkeit geprägte Haltung auch in den trübsten Momenten ihrer Existenz.

Unabhängig durch Bildung

Die Herausgeberin hat sich für eine chronologische Ordnung nach dem Geburtsjahr entschieden. Als erste kommt die Stuttgarterin Maria Herrmann (1903–1999) zu Wort. Sie setzte gegen den Willen des autoritären Vaters ihre Ausbildung zur Sozialarbeiterin durch und war von 1927 an beim Arbeitsamt angestellt. Als Antifaschistin geriet Maria Herrmann in der NS-Zeit unter Druck, wurde aber aufgrund ihrer Fachkenntnisse geduldet. Bewegend erzählt sie von ihren frühen Erinnerungen an die vielen „stempelnden“ Arbeitslosen der 20er Jahre und an Zeiten, als für Arbeiter sogar die offizielle 54-Stunden-Woche nur auf dem Papier galt. Gespeist auch aus solchen Erfahrungen, galt Herrmanns lebenslanger Einsatz der Frauenbildung. Bildung hielt sie für das wichtigste Instrument weiblicher Unabhängigkeit.

Die Lebensläufe der 25 Frauen führen quer über die Kontinente. Sie berühren Höhen und dunkelste Abgründe des Jahrhunderts. So heiratete etwa die Danzigerin Anna Wang (1907–1989) im Jahr 1935 den Chinesen Wang Bingnan, ging mit ihm in dessen Heimat und gehörte von 1937 an zu dem Kreis um Mao Zedong und Tschou Enlai. In Shanghai unterstützte sie die Kommunisten mit ihrer Arbeit in Hilfsorganisationen. Von China führte ihr Weg 1955 nach Ost-Berlin, bis sie 1961 in den Westen übersiedelte und auf Vortragsreisen und in einer Autobiografie über ihre Erfahrungen in China berichtete.

Ruth Klüger, geboren 1931 in Wien, war das schreckliche Schicksal beschieden, mit zwölf Jahren die Hölle von Auschwitz erleben zu müssen. Die Lüge über ihr wahres Alter und die deutsche Sprache – sie sagte sich immer wieder auswendig gelernte Gedichte auf –, halfen ihr zu überleben. Erst spät stellte sich die in Amerika als Literaturwissenschaftlerin erfolgreiche Feministin ihren traumatisierenden Erlebnissen.

Außergewöhnlich sind im Grunde alle Lebensläufe dieser beeindruckenden Frauen. Gebannt lauscht man etwa der 1929 geborenen, in einer jüdisch assimilierten Familie in Budapest aufgewachsenen Philosophin Ágnes Heller. 1968 aus der KP ausgeschlossen, wurde sie noch vor kurzem von der rechten ungarischen Regierung angefeindet.

Fast schon beschaulich dagegen nehmen sich die Biografien der jüngeren Frauen aus. Doch bei genauerem Hinhören zeigt sich auch bei ihnen reichlich Kampfgeist. So wagte es die Autorin Monika Maron (geb. 1941 in Berlin), die Umweltsünden der DDR in einem Roman anzuprangern, während die in Breslau geborene Politikerin Eva Rühmkorf (1935–2013) in Hamburg Pionierarbeit leistete, sowohl den Jugendstrafvollzug reformierte, als auch für die Frauengleichstellung kämpfte. Greta Wehner (geb. 1924), die Stieftochter und zweite Frau des SPD-Politikers Herbert Wehner, liefert den Beweis, dass Emanzipation auch darin bestehen kann, die eigene Biografie mit der eines verehrten Mannes in mitunter aufopferungsvoller Weise zu verbinden. Ähnlich bewundernswert ist die Ehrlichkeit, mit der sich die Journalistin Wibke Bruhns (geb. 1938) den dunklen Kapiteln ihrer Familiengeschichte widmet.

Behutsam kämpfen

Von den Tonaufnahmen geht ein besonderer Reiz aus, den eine nur gedruckte Fassung der Gespräche nicht erzielen könnte. Es sind die jeweiligen regional geprägten Stimmfärbungen, die kleinen Abweichungen von der hochdeutschen Standardsprache, die den Gesprächen die Authentizität verleihen. So kann man die Ausdruckskraft der Übersetzerin aus dem Russischen, Svetlana Geier (1923–2010), oder die famose Beherrschung des Deutschen bei der 1935 in der türkischen Schwarzmeerregion geborenen und heute in Frankfurt lebenden Gewerkschafterin Ülkü Schneider-Gürkan nur bewundern.

Die Qualität der Tonaufnahmen unterliegt deutlichen Schwankungen, aber auch das trägt zum Eindruck des Unmittelbaren bei. So ließ sich die 1921 in Wien geborene und dort kürzlich 95-jährig verstorbene Ilse Aichinger 1997 in einem Wiener Caféhaus vor der typischen Geräuschkulisse aus Stimmengemurmel, klapperndem Geschirr und rückenden Stühlen befragen. Von Ilse Aichinger stammt auch das verbindende Motto dieser akustischen Lebenserinnerungen. Es wird nicht nur von Lerke von Saalfeld im Vorwort des informativen 62-seitigen Booklets zitiert, sondern findet sich auch auf den veröffentlichten Anzeigen zum Tod der Dichterin: „Behutsam kämpfen“.

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