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Operette „Paul Bunyan“ hatte im Bockenheimer Depot Premiere: Bei Benjamin Britten steckt das Glück in der Dose

Brigitte Fassbaender hat sich in ihrer Inszenierung von „Paul Bunyan“ für ein ironisches Augenzwinkern entschieden. Benjamin Brittens Operette wirbelt comicbunt und musikalisch brillant durchs Bockenheimer Depot.
Ausgelassen singt und tanzt die muntere Gesellschaft in „Campell’s Bean Soup“-Dosen herum. Ausgelassen singt und tanzt die muntere Gesellschaft in „Campell’s Bean Soup“-Dosen herum.
Frankfurt. 

 Was ist das bloß für eine schräge Geschichte? Singende Bäume, drei Gänse, zwei Katzen, ein Hund und ein überfülltes Camp voller Lumberjacks (Holzhacker), die sich selbst dazu beglückwünschen, eine neue Gesellschaft zu bauen? Auf den ersten Blick wirkt Brittens 1941 im US-Exil uraufgeführtes Werk naiv und steht im Verdacht, unkritisch die berühmte, amerikanische Zuversicht zu preisen.

So naiv wie die amerikanische Legende um den riesenhaften Holzfäller Paul Bunyan, die dem Musiktheater-Erstling des britischen Komponisten zugrunde liegt: Der große Paul zog angeblich gemeinsam mit seinem blauen Ochsen Babe über Land, erschuf, nur mit seinen Sieben-Meilen-Fußspuren, die Seen Minnesotas und mit seiner Riesenaxt ganz nebenbei auch den Grand Canyon. Obendrein klampft sich in Brittens kruder Mischung aus Oper, Operette und Musical, ein Erzähler mit Country-Gitarre durchs Getümmel, passend zum amerikanisches Pathos, das scheinbar unwidersprochen aus W.H.Audens Reimen quillt.

 

Gutmütiger Big-Brother-Moderator

 

Was aber geschieht nun in dieser Britten-Rarität? Der britische Komponist erzählt, wie Paul Bunyan mit einer Gruppe von Holzfällern ein neues Amerika erschaffen will, wie er den einfältigen Hel Helson zu seinem Vorabeiter macht, den Intellektuellen Johnny Inkslinger zu seinem Buchhalter. Wie seine Tochter Tiny sich in den Cowboy Slim verliebt, und wie die beiden schlechten Köche Sam Sharkey und Ben Benny allen Holzfällern Verdruss bereiten, weil sie nichts als weiße Bohnen kochen können. Im zweiten Akt werden die Lumberjacks zu braven Farmern, heiraten Slim und Tiny, wechselt Hel Helson in die Regierung und Inkslinger als Kreativer nach Hollywood. Bunyans Appell für die gesellschaftliche Verantwortung jedes Menschen, verhallt beim ausgelassenen Festgelage zu Christmas Eve.

In Johannes Leiackers Pop-Art-Bühne tanzt die muntere Gesellschaft in „Campell’s Bean Soup“-Dosen herum. Tiny stöckelt im Minny Mouse-Schick einher, die Holzfäller tragen Karohemden, und der Briefträger ist Superman. Paul Bunyan thront als Übervater in einer Baumkrone und gibt den gutmütigen Big-Brother-Moderator.

Musikalisch wartet Brittens Erstling mit vielen Schätzen auf. Krachende Chöre, schmissige Duette und eine parodistische Stilvielfalt, die an Bernstein, Gershwin, Weill und Orff erinnert. Es gibt tolle Bläser- und Streicherensembles, traurige Gospels, Jazzfetzen und im Prolog für wenige Takte Klänge, die an ein Gamelan-Orchester erinnern.

 

Großer Moment

 

Dabei funktioniert das Werk vor allem für ein gut harmonierendes Vokalensemble, in dem große Soli nur spärlich auftauchen. Grund genug für Brigitte Fassbaender, jede Menge junge Sänger aus dem Opernstudio zu casten und im Chor zahlreiche Studierende der Musikhochschulen aus Frankfurt und Mannheim unterzubringen. Und die haben sichtlich Spaß daran, nicht nur bestens abgestimmt zu singen, sondern auch zu Marie Stockhausens fetziger Choreografie zu tanzen. Vom Ensemble brillieren der nachdenkliche Michael McCown als tenoraler Johnny Inkslinger, Sebastian Geyer als Muskelmann Hel Helson und Michael Porter in der Cowboy-Rolle Slim. Noch neu im Opernstudio, aber mit kräftigem Sopran deutlich herausragend, geizt Elizabeth Sutphen als Tiny nicht mit ihren weiblichen Reizen.

Sichtlich Spaß am tierischen Spiel beweisen die Sopranistin Sydney Mancasola als Hund Fido und das Katzenduo Julia Dawson(Moppet) und Cecelia Hall(Poppet). Als Ensembleheimkehrer leiht Nathaniel Webster Bunyan seine klangvolle Stimme, während Biber Herrmann klangvoll in die Gitarrensaiten greift. Kompliment an den jungen Kapellmeister Nikolai Petersen, der die wuchernden Chormassen und das Opernorchester sicher durch dem wilden Benjamin-Britten-Stilmix leitet.

Als die quietschbunte Show am Ende im Festgelage untergeht, als alle Bäume gefällt sind und die letzte Pute abgefressen ist, gelingt auch der Regie ein großer, kritischer Moment. Noch während die Schlusslitanei „save animal and men“ ungehört zu verhallen scheint, ist klar: Davon hätten wir gerne mehr gesehen.

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