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Ausstellung: Beim „Festival der jungen Talente“ geht es um Utopien und Dystopien

Von Vom 4. bis zum 6. Mai stellen im Kunstverein Frankfurt mehr als hundert Künstler von sieben Hochschulen gemeinsame Performances, Filme und Installationen vor.
„Extended Play“  heißt dieses Bild von Robert Schittko innerhalb der gemeinsamen Arbeit „The Game“: ein bildnerischer Schlagabtausch über die Möglichkeiten und Grenzen, künstlerisch gemeinsam zu arbeiten.   Fotos (3): Juliane Kutter Bilder > Foto: Robert Schittko „Extended Play“ heißt dieses Bild von Robert Schittko innerhalb der gemeinsamen Arbeit „The Game“: ein bildnerischer Schlagabtausch über die Möglichkeiten und Grenzen, künstlerisch gemeinsam zu arbeiten. Fotos (3): Juliane Kutter
Frankfurt. 

Die Zukunft: ein Paradies oder ein Albtraum? Mit „Utopie / Dystopie“ haben die Macher des „Festivals der jungen Talente“ ein starkes Thema ausgewählt. Man kann kaum anders, als an die glückseligen Träume von Gemeinschaftlichkeit und allumfassender Liebe einerseits und an die Horrorszenarien einer zerbombten und atomar verseuchten Welt nach einem dritten Weltkrieg andererseits zu denken, die junge Menschen vor genau 50 Jahren dazu trieb, gegen die bestehende Gesellschaft zu rebellieren.

Wer sich jetzt im Kunstverein umtut, wo sich exakt 107 Künstler in insgesamt 26 Projekten austoben, wird weder Blumenkinder-Arrangements noch Apokalypse finden, keinen entgrenzenden Drogenrausch, aber auch kein Spiegelbild einer erstarrten, verkrusteten Gesellschaft. Wer sich heute Zukunft vorstellt, denkt an künstliche Intelligenz, Robotik, High-Tech und 3-D, denkt an die Vermischung von virtueller und realer Welt und natürlich an die damit einhergehende Schwierigkeit, Fakten von Fiktion und Wahrheit von Manipulation zu unterscheiden. Das ist verwirrend. Wir wissen nicht, wohin die Reise führt, doch ist es offenbar kein Grund, aufzuschreien. Die jungen Künstler, die von einem Beirat ausgewählt wurden und sich hochschul- und spartenübergreifend zu Kollektiven zusammengetan haben, spielen mit all dem und denken sich hübsche Dinge dazu aus.

Hologramm-Performance

Im Untergeschoss des ziemlich knallvollen Hauses am Römerberg zum Beispiel in „Full Accessible Body“, in der Performer ihrer Unterbezahltheit entgegentreten, indem sie sich selber als Hologramme erschaffen. Deren mehr oder weniger intensiver Einsatz orientiert sich am Pulsschlag der Zuschauer. Praktisch: Die Hologramme nehmen den echten Performern die Arbeit ab. Hübsch ist natürlich auch, dass man im Erdgeschoss von „Vernissage 3000“ empfangen wird, einem sich an die verehrten Besucher heranwanzenden Künstler-Clübchen, das Vernissagen-gestählt verspricht, das Haus mit jeder Menge Servilität zum Wellness-Spot umzufunktionieren. Das ist funny.

Noch komischer ist der „Weg zurück in die Zukunft“, den sich das „Via-Brigitta“-Projekt ausgedacht hat. Gnädig das Fenster zur neben dem Kunstverein entstehenden neuen Altstadt verhängend, in der sich Fakten und Fiktion zu einem architektonisch hemmungslosen Wohlfühl-Potpourri vermengen, haben sie sich, nach der vierten Ehefrau von Karl dem Großen, eine „Via Brigitta“ gebastelt. Am Bauzaun entlang führt sie einmal rund um das neue Frankfurter Altstadtquartier. Täglich wird es Führungen in Brigittas „Spirit“ geben (Anmeldung: www.viabrigitta.com).

Verantwortlich für das dreitägige Festival ist Heiner Blum, Professor für Experimentelle Raumkonzepte an der HfG Offenbach. Er weist darauf hin, dass es sich nicht besuchen lasse wie eine normale Ausstellung. Zeit sollte man mitbringen, weil überdurchschnittlich viele Performances und Installationen zu erleben sind und sehr wenig bildende Kunst: eine Folge des Festival-Prinzips der sparten- und institutionsübergreifenden Kollektiv-Arbeit. Wer im Team arbeitet, stellt sich in der Regel nicht mit Pinsel und Ölfarbe vor eine Leinwand, sondern probiert Video oder am besten gleich Live-Auftritt und Happening.

Viele Orte für viele Talente

Grete Steiner, Vorsitzende des Vereins für Kunstförderung Rhein-Main, der das Festival organisiert, erzählt, sie habe Anrufe bekommen aus Münster und München, wie man das schaffe, dass die vertretenen Institutionen miteinander arbeiteten – und nicht „als Feinde“. Die Antwort: Man muss sie unter einem Dach zusammenbringen. In diesem Jahr beteiligt sind Städelschule, HfG, der Studiengang Curatorial Studies der Goethe-Universität, die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, die hessische Theaterakademie, das Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft und erstmals auch die Kunsthochschule Mainz.

Zu sehen, fühlen, lachen und besprechen gibt es viel: Frankfurt ist ein idealer Nährboden für Experimente solcher Art. Dass sie weniger existenziell und rebellisch ausfallen, als das ernste Thema und das Doppel-Jubiläumsjahr von 1968 und Karl Marx erwarten lassen – vielleicht ist das bezeichnend für unsere Zeit. Natürlich kritisieren wir Facebook für seinen Umgang mit Daten – doch wer zieht schon Konsequenzen? Vielleicht stecken wir schon viel zu tief drin im Schlamassel, um noch nach echten Auswegen zu suchen. Das wäre die pessimistische Variante.

Die optimistische wäre: Vielleicht ist alles gar nicht so schlimm, und dem Menschen reicht sein kleines Glück. Was soll’s, wenn sich Fake und Fakten mischen. Ein bisschen Lüge tut der Seele manchmal ganz gut. Vom 9. Mai an führt eine neue Tür vom Kunstverein direkt in die neue Altstadt hinein.

Festival der jungen Talente

4. bis 6. Mai, Vernissage am 3. Mai, 20 Uhr. Eintrittsfrei geöffnet am 4. und 6. Mai 14–22 Uhr sowie am 5. Mai, 14 bis 19 Uhr. Zur Nacht der Museen am 5. Mai, 19–2 Uhr (nur mit Ticket).
Info: www.festivaljungertalente.de

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