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Premiere: Bellinis "Norma": Zwischen Rachsucht und Vergebung

Mit ihrem fulminanten Deutschland-Debüt von Bellinis „Norma“ krönt Elza van den Heever die beeindruckende Serie ihrer Frankfurter Auftritte.
Bellinis Norma Bellinis Norma

Die rückhaltlose Art, mit der sich die südafrikanische Sopranistin Elza van den Heever auf die ambivalente Rolle der gallischen Druidenpriesterin einlässt, versetzt das Publikum in Ekstase. Geteiltes Echo dagegen für das Regieteam: Als Christof Loy und Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt die Bühne entern, beginnt ein lautstarker Krieg zwischen Buh- und Bravorufern, der mit einem klaren Unentschieden endet.

Normal ist diese Norma nicht. Sie überschreitet Grenzen der Darstellungskunst. Das beginnt bei der intensiven Körperspannung, in der Elza van den Heever, mit dem Messer vor Augen, längs auf dem Boden verharrt und vor Verzweiflung ihre Kinder umzubringen droht, setzt sich im beginnenden Wahnsinn fort, der sie ergreift, als Pollione ankündigt, sie für eine Jüngere zu verlassen, und endet bei den widerstreitenden Gefühlen von Rachsucht und Vergebung, die in jeder Auftrittsminute schmerzlich in ihrem Körper wüten.

Nervlich zerrüttet

Mit dieser packenden Interpretation reiht sich ihre Norma würdevoll ein in die Galerie der überragenden Darstellerinnen dieser gefürchteten Rolle von Maria Callas bis Edita Gruberova. Beinahe demütig wird man Zeuge, wie auf der Frankfurter Bühne eine Sängerin in ihrer Menschendarstellung über sich selbst hinauswächst und das scharf umrissene Porträt einer nervlich zerrütteten Frau zeichnet, die nicht nur im Widerstand gegen die feindlichen Besatzer zu unterliegen droht, sondern auch den weit größeren Kampf gegen ihr aufgewühltes Seelenleben zu verlieren scheint.

Diese Demut mag auch Regisseur Christof Loy und Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt geleitet haben, als sie die Entscheidung trafen, auf der kargen Kastenbühne alles zu entfernen, das von Stimme, Gestik und Mimik der bisweilen burschikos wütenden Elza van den Heever ablenken könnte. Eine Entscheidung, die nicht allen gefiel. Denn was dort drei Stunden lang zu sehen war, hätte trister nicht sein können. Ein dunkler Bühnenraum voll umgestürzter Stühle, mit einem Fenster an der linken Seite, das nur minimal einströmendes Tageslicht einlässt. Und der sich je nach Gefühlslage Normas phobisch verengen oder emotional erweitern lässt. Den berühmten Druidenhain macht Olaf Winter kaltes Mondlicht zu gefrorenen Standbildern des Chors, während Ursula Renzenbrinks Kostüme die Epoche Galliens unter römischer Besatzung in die Zeit des Aufstands gegen ein unbestimmt angedeutetes, totalitäres Regime Mitte des letzten Jahrhunderts verlegen. Daher trägt der römische Prokonsul Pollione wuchtige Militärstiefel und Anführerin Norma freudlose Rebellenkluft; etwas Undefinierbares zwischen Resistance-Schwarz und Guerilla-Düsternis.

In diese ausweglose Ödnis, die zudem ein Fritzl-Versteck für Normas halbwüchsige Kinder birgt, setzt Christof Loy das entfesselte Eifersuchts-Trio Pollione, Adalgisa und Norma und lässt das Publikum gebannt verfolgen, wie sich die Drei begehren, abweisen, verletzen und mit tödlichem Hass überziehen.

Mondsüchtige Priesterin

Gerade im Vergleich mit der mezzowarmen Gaëlle Arquez als Nebenbuhlerin und unschuldig verführter Adalgisa treten die besonderen Fähigkeiten der Elza van den Heever zu Tage. So bewegend die nervenzerfetzenden Terzenduette der beiden Konkurrentinnen um Pollione auch betören, die von Verrat über Verführung bis zum edlen Beweis der Frauenfreundschaft reichen: Immer gelingt es der südafrikanischen Sopranistin, mit der untrennbaren Melange aus höchster Belcanto-Kunst und raubtierhafter Gefährlichkeit alle Blicke auf sich zu ziehen. Sie ist Machthaberin und Mutter zugleich, milde Liebende und mondsüchtige Priesterin, reißt die Arme weit auseinander, wenn sie ihr gleißend hohes C ins Halbrund schleudert, aber auch voll zärtlich glimmender Sanftheit in der Fürsorge zu ihren Kindern. Mit dem großen Alfred Kerr bleibt zu sagen: Eine Menschenleistung hat man erblickt. Fürs Leben.

Das Frankfurt- und Rollendebüt Stefano La Collas als ungetreuer Pollione fällt viril, machtvoll und seiner Partie gemäß überwältigend aus. Dass man allerdings auf zurückhaltende Tenorinnigkeit bis zum Scheiterhaufen-Doppel am Ende warten muss, spricht nicht für höchste Differenzierungskunst. Arquez’ Adalgisa-Debüt gelingt stimmlich glühend, wobei sie dieser umwerfenden Norma körpersprachlich wenig entgegenzusetzen vermag.

Sensibler Klangteppich

Großen Anteil an der druckvollen Darbietung des Trio Infernale hatte Belcanto-Spezialist Antonino Fogliani am Pult, der das Frankfurter Opernorchester anfangs wild befeuert, später aber für den beginnenden Medea-Wahnsinn Normas einen sensiblen Klangteppich bereitet, der ihr größtmögliche Freiheiten gewährt. Foglianis lebhaftes Dirigat beglaubigt diese zweiaktige Tragedia Lirica spielerisch als unerreichten Gipfel der Belcanto-Kunst. Getrieben von dramatischen Zuspitzungen und lyrischen Melismen gleichermaßen, versehen mit einem melodiösen Sog, die tief berührt, auch 187 Jahre nach der Mailänder Uraufführung. Ingyu Hwang ist ein intensiver Flavio, Robert Pomakov ein glaubhaft patriarchaler Orovesco und Alison King eine angemessen zurückhaltende Clotilde. Großen Eindruck macht auch der von Loy eingefrorene „Casta-Diva“-Chor inklusive blassgrünem Mistelstrauß, dessen choreografisch geordneter, regungsloser Stolz den Sepia-Charme von dokumentarischen Fotos atmet.

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