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Literatur: Benjamin von Stuckrad-Barre: „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen“

Tennis gucken mit Boris Becker, über Geld mit Jürgen Fliege quatschen: Der Reporter Benjamin von Stuckrad-Barre schreibt die schönsten Zeitungstexte. Jetzt wird der nächste Schwung in einem Buch veröffentlicht.
Manche halten ihn für arrogant und voreingenommen, doch Benjamin von Stuckrad-Barres Texte gehören zum Unterhaltsamsten, was es derzeit in Deutschland zu lesen gibt. Foto: Rolf Vennenbernd Manche halten ihn für arrogant und voreingenommen, doch Benjamin von Stuckrad-Barres Texte gehören zum Unterhaltsamsten, was es derzeit in Deutschland zu lesen gibt.

Klarer Fall: „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen“ ist der schönste Buchtitel dieses Frühlings. Aber es gibt noch weitere Gründe, den neuesten Reportagen-Sammelband von Benjamin von Stuckrad-Barre zu kaufen. Und will man über die Kunst dieses großen Beobachters und Wortschöpfers sprechen, da muss man vielleicht erst einmal ein paar Jahre zurückgehen und rüber nach Amerika flitzen: Vor rund 50 Jahren, da war Benjamin von Stuckrad-Barre noch nicht geboren, da sorgte der Reporter Gay Talese für Furore.

Der Journalist sollte für ein Magazin ein Porträt über Frank Sinatra schreiben, doch Frank Sinatra hatte keine Lust auf ein Treffen und meldete sich krank. Gay Talese aber ließ sich nicht abschütteln: Tagelang verfolgte und beobachtete er den Weltstar, sprach mit Freunden und Familie, mit Mafiosi und Bodyguards. Und so zeichnete Gay Talese ein Bild von Frank Sinatra, das so differenziert und tiefgründig ist wie kaum ein anderes Dokument über den Sänger.

Anmaßend und witzig

Das Besondere, das Nagelneue: Der Reporter wirft sich hier selbst mittenrein ins Geschehen, macht sich selbst zur Geschichte, schreibt aus der Ich-Perspektive, bringt die teilnehmende Beobachtung im Journalismus zur Meisterschaft. Das Stück „Frank Sinatra ist erkältet“ liest sich heute noch fantastisch. Denn mehr als ein Porträt Frank Sinatras ist es ein Bildnis Amerikas im Jahr 1965. Benjamin von Stuckrad-Barre steht in der Tradition dieses großen Meisters: Er macht sich selbst zum Gegenstand seiner Reportagen.

Er schmeißt sich rein in die Geschichten und an seine Protagonisten ran. Der Sound ist frisch, die Texte anmaßend, witzig, krass schnell. Und ist der Reporter auch erst 43 Jahre alt, so zählt er doch bereits seit rund 20 Jahren zu den berüchtigtsten deutschen Reportern der Gegenwart.

Stuckrad-Barres Porträts und Reportagen, die zumeist in der „Welt“ erscheinen, zählen zu den unterhaltsamsten journalistischen Texten, die in diesem Land zurzeit veröffentlicht werden. Seine beiden bisher herausgebrachten „Remix“-Bände sowie die Beobachtungsbücher „Deutsches Theater“ und „Auch Deutsche unter den Opfern“ sind Legende – kein Volokurs ohne Stuckrad-Barre-Zitat-Contest. Nun kommt also sein dritter „Remix“-Band raus. Er enthält 25 Reportagen, die unter dem wundervollen Titel „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen“ zusammengefasst werden.

Kokain-Sucht und Bulimie

Es ist der Nachfolger seiner wellenmachenden Autobiografie „Panikherz“ (2016), in der Stuckrad-Barre sich selbst zum Gegenstand macht und von seiner Kokain-Sucht und Bulimie berichtet. Nun sind also die anderen wieder dran. Zum Beispiel Boris Becker. Gemeinsam mit dem Tennis-Star und dessen Familie guckt sich der Reporter eine Aufzeichnung des Wimbledon-Finales von 1985 an. Da kommt zum Beispiel heraus, dass Beckers Ehefrau Lilly keine Ahnung hat, wer der Trainer war. Und es gibt diesen großen Becker-Satz: „Tja, wäre mein Leben anders verlaufen, hätte ich es leichter gehabt, wenn ich mein erstes Wimbledon nicht mit 17, sondern vielleicht mit 22 gewonnen hätte? Ich glaube: ja.“

Die Perspektive in den Texten verschwimmt, der Leser bekommt mit, wie sich Stuckrad-Barre mal zum Fan, mal zum Kritiker entwickelt. Zum Beispiel das Aufeinandertreffen mit Fernseh-Pfarrer Jürgen Fliege. Der Pastor kommt gerade aus einer Fernsehshow mit Markus Lanz, die kein gutes Ende für den Pfarrer hatte. Scharf die Kritik an seinen geweihten Parfum-Fläschchen, die er für horrendes Geld an den Mann bringen will. Und Stuckrad-Barre reißt den Mann noch tiefer ein – bei einem Hausbesuch, bei dem es ausschließlich um Jürgen Flieges Kontostand geht. Ob das tendenziös, arrogant und voreingenommen ist? Klar. Aber es ist vor allem: große Unterhaltung.

Einfache Fragen

Nun sind manche der Texte schon fünf, sechs, sieben Jahre alt – doch könnten sie alle auch heute noch in einer Tageszeitung erscheinen. Selbst die Huldigung an den mittlerweile fünf Jahre alten Sommerhit „Happy“ von Pharrell Williams liest sich irre aktuell. Denn natürlich geht es hier nie um eine Nachricht oder eine Neuigkeit. Es geht um die einfache, aber komplexe Frage: Wie meistern die anderen eigentlich ihr Leben? Es sind große Dramen vom Fallen, vom Aufstehen, vom Deuten und Nichtverstehen. Mögen diese Texte zwar als Reportagen gekennzeichnet sein, so sind sie doch im besten Sinne: Literatur.

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