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„Der Voyeur“ von Gay Talese: Bettgeflüster für die „Wissenschaft“

Gerald Foos hat eine Obsession: Er will alles über das Sexleben anderer Menschen wissen. Zu diesem Zweck kauft er ein Hotel. Jahrzehntelang observiert er seine Gäste. Gayle Talese hat aus dieser wahren Geschichte ein umstrittenes Buch gemacht.
Auf den ersten Blick ein ganz normales Motelzimmer in den USA: Doch in diesem Fall soll der Motel-Besitzer durch Gucklöcher in der Decke seine Gäste beim Liebesspiel beobachtet haben – für angeblich soziologische Studien. Auf den ersten Blick ein ganz normales Motelzimmer in den USA: Doch in diesem Fall soll der Motel-Besitzer durch Gucklöcher in der Decke seine Gäste beim Liebesspiel beobachtet haben – für angeblich soziologische Studien.

Gay Talese ist eine Legende. Und das nicht nur, weil er mit 85 Jahren immer noch so verdammt gut aussieht. Der Amerikaner Gay Talese hat mit ein paar Kumpels den Journalismus revolutioniert, er hat ihn sexy, cool, verführerisch gemacht. 50 Jahre ist das her, als er im edlen „Esquire“-Magazin die epochemachende Reportage „Frank Sinatra ist erkältet“ veröffentlichte, die alles auf den Kopf stellte, was bis dahin gedruckt wurde. Gay Talese sollte Frank Sinatra für das Reportage-Magazin porträtieren, doch hatte der Sänger keine allzu große Lust auf eine Begegnung mit dem Reporter. Also meldete sich Sinatra krank. Talese aber ließ sich nicht abschütteln: Wochenlang verfolgte und beobachtete er den Weltstar, sprach mit Freunden und Familie, mit Bodyguards und Mafiosi. So konnte Talese ein Bild von Sinatra zeichnen, das so differenziert und tiefgründig ist wie kein anderes Dokument über den Sänger.

Das Umwerfende, das Neue aber: Talese erzählt in seiner Reportage aus der Ich-Perspektive. Er erzählt von Kränkungen und Peinlichkeiten, zieht sich selbst in die Geschichte rein. Diese Reportage ist 50 Jahre später immer noch eine Wucht – der „Esquire“ kürte den Text vor rund 15 Jahren zur „besten Reportage des Jahrhunderts“. Und natürlich ist die Freude groß, wenn da plötzlich, quasi aus dem Nichts, ein neues Buch von Talese angekündigt wird. Wenn es da plötzlich neue Pressefotos von dem Dandy gibt, auf denen er noch immer Hut und Seidenschal trägt.

Der Reporter Gay Talese ist einer der renommiertesten Journalisten in den USA. Bild-Zoom Foto: Roman Rios (EFE)
Der Reporter Gay Talese ist einer der renommiertesten Journalisten in den USA.

„Der Voyeur“ heißt das schmale Buch, das bereits vor einem Jahr in Amerika veröffentlicht wurde, und in Deutschland nun im „Tempo“-Verlag erscheint – unter jenem Siegel, in dem in den 80er Jahren deutsche Reporter ihren Idolen Talese, Tom Wolfe und Truman Capote nacheiferten. Und Talese ist seinem Schreiben, seinem Blick auf die Welt treu geblieben.

Getarnte Gucklöcher

Allein das Thema dieses Buches ist über jeden Zweifel erhaben, ein Traum für jeden Reporter: Es geht hier um Gerald Foos, der Mitte der 60er Jahre ein Motel an der Colfax Avenue in Aurora, Colorado kauft. Ein runtergerocktes Motel, wie es sie heute noch an jedem Highway in den Staaten gibt. Foos kauft das Motel nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern weil er seinem voyeuristischen Trieb nachgehen will. Er baut über die Zimmer des Motels einen flachen Gang und schneidet als Luftschächte getarnte Gucklöcher in die Zimmerdecken.

Von dort beobachtet er die Paare beim Sex und notiert seine Beobachtungen in ein kleines Büchlein. Da heißt es zum Beispiel: „Fazit: Unglücklicherweise scheint das sexuelle Bedürfnis der Eheleute von sehr unterschiedlicher Intensität zu sein. Auf einer Skala von eins bis zehn rangiert er vermutlich bei zwei und sie bei sieben. Aufgrund dieser Differenz – ungeachtet des höflichen Umgangs, den sie miteinander pflegen – stehen dieser Ehe in der Zukunft schwere Zeiten bevor.“ Das Buch ist voll von expliziten Sex-Darstellungen und der Küchentischpsychologie des Voyeurs.

Foos betrachtet sich selbst allerdings nicht als Spanner, vielmehr als Wissenschaftler, der durch seine Beobachtungen Interessantes zur Sexualforschung beitragen möchte. Doch weiß er, dass sein Beobachtungsposten nicht so ganz legal ist, und dass vielleicht sogar der Knast winkt, sollte er erwischt werden. An dieser Stelle kommt nun Gay Talese ins Spiel.

In den 80er Jahren ist der Reporter eine Berühmtheit, und Foos vertraut sich ihm zunächst in einem anonymen Brief an. Talese wittert eine Wahnsinnsstory, umgarnt den anonymen Briefschreiber. Und so kommt es bald tatsächlich zu einem Treffen: Talese fliegt nach Aurora, hängt bald selbst über dem Guckloch und beobachtet ein Paar beim Liebesspiel. Einmal, zweimal ist er dabei. Doch er ahnt: Diese Geschichte kann er nicht veröffentlichen, ohne den Namen des Motel-Besitzers zu nennen. Doch der verweigert das. Talese verliert das Interesse an Foos, der ihm allerdings jahrelang weitere Aufzeichnungen schickt. Darunter auch die angebliche Zeugenschaft eines Mordes.

2013 ist Foos dann plötzlich bereit, mit der Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Er braucht dringend Geld, will Sport-Devotionalien verkaufen.

Das Buch wird in Amerika zum Skandal, schließlich findet die „Washington Post“ heraus, dass Foos erhebliche Teile seiner Geschichte offenbar erfunden hat. Talese versäumte die Recherche. Verifiziert sind jedoch die Gucklöcher, der übergebaute Gang sowie die Zeugenschaft Taleses.

Dennoch ist dieses Buch ein zweifelhaftes Vergnügen. Erstens, weil der Leser selbst zum Voyeur wird und selbst über dem Guckloch des Motels hängt. Zweitens, weil Dichtung und Wahrheit verschwimmen – die Todsünde jeder Reportage. Drittens, weil die schriftstellerische Qualität des Textes dürftig ist. Talese reicht es über weite Strecken aus, langatmige und wenig poetische Tagebucheinträge von Foos aneinanderzureihen.

Besonders, und das macht Talese noch immer so schnell niemand nach, ist allerdings die Charakterzeichnung des Voyeurs, die Analyse der Briefe, die Aufzeichnung eigener Gedanken. Man lernt mit Gerald Foos einen miesen und überheblichen Menschen kennen, über den Talese schreibt: „Zweifellos war er ein Voyeur, wie es nur wenige vor ihm gab.“

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