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Frankfurter Künstlerin macht mit "Faust" Furore: Biennale in Venedig: Anne Imhof und Franz Erhard gewinnen Goldene Löwen

Deutschland dominiert mit zwei Goldenen Löwen bei der Kunst-Biennale in Venedig. Der Frankfurter Künstlerin Anne Imhof scheint der internationale Durchbruch jetzt gelungen: mit einem düsteren, ausufernden Werk über Schrecken, Gewalt und Faschismus – „Faust“ heißt es in guter deutscher Tradition.
In schwarzen Klamotten ziehen Peiniger und Gepeinigte wie Zombies durch Anne Imhofs Glaskonstruktion. Fünf Stunden dauert ihr „Faust“, eine Performance zu Gewalt und Faschismus. Foto: Giacomo Cosua (imago stock&people) In schwarzen Klamotten ziehen Peiniger und Gepeinigte wie Zombies durch Anne Imhofs Glaskonstruktion. Fünf Stunden dauert ihr „Faust“, eine Performance zu Gewalt und Faschismus.

Kontrastreicher könnten die beiden deutschen Preisträger auf der diesjährigen Kunst-Biennale in Venedig kaum sein. Hier der 77 Jahre alte Konzeptkünstler Franz Erhard Walther, der mit seinen bunten Stoffwerken seit Jahrzehnten eine feste Größe in der zeitgenössischen Kunst ist. Dort die 39-jährige Anne Imhof, die einst als Türsteherin jobbte und nun in schwarzen Klamotten und mit brutaler Performance-Kunst als neuer Shootingstar gefeiert wird.

Nazi-Vergangenheit

Gemeinsamkeit: Sie sind beide aus Hessen. Walther stammt aus Fulda, die Städelschul-Absolventin Imhof aus Gießen. Sie lebt inzwischen in Frankfurt und Paris. Beide haben die Jury mit ihren Beiträgen auf der Kunstbiennale (Motto: „Viva Arte Viva“) überzeugt. Walther als bester Künstler, Imhof für die Gestaltung des deutschen Pavillons. Und auf ihr liegt nun das Augenmerk der internationalen Kunstwelt. „Viva Anne Viva“ also?

Hat hart gearbeitet mit ihrem Team in den vergangenen Wochen: Erschöpft und stolz zeigt die Frankfurter Künstlerin Anne Imhof den Goldenen Löwen. Bild-Zoom Foto: MEROLA/EPA/REX/Shutterstock (Rex Features)
Hat hart gearbeitet mit ihrem Team in den vergangenen Wochen: Erschöpft und stolz zeigt die Frankfurter Künstlerin Anne Imhof den Goldenen Löwen.

Er ist wahrlich kein einfacher Raum, der deutsche Pavillon, den in diesem Jahr Susanne Pfeffer vom Fridericianum in Kassel kuratiert hat. Er ist von der nationalsozialistischen Geschichte tief durchdrungen. Künstler kämpfen seit Jahren mit der Gestaltung des bombastischen Gebäudes. Christoph Schlingensief baute eine „Kirche der Angst“ in den Pavillon, den die Nazis einst für ihre Propaganda nutzten. Er bekam dafür 2011 posthum den Goldenen Löwen. Nun folgt ihm Imhof.

Dobermänner im Zwinger

Sie nutzt das brutale, noch immer an den Faschismus erinnernde Ambiente des Gebäudes gnadenlos für ihre Arbeit „Faust“. Imhof will, sagt sie, angehen gegen das, „was wir mit dieser Vergangenheit verbinden“. Vor die Türen hat sie zwei Dobermänner wie Wachhunde in einen Zwinger gesperrt. Ein Glasboden durchzieht das Gebäude. Darsteller bewegen sich wie Zombies zu dröhnenden Sounds mehrere Stunden unter den durchsichtigen Flächen durch den Raum, kratzen wie Eingesperrte verzweifelt an Glaswänden, mischen sich unter die Besucher. Sie kriechen am Boden, hängen an Gurten von der Wand. Masturbation, Sex, Gewalt, Macht, Aggression: Alle Elemente dessen, was Faschismus kennzeichnet und beherrscht, sind hier verwoben. Als „kraftvolles und verstörendes“ Werk beschrieb das die Jury. Imhof dränge den Zuschauer „in einen Zustand der Angst“.

Franz Erhard Walther (77) arbeitet in Fulda und war zuvor noch nie zur Biennale in Venedig eingeladen, wohl aber zur Documenta in Kassel. In seinen Ateliers wird viel genäht, auch das gelbe Tuch, vor dem er steht. Er ist nun „bester Künstler“. Bild-Zoom Foto: Annette Reuther (dpa)
Franz Erhard Walther (77) arbeitet in Fulda und war zuvor noch nie zur Biennale in Venedig eingeladen, wohl aber zur Documenta in Kassel. In seinen Ateliers wird viel genäht, auch das gelbe Tuch, vor dem er steht. Er ist nun „bester Künstler“.

Die Besucher indes sind gespalten. Die einen sehen ein fesselndes Werk, das sich mit Ausgeschlossenheit, Ungerechtigkeit und Gewalt in der Welt auseinandersetzt. Andere halten es für ein plattes, klischee- und schablonenhaftes Spiel mit den ewigen Versatzstücken einer düsteren deutschen Vergangenheit. Aber wie immer das Urteil ausfallen mag, gewiss ist: „Faust“ provoziert Reaktionen. Die Arbeit setzt sich von anderen Pavillons und auch von der Hauptausstellung ab. Denn unter dem Motto „Es lebe die Kunst“ hat Kuratorin Christine Macel vom Pariser Centre Pompidou eine eher optimistische, mitunter gar belanglos wirkende Schau zusammengetragen, die die Kunst an sich feiern soll. Politische Aktionen sind da nicht so gefragt. Stattdessen gibt es viel Textil- und Bastelkunst zum Mitmachen.

Willkür und Gewalt

Imhofs Arbeit wirkt vor diesem Hintergrund vielleicht nicht gerade originell, aber exzessiv, maßlos, martialisch, monumental in Form und Anspruch. Imhof wurde 1978 in Gießen geboren und wuchs in Fulda auf. Sie studierte an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, später an der Städelschule in Frankfurt. Nebenbei jobbte sie als Türsteherin im Offenbacher Techno-Club „Robert Johnson“ und sang in einer Band. In ihren Performances lässt sie Drohnen und Falken fliegen, Taschendiebe tanzen und Türsteher Geheimcodes austauschen. Ihre Arbeiten erstrecken sich über Zeiten und Orte. Es sind Gesamtkunstwerke aus Musik, Aktion, Film, Installationen und bildender Kunst, die sie mit einem großen Team realisiert. Aufsehen erregte 2016 ihr dreiteiliger Zyklus „Angst“, den sie selbst eine „Oper“ nannte: Teil eins lief in Basel, Teil zwei im Hamburger Bahnhof in Berlin und Teil drei in Montréal. Manche sahen in ihr damals schon den kommenden Star des Kunstbetriebs, der sich ja gern an den Schauern delektiert, die von einer Ästhetik des Schreckens aus deutschen Landen, immer wieder ausgeht, ob „Rammstein“ oder Neo Rauch.

Ein Titel wie „Faust“ macht sich außerdem immer gut. Man hört Goethe und Thomas Mann mit. Sofort klingt ja das ganze mythische Gewaber an, das das Publikum an deutscher Kunst so schätzt: Wahn, Versuchung, Vermessenheit, Tiefe, Macht und Ohnmacht, Willkür und Gewalt, Unterwerfung und Freiheit, Verbrechen und Tod. Imhofs Werk speist sich Richard-Wagner-haft aus nahezu allen Kunstgattungen, es beansprucht zeitlich wie räumlich außergewöhnliche Dimensionen. 2013 wurde sie im Frankfurter Portikus vorgestellt. Auch in New York, Paris und London waren ihre Arbeiten schon zu sehen. 2015 bekam sie den Preis der Nationalgalerie für junge Künstler unter 40.

Musik und Angst

Zu ihrem Team gehören mehr als 30 Leute. Je nach Art der Arbeit sind es Musiker, Sänger, Tänzer oder Models, Bühnenbildner, Architekten, Fotografen oder Filmemacher. Oder ein Drohnen-Administrator, ein Falkner und eine Seiltänzerin wie für „Angst II“ in Berlin. In Venedig hat man den Eindruck, Imhof stehe nicht gerne im Scheinwerferlicht. Man sieht ihr bei der Preisverleihung die Anstrengungen der letzten Monate an. Immer wieder dankt die 39-Jährige ihrem Team, ihrer „geliebten Tochter“ und ihrer Lebenspartnerin, Model und Künstlerin Eliza Douglas, die auch in der rund fünfstündigen Performance „Faust“ auftritt. Während Imhof also apokalyptischen deutschen Budenzauber inszeniert, fügt sich Franz Erhard Walther eher ins Bild dieser heiter-verspielten Biennale, die noch bis November zu Rundgängen einlädt: Seit den 60er Jahren versetzt er das Publikum in seine Kunst, um es zum Teil von ihr zu machen. Ein Aspekt, der auch bei Imhof zentral ist. Die Jury hob die „radikale und komplexe Natur“ seines Werkes hervor.

Immerhin: Mit seinem gelben Pullover und seinem roten Hemd passt Walther perfekt zu den gelben und roten Stoff-Kunstwerken, die er in Venedig ausstellt. Mit 77 Jahren ist er zum ersten Mal zu der Kunstschau in Venedig eingeladen worden und gewann prompt den Goldenen Löwen als bester Künstler. „Das war wirklich eine Überraschung“, sagte er sichtlich bewegt. Der Bäckers-Sohn ist seiner Heimat treu geblieben. Während sich die hippe Kunstszene in Berlin niedergelassen hat, arbeitet der Mann mit den grauen Haaren und dem kleinen Bäuchlein immer noch in Fulda.

Das heißt nicht, dass er ein harmloser Provinzler ist. Während seiner Karriere eckte er immer wieder an. So flog er wegen eines Streits mit dem Professor 1961 von der Städelschule in Frankfurt. Später studierte er an der Kunstakademie Düsseldorf bei Karl Otto Götz – zeitgleich mit heute weitaus bekannteren Künstlern wie Gerhard Richter und Sigmar Polke.

Grüße an Hitler

1972 stellte er erstmals auf der Documenta aus, mehrere Teilnahmen bei der wichtigen Ausstellung für zeitgenössische Kunst in Kassel folgten. Selbst Marcel Duchamp wollte ihn kennenlernen, doch der französische Pate aller modernen Künstler starb, bevor es dazu kommen konnte. Obwohl Walther in der Kunstwelt seit Jahrzehnten eine feste Größe ist: Dem breiten Publikum galt der Textilkünstler bisher als Geheimtipp. In seinem Atelier wird viel genäht. Seine Stahl- oder Eisenplatten, die er auf den Boden legt, darf man betreten. Martin Kippenberger, Jonathan Meese, der auch mit einer gescheiterten „Parsifal“-Inszenierung in Bayreuth und diversen Hitler-Gruß-Aktionen auf sich aufmerksam machte, oder Santiago Sierra gehörten zu seinen Schülern.

Zwei Mal also der Goldene Löwe für Deutschland: „Es ist ein perfekter Zufall, ein glücklicher Zufall“, sagte Biennale-Präsident Paolo Barrata. Und obwohl immer wieder betont wird, dass Kunst nie nur national sein kann und in einem globalen Kontext steht – für die deutsche Kunstszene war der vergangene Samstag ein guter Tag.

(dpa,klu)
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