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Comics: Bilder, die Geschichten erzählen

Nichts ist im Comic so wichtig wie das Verhältnis von Bild und Wort. Jeder Künstler findet dafür seine eigene Balance. Wie, zeigen neue Comics auf der Messe.
Unser Experte findet, »Low« sei einer der am schönsten erzählten Comics. Foto: Verlag Unser Experte findet, »Low« sei einer der am schönsten erzählten Comics.

Manche kommen seitenweise ohne einen einzigen Satz aus, andere ertränken ihre Bilder unter einer Flut von Buchstaben. In neuen Comics hat fast immer das Bild die Oberhand, doch in vielen alten Bänden gibt es noch jede Menge Schrift zu lesen. Viele dieser textlastigen Klassiker werden derzeit neu aufgelegt als schicke große Hardcoverbände und behaupten sich so neben den vielseitigen Neuerscheinungen.

Eine der am schönsten erzählten neuen Comics ist „Low“ (Splitter-Verlag), eine Science-Fiction-Geschichte von Rick Remender und Greg Tocchini. In der Zukunft lebt die Menschheit in großen Städten auf dem Meeresboden und sucht nach einem Weg aus dem sterbenden Sonnensystem heraus. Daraus entspinnt sich eine fantastische Abenteuergeschichte, deren Inhalt im Vergleich zur Darstellung jedoch weniger wichtig ist.

Die beiden Amerikaner haben nicht nur die Dynamik amerikanischer Comicseiten mit einem rauen Strich kombiniert, der an französische Comickünstler erinnert, sondern auch eine durch und durch moderne Erzählweise gewählt. Erst im Spannungsfeld von Bild und Text entsteht hier der vollständige Sinn. Getrennt lassen sich die zwei Bestandteile nicht lesen.

„Alte Knacker“ (ebenfalls Splitter-Verlag), die französische Erzählung um drei alternde Freunde jenseits der 70, ist nicht nur hervorragend und mit einem Auge für Atmosphäre und Details gezeichnet, sondern verzichtet auch über mehrere Seiten ganz auf jegliche Worte. Die Bilder sagen alles.

Ganz anders verhält sich dies in den gleichnamigen Abenteuern des Captain Corto Maltese, die der Verlag Schreiber & Leser als schöne gebundene Bände – das Vorwort zum ersten Buch stammt von niemand geringerem als dem italienischem Bestsellerautor Umberto Eco – neu auflegt. Die Abenteuer des Kapitäns ohne Schiff, die der italienische Comiczeichner Hugo Pratt 1967 zu veröffentlichen begann, bringen außerordentlich viel Text mit sich, der sich jedoch oftmals seitenweise überblättern lässt, falls man doch schnell zur nächsten Handlung vorspringen will (ähnlich wie bei den Landschaftsbeschreibungen in den Romanen Karl Mays). Nichtsdestotrotz sind die Abenteuergeschichten Klassiker des Comics, die beim Verlag Schreiber & Leser eine besondere Würdigung erfahren: Es gibt sie in zwei Varianten. Einmal mit Farbe, einmal nur in Schwarz und Weiß, was für Comic-Puristen ein Genuss ist.

Selber Verlag, anderer Klassiker, ganz anderes Genre: „Druuna“ ist die titelgebende Heldin einer Reihe von Comics, in denen es mehr nackte Haut und Sex gibt, als es den Moralhütern früher angemessen schien. Die ehemalige Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften beschlagnahmte noch in den 1990ern die Comics, die es jetzt erstmals unzensiert in Deutschland gibt. Eine spannende Handlung steht bei „Druuna“ jedoch nicht im Vordergrund, vielmehr muss der Plot ausreichend Anlässe für spärliche Kleidung liefern – obwohl man sich manchmal auch ohne Anlass entkleiden kann.

Wie in „50 Shades of Grey“

Die deutsche Comicbranche wagt sich derzeit verstärkt an Erotik heran. Der Panini-Verlag, hierzulande vor allem mit amerikanischen Superheldencomics präsent, hat nicht nur in diesem Jahr die europäischen Comics als Geschäftsfeld entdeckt und ein eigenes Programm auf die Beine gestellt, sondern auch gleich zwei erotische Titel darin aufgenommen. „Monika“ ist ein Thriller rund um Kybernetik, Terrorismus und Erotik; „Sunstone“ ist die Liebesgeschichte zweier Frauen, die Beziehungsängste und Sexleben gleichermaßen illustriert und im Fahrwasser des Bestsellers „50 Shades of Grey“ gut aufgehoben ist.

Es gibt aber auch noch gute, altmodische Comics, die enstpannende Unterhaltung bieten. Die Serie um den Großwesir „Isnogud“, der den Kalifen stürzen will, um selbst Kalif zu werden, erfährt im Groß Gerauer Verlag Dani-Books ihre deutsche Fortsetzung. Im neuesten Band „Präsident Isnogud“ nutzt der kleine Mann mit dem großen Ego eine demokratische Wahl, um seinen Herren zu stürzen. Ähnlichkeiten des klamaukigen Comics mit dem Arabischen Frühling sind selbstverständlich rein zufällig.

Die einheimischen Künstler haben im vergangenen Jahr jedoch auch nicht geruht: Felix Mertikat hat mit Band 4 seine preisgekrönte Reihe „Steam Noir“ (Verlag Cross-Cult) nicht nur zum Abschluss gebracht, sondern dürfte auch noch die Premiere seiner Reihe auf dem französischen Markt feiern – ein Erfolg, der nur wenig deutschen Comic-Künstlern beschieden ist. „Das Upgrade“, von Sascha Wüstefeld und Ulf Graupner und im Verlag Cross Cult erschienen, erzählt die Geschichte des einzigen Superhelden der DDR, Ronny Knäusel, der die Kunst der Teleportation beherrscht, durch die Wende arbeitslos wurde, aber jetzt welterschütternde Ereignissen begegnen muss. Die psychedelische Intensität der Farbkomposition sucht hierzulande ihresgleichen.

Alles in Blau

Ganz anders setzte der Frankfurter Künstler Christopher Tauber die erste Graphic Novel von „Die drei ???“ um. Ihm genügte neben schwarzer Tusche ein einziger blauer Farbton, um den drei Detektiven Justus, Bob und Peter aus der bekannten Hörspielserie gezeichnete Gesichter zu verleihen. Vielleicht hilft gerade das den treuen Fans darüber hinweg, dass sie ihre Lieblingsdetektive erstmals nicht hören, dafür aber sehen – ein durchaus ungewohnter Weg, die neueste Krimistory „Die drei ??? und der dreiäugige Totenkopf“ (Kosmos-Verlag) aus Rocky Beach zu verfolgen.

In „The Singles Collection“ (Verlag Reprodukt) des Zeichners und Texters Mawil sind seine Comic-Kolumnen aus dem Berliner Tagesspiegel gesammelt, die durch ihren scheinbar so einfachen, fast kindlich anmutenden Zeichenstil immer wieder verschleiern, wie clever sie gemacht sind. Ganz anders hält es „Rohrkrepierer“ (Carlsen) von Isabel Kreitz nach dem gleichnamigen Roman von Konrad Lorenz, das die Kindheit „auf St Pauli“ nach dem Krieg bebildert. Nur mit Tusche, Sepia und schwarzem Buntstift fing sie diese drückende Zeit in Grautönen ein, welche die Distanz zu unserer heutigen Zeit herstellen, ohne die Geschehnisse dabei ihrer Lebendigkeit zu berauben. Der Text hält sich dabei so weit wie nötig im Hintergrund.

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