Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Ausstellung im Kunstverein Familie Lola Montez: Bilder von Annie Leibovitz: Sechs Sekunden Schönheit

Unter der Honsellbrücke, in den Betongemäuern des Frankfurter Kunstvereins Lola Montez, erstrahlen neue und alte Frauen-Porträts der New Yorker Starfotografin Annie Leibovitz.
Die Schwestern Venus und Serena Williams in inniger Umarmung, aufgenommen in Palm Beach, Florida. Beide posierten auch für Leibovitz’ aktuellen „Pirelli“-Kalender, der verdiente Persönlichkeiten anstatt reiner Schönheiten zeigt. Die Schwestern Venus und Serena Williams in inniger Umarmung, aufgenommen in Palm Beach, Florida. Beide posierten auch für Leibovitz’ aktuellen „Pirelli“-Kalender, der verdiente Persönlichkeiten anstatt reiner Schönheiten zeigt.
Frankfurt. 

Normalerweise herrscht sonntags im Kunstverein Lola Montez eine schluffige Atmosphäre: Kunstfreunde sitzen auf speckigen Sofas und trinken Kaffee aus der Filtermaschine oder betrachten Werke lokaler Künstler. Diesmal aber bewacht ein Security-Mann die Tür und lässt nur nach und nach die lange Schlange Wartender eintreten.

Im Ausstellungsraum herrscht trotz des Andrangs bedächtige Ruhe. Die Sofas sind weg, die Leute starren gebannt auf zwei große Monitore, auf denen die berühmten Starporträts der Fotografin Annie Leibovitz für jeweils sechs Sekunden aufflimmern. Nur der dritte Monitor zeigt das stehende Bild von Queen Elisabeth II. in feiner Robe mit Fellschal über dem Arm im Buckingham-Palast. Alles in der Welt ist flüchtig, außer der Queen.

Der nackte Lennon

Einige Abzüge von Leibovitz’ Fotos wurden mit Reißzwecken an eine lange Holzwand gepinnt, die mit Plexiglas geschützt ist. Die junge Meryl Streep (1981) – mit weiß geschminktem Gesicht – zieht ihre Haut mit den Fingern auseinander. Daneben hängt das Foto vom nackten John Lennon, der die angezogene Yoko Ono umarmt (8. Dezember 1980) – fünf Stunden später wurde Lennon ermordet.

Nicht alle Porträts in der Ausstellung stammen aus dem ursprünglichen Projekt „Women“, das die heute 67-Jährige mit ihrer damaligen Partnerin Susan Sontag, die 2004 starb, initiierte. Viele ältere Fotografien sind zu sehen, aus Leibovitz’ Zeit als Promi-Fotografin für „Vogue“, „Rolling Stone“ und „Vanity Fair“ oder aus dem „Pirelli“-Kalender. Es ist der Wiedererkennungseffekt, der am meisten Spaß macht beim Betrachten der Bilder. Die Schauspielerinnen Nicole Kidman und Barbra Streisand, die „Vogue“-Chefredakteurin Anna Wintour, die Supermodels Claudia Schiffer und Cindy Crawford: „Celebrities“, die teilweise inzwischen sehr viel älter geworden sind, hat Leibovitz auf der Höhe ihrer Zeit – und doch zeitlos – eingefangen.

Das Hauptaugenmerk der Ausstellung gilt den aktuelleren Bildern, mit denen Leibovitz seit 2015 die Reihe wiederaufnahm, gesponsert von der UBS-Bank, die auch in Frankfurt Gastgeber ist. Die Popsängerin Adele legt ganz leger den Arm auf ihr Klavier, die rechte Hand liegt auf den Tasten, sie blickt verträumt in die Ferne. Die Tennisschwestern Serena und Venus Williams umarmen sich, scheinen sich gegenseitig zu beschützen. Misty Copeland, die erste afro-amerikanische Primaballerina in der Geschichte des American Ballet Theater, schreitet auf Spitzenschuhen in einem langen Kleid aus fließendem Stoff über die Bildfläche.

Andere Bilder sind reine Gesichtsporträts, wie die eindrucksvollen Nahaufnahmen der Primatenforscherin Jane Goodall und der burmesischen Politikerin Auun San Suu Kyi. Die Leibovitz’-Fotografien, oder vielmehr die Frauen selbst, üben einen eigentümlichen Sog auf den Betrachter aus: Obwohl sie unerreichbar erscheinen, möchte man in diese großen Persönlichkeiten hineinkriechen, mit ihnen sprechen, alles über sie erfahren.

Auf den neueren Fotografien stellt Leibovitz in den Fokus, was die Porträtierte tut, weniger die ästhetische Inszenierung. So hat sie die pakistanische Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai, „Fürsprecherin des Rechts von Mädchen auf Bildung“, die von den Taliban für ihren mutigen Protest fast getötet wurde, stehend in einem Klassenraum fotografiert. Samantha Fox, mit 42 die jüngste amerikanische Uno-Botschafterin und Menschenrechtsaktivistin, sitzt mit Kleinkind auf dem Schoß und Telefon am Ohr in ihrem Büro und scheint die Fotografin nicht zu bemerken. Kamala Harris, die erste (farbige) Frau, die in Kalifornien zur Generalstaatsanwältin gewählt wurde und sich für die Rehabilitation von Gefangenen einsetzt, hat Leibovitz im Gerichtsgebäude abgelichtet. 1999, als „Women“ begann, seien noch nicht so viele Frauen in Führungspositionen gewesen – das Thema sei inzwischen mehr in den Vordergrund gerückt.

Merkel ziert sich noch

Sie sei zuversichtlich, dass sie auch bald Hillary Clinton im Weißen Haus fotografieren werde, sagte Leibovitz der „New York Times“. Angela Merkel ziert sich noch, heißt es. Ihr Name steht auf einem Zettel, der ganz am Ende an die Fotowand gepinnt ist – neben einem gelben Post-It mit der Notiz „J. K. Rowling“.

 

„Annie Leibovitz: Women – New Portraits“. Kunstverein Familie Montez, Honsellstraße 7, Frankfurt. Bis 6. November 2016. Geöffnet Mo–So 10–18 Uhr, Fr 10–20 Uhr. Eintritt frei

 

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse