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"Blue Man Group": Blaue Männer braucht das Land

Von Mit Farbentrommeln, Röhrenspielen und Marshmallow-Werfen sind die Showkünstler in der Alten Oper zu sehen. Erlaubt ist, was gefällt.
An die Arbeit! Man muss keinen Blaumann-Anzug tragen, aber man sollte ein Blaumann sein, wenn man zur „Blue Man Group“ gehört. Die Mitglieder der Kunstbrigade schweißen auch. Bilder > Foto: Lindsey Best An die Arbeit! Man muss keinen Blaumann-Anzug tragen, aber man sollte ein Blaumann sein, wenn man zur „Blue Man Group“ gehört. Die Mitglieder der Kunstbrigade schweißen auch.

Sie trommeln erst gelbe Farbe, dann gesellt sich noch rote dazu. Mit jedem Schlag spritzt mehr Farbe auf der Bühne. Aber auch kleine Mund-Farbbomben kommen zum Einsatz. Es ist eine grell-bunte und muntere Farb-Panscherei, welche die drei Blaumänner in rund 90 Minuten veranstalten – nach Ostern auch in der Alten Oper Frankfurt. Doch die rhythmisch grundierten fröhlichen Farborgien sind nicht alles: Mal muss einer der Blaumänner mehr als ein Dutzend Marshmallows mit dem Mund fangen, mal mümmeln sich die Drei mit Cornflakes zu einem wahren Crunch-Konzert, mal flirren digitale Welten und Icons über mannsgroße Bildschirme. Dazu Rhythmen, aus denen sich auch schon mal eine Karneval-in-Rio-Stimmung entwickelt.

Aus allen Rohren

Doch kurz bevor die Show in eine heiße Samba-Party kippen könnte, werden einige Leute aus dem Publikum auf überraschende Weise kalt erwischt. Denn die „Blue Man Group“, die PVC-Rohre zu Instrumenten macht und deren Darsteller ein tolles Gespür für Situationen und deren Komik haben, bezieht auch mehrmals das Publikum ein. Immer wieder begleitet sie ihr Tun und Treiben mit den so typischen und wie riesig wirkenden Augen und fragenden Blicken. Ganz so, als wären sie manchmal selbst etwas erstaunt über die Dinge, die sie tun oder die passieren.

Bei einem Blick hinter die Kulissen der Show und im Gespräch mit dem „Blue Man Captain“ Adam Erdossy erfährt man einiges über die Instrumente, die Eigenschaften, die ein wahrer „Blue Man“ mitbringen muss, oder die Philosophie hinter dem Spektakel, das immer wieder Änderungen erfährt. Denn auch, wenn einige Elemente konstant oder wiedererkennbar bleiben: Die Show hat sich seit ihrer Entstehungszeit verändert, weil sich auch die Art, wie Menschen leben und miteinander umgehen, in den letzten Jahren verändert hat. Da Bildschirme oder Displays jeder Art heute eine große Rolle spielen, sind inzwischen große Screens in die Show gekommen, und mit ihnen der Raum für interaktiv demonstrierten Zeitgeist.

Stumme Philosophie

Die PVC-Rohre sind inzwischen ebenso wenig aus der Show wegzudenken wie die Blaumänner selbst. Es ist eindrucksvoll zu sehen, wie die Drei das immer mal wieder in Farben getauchte Röhrenkonglomerat zusammenschieben oder auseinanderziehen, um ihm Musik zu entlocken. Das PVC-Instrument ist die etwa sechs Meter breite Ansammlung von ineinander verschränkten Abflussrohren, die von allen drei „Blue Men“ gleichzeitig gespielt werden muss. Für Musik sorgen außerdem noch Schlagzeuger, ein Zither-Spieler sowie eine Art Bassgitarre mit 13 Saiten, der „Chapman Stick“.

Bei den Röhren steckt man auch schon direkt in der Philosophie des Ganzen. Und zwar nicht nur, weil die stummen Blaumänner mit ihren großen Augen über die Musik kommunizieren und interagieren. „Blue Man Captain“ Adam Erdossy erläutert, dass die Röhren in verschiedenen Größen und Tonlagen betonen, dass alle immer zusammenarbeiten müssen, um etwas zu erschaffen. Es geht der „Blue Man Group“ nämlich auch um das Thema Individuum und Gruppe: „Amerikaner sind vom Individualismus geradezu besessen. Anders als beispielsweise die Menschen in Japan, wo das Individuum in der Gruppe aufgeht.“ Und Erdossy ergänzt: „Die Stücke wurden so arrangiert, dass sie gar nicht von einer einzelnen Person gespielt werden können.“

Dazu passt auch, dass wegen des Rotationsprinzips jeder der „Blue-Man“-Charaktere jeden Part kennen muss. Das hat zwar zum einen ganz praktische Gründe, denn so kann jeder jeden ersetzen. Zum anderen bleiben die Show-Auftritte aber auch für die einzelnen „Blue-Man“-Darsteller interessant, erzählt Erdossy, der schon seit vielen Jahren als „Blue Man“ mit der Show tourt. Schließlich bringt jeder in jeden Part seine Eigenarten ein. So entstehen immer wieder kleine Änderungen, welche die anderen aufnehmen müssen. Aber auch der Aufführungsort der Show, bei der jeweils ein paar Leute aus dem Publikum auf die Bühne gebeten oder angesprochen werden, sorgt dafür, dass keine starre Routine entstehen kann. Auch wenn verschiedene „Blue Man Groups“ rund um den Globus touren, so sind doch auch die einzelnen Gruppen in immer wieder anderen Ländern unterwegs und suchen nach einzelnen Nummern, mit denen das jeweilige Publikum in Berührung gebracht werden kann.

Er selbst habe nach einigen Auftritten in der Show gedacht, dass er aufhören müsse, weil er glaubte, nicht jeden Abend dasselbe machen zu können. Aber nun sei er bereits 11 Jahre bei der Truppe, und die Tatsache, dass er immer rotiere und sich immer wieder Kleinigkeiten ändern, führten dazu, dass er noch immer gerne „Blue Man“ sei, erzählt Erdossy lachend.

Offen für Neues

Wer Teil der „Blue Man Group“ werden möchte, muss unbedingt offen für Neues sein und bereit, immer wieder lernen zu wollen. „Die Instrumente können nämlich wirklich frustrieren“, grinst er. „Und manchmal muss man auch einfach alles vergessen können, was man zuvor musikalisch gelernt hat.“ Darum kann er nicht beantworten, ob es generell besser ist, wenn jemand eine fundierte musikalische Ausbildung mitbringt oder nicht. Begeisterung für Musik muss auf jeden Fall vorhanden sein. Da es in einer Show, in der Improvisation auch immer wieder eine Rolle spielt, keinen exakt festgelegten Zeitpunkt für einen Blick oder eine Kopfbewegung geben kann, müssen die „Blue Men“ ein sehr gutes Gespür für Situationen mitbringen, im Grunde sogar die erstaunten Blicke, die sie sich zuwerfen, echt meinen.

Außerdem haben die Charaktere nicht so eine komplizierte Psyche mit komplexen Gedanken und Gefühlen, die zu Urteilen, Liebe oder Kränkbarkeit führen, wie wir Menschen. „Die ,Blue-Man-Charaktere sind Wesen, die im dauernden Jetzt leben. Ohne Erinnerungen an Vergangenes oder Ängste vor der Zukunft. Dafür braucht es eine gewisse Unschuld“, so Erdossy.

Ende der 80er Jahre entstand die Gruppe als spontane Idee der drei New Yorker Künstler Chris Wink, Phil Stanton und Matt Goldman. Die drei arbeiteten als Straßenkünstler für eine Catering-Firma und organisierten Happenings und kleine Auftritte. Für eine Aktion malten sie sich damals blau an. Von New York aus hat die Show, die als Off-Broadway-Show begann, längst die Welt erobert. Rund 100 Schauspieler und Musiker sind weltweit mit mehreren Show-Gruppen unterwegs – 40 bis 50 davon mit den für die Show blaugeschminkten Gesichtern.

Blue Man Group

Alte Oper, Großer Saal, Frankfurt.
3. bis 8. und 16. bis 21. April.
Karten zu 45,70 bis 102 Euro unter
Telefon (069) 13 40 400.
Internet www.frankfurt-ticket.de

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