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Popkonzert: Blumfeld gastierten im Frankfurter „Zoom“

Ob die Hamburger Formation „Blumfeld“ sich richtig wiedervereinigt, ist weiterhin ungewiss. Doch zunächst mal genoss sie ihren Auftritt.
Der Weg zu Bob Dylan ist lang, aber „Blumfeld“-Sänger Jochen Distelmeyer, ein Musiker alter Hamburger Schule, hat ihn immerhin schon eingeschlagen. Foto: Julian Sajak Der Weg zu Bob Dylan ist lang, aber „Blumfeld“-Sänger Jochen Distelmeyer, ein Musiker alter Hamburger Schule, hat ihn immerhin schon eingeschlagen.
Frankfurt. 

Man muss nicht alles psychologisieren. Aber wer Jochen Distelmeyer vor zwei Jahren auf seiner Tournee „Songs From The Bottom Vol.1“ in der Frankfurter „Brotfabrik“ besuchte, erlebte den „Blumfeld“-Sänger anders als gewohnt. Ein leidenschaftlicher Interpret fremder Lieder zu wirkungsvollen Akustik-Arrangements. Man durfte über dieses Abenteuer spekulieren. Vielleicht wollte sich Distelmeyer mal von den Fesseln der eigenen Songs befreien, um mit Coverversionen von den „Bee Gees“ über „Radiohead“ bis Britney Spears die „Hamburger Schule“ und das Image des „Diskurs-Rockers“ hinter sich zu lassen. Solche Projektionen sind wie ein Klotz am Bein. Ein vermeintlicher „Kopfmusiker“ muss auch Seele zeigen und sich als launiger Entertainer entpuppen dürfen.

Tanz der Zuckerfee

Diese Erfahrungen hat Distelmeyer nun in die „Blumfeld“-Konzerte hinübergerettet. Und siehe da: Sie lassen sich sogar mit den politischen Songs der Frühphase auf „Ich-Maschine“ (1992) und „L’Etat Et Moi“ (1994) synchronisieren, die gut die Hälfte des Live-Programmes ausmachen. Dass der „Tanz der Zuckerfee“ aus dem Ballett „Der Nussknacker“ von Tschaikowski auf den Auftritt einstimmt, hat wohl keine inhaltliche Bewandtnis, zeugt aber vom guten Geschmack der Musiker. „Einfach so“ heißt dann auch der gewohnt ruppige, spröde Gitarren-Opener mit den Gründungsmitgliedern Eike Bohlken am Bass, André Rattay am Schlagzeug, dazu Daniel Florey an der zweiten Gitarre. „Ei Gude wie – alles tutti bei euch in Frankfurt?“, sucht der so gar nicht distanzierte Distelmeyer gleich Kontakt zu seinen Fans im ausverkauften „Zoom“. Der Club ist Rock ’n’ Roll. Eine Bühne, eine Bar, kein Schnickschnack. Das garantiert unverstellte Interaktion.

Und weiter geht’s im elektrifizierten Wanderklampfen-Duktus. Kaum einer schrammelt so herrlich, ob auf der Fender Telecaster, der Halbresonsanz-Gibson oder der asymmetrischen Firebird, wie Distelmeyer. Seine Texte, deren Sendungsbewusstsein Dylan-Formate erreichen könnte, presst er in meist kurze Stücke mit abrupten Enden. Kein Wunder, dass der Frontmann hier nicht den Belcanto geben kann, es eher oft zu kantigem Sprechgesang reicht. Seinen Gassenhauer „Viel zu früh und immer wieder Liebeslieder“ führt er mit einem Frankfurt-Flirt ein. Mit der Grünen Soße hatte er es schon in der „Brotfabrik“. Inzwischen kann er dank hessischem Tourbegleiter im Team die sieben Kräuter aufzählen. Erst nach dreißig Tourneejahren habe er festgestellt, was für eine coole Stadt Frankfurt sei. Da muss man sich auch an einem für einen hanseatischen Ostwestfalen schwierigen Zungenbrecher wie „Was hat’n da de Pappa da?“ versuchen. Ob er weiß, dass Ali Neander, der Gitarrist der „Rodgau Monotones“, im Publikum ist und seinen Gitarren-Spezi Tobias Levin besucht?

Als Levin als Gast zum Quartett gebeten wird, Florey auch mal ans Keyboard wechselt, klingt der Intellektuellen-Punk differenzierter, abwechslungsreicher. Sein textsicheres Publikum hat Distelmeyer längst mitgenommen. Das tanzt auch mal Pogo zum Politsong, singt bei „Wohin mit dem Hass?“ mit, als wäre das ein banaler Pophit. Aber wenn so etwas von der Botschaft hängenbleibt, die später noch einmal in „Die Diktatur der Angepassten“ aufgegriffen wird, haben alle gewonnen. Siebzig Minuten dauert das konzentrierte, schweißtreibende Set der Band, nach vier Zugaben werden es zwei Stunden sein.

Tal der Tränen

Den Schmachtfetzen „Tausend Tränen tief“ intoniert Distelmeyer gestenreich tänzelnd zum schwülstigen Playback. Ist er bei seinem Spaziergang vorher am „Travolta“ vorbeigekommen? Er scheut keinen Kitsch. Stilvoller gerät, wieder im Gruppenverband, „Verstärker“. Auch wenn es da um ganz andere Rückkopplungen geht, kombiniert der Sänger seine Mystery-Hysteria-Meditation mit einem Zitat aus „Electric Guitars“ von der wunderbaren britischen Band „Prefab Sprout“, um zu einem balladesken Ausklang mit Cole Porters „Ev’ry Time We Say Goodbye“ zu finden. Von „Dur zu Moll“ heißt es im Text. „Blumfeld“ drehen es eher um. Spaß ist nicht verboten.

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