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Barocke Passionsmusik: Blut, Schweiß und Hoffnung

Von Ob Kirche oder Konzertsaal: Die Menschen suchen in der vorösterlichen Zeit nach musikalischer Erbauung. Warum berühren Kompositionen wie die „Matthäus-Passion“ oder die „Johannes-Passion“ von Johann Sebastian Bach noch immer die Herzen der Menschen? Die Bad Homburger Kantorin Susanne Rohn versucht, Antworten zu geben.
Passionskonzert unterm Kreuz: Der Bachchor singt in der Erlöserkirche Bad Homburg. Bilder > Passionskonzert unterm Kreuz: Der Bachchor singt in der Erlöserkirche Bad Homburg.
Bad Homburg. 

Es ist fast wie in der Adventszeit, wenn Tausende voller Sehnsucht nach Besinnung und Einkehr in die Kirchen strömen, um sich mit dem „Jauchzet, frohlocket“ aus Bachs „Weihnachtsoratorium“ auf die kommenden Festtage einstimmen zu lassen. Nur, dass die Musik in der Karwoche nicht ganz so fröhlich daherkommt. Trauer, aber auch Trost spenden die Passionsvertonungen, die das Leiden Christi am Kreuz und die Auferstehung zu Ostern vergegenwärtigen.

Ergriffenes Publikum

Landauf, landab erschallen die Passionsmusiken in Kirchen und Konzerthäusern, allen voran die Vertonungen von Johann Sebastian Bach (1685–1750) nach dem Johannes- und dem Matthäus-Evangelium. Schneidend ziehen sich die „Kreuzige“-Rufe der Chorsänger durch die Gotteshäuser, berührt der berühmte Paul-Gerhardt-Choral „O Haupt voll Blut und Wunden“, tröstet der Schlusschor der Bachschen „Matthäus-Passion“, „Wir setzen uns mit Tränen nieder“, das ergriffene Publikum.

Info: Platten-Tipps

Vor allem die Passionsvertonungen von Johann Sebastian Bach sind in zahlreichen CD-Aufnahmen erhältlich. Neben den prominenten Einspielungen von Philippe Herreweghe oder John Eliot Gardiner stellt

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Doch was ist es, das Menschen verschiedener Konfessionen, Gläubige wie Nicht-Gläubige, regelmäßige Kirchgänger, aber auch weniger religiös Aktive zu den vielen Aufführungen treibt? Was fesselt heute Menschen an dem biblischen Geschehen, das vor rund 2000 Jahren stattfand, verpackt in Musik, die im Falle Bachs annähernd 300 Jahre alt ist? Was treibt Profimusiker wie Laienchorsänger Jahr für Jahr an, sich mit diesen Werken zu beschäftigen, sich immer wieder aufs Neue die mitunter hochkomplexe und hochvirtuose Materie anzueignen?

Drastische Bilder

Dabei haben sich Komponisten seit Jahrhunderten dem Passionsgeschehen gewidmet, schon vor Johann Sebastian Bach beispielsweise Heinrich Schütz (1585–1672) – und die Tradition reicht bis in unsere Zeit, wenn man an Frank Martins „Golgotha“ aus den 40er Jahren denkt, oder an die „Lukas-Passion“ von Penderecki aus den 60er Jahren. Auch Arvo Pärt hat 1982 eine sehr meditative, im typisch minimalistischen Stil verfasste „Johannes-Passion“ geschrieben. Aus den 2000er Jahren stammen Vertonungen von Sofia Gubaidulina und Wolfgang Rihm. Und bereits 1971 wurde der Gekreuzigte durch Andrew Lloyd Webber mit „Jesus Christ Superstar“ zum Musical-Helden.

Was also macht all diese Passionsmusiken so faszinierend im Hier und Jetzt? Ist es vielleicht die Tatsache, dass zwar Verrat seit jeher zum menschlichen Verhalten gehört, aber Bilder von religiös oder politisch motivierten Gräueltaten, wie sie in biblischen Zeiten an der Tagesordnung waren, heute wieder bedrohlich näherrücken?

Zu den vielen ambitionierten Kirchenmusikern dieser Region, die sich jedes Jahr aufs Neue der Herausforderung stellen, gehört Susanne Rohn (50). Die Kantorin der Bad Homburger Erlöserkirche, einem Ort, an dem die Pflege der Bachschen Musik einen besonderen Stellenwert einnimmt und an dem seit vielen Jahrzehnten an Karfreitag eine Passionsvertonung auf dem Programm steht (in diesem Jahr die „Brockes-Passion“ von Telemann), sieht in erster Linie die Qualität der Komposition als Beweggrund. „Der gemeinsame Nenner zwischen Ausführenden und Zuhörern ist die Musik, die herausragend sein muss“, sagt Rohn. „Dazu kommt das Gemeinschaftserlebnis in einem geschützten Raum.“

Ein Kirchenkonzert gibt Zeit für Besinnung und Selbstreflexion, so Rohn. Maßgeblich für viele Konzertbesucher sei darüber hinaus natürlich der theologische Aspekt einer Passionsmusik, ist sich die Kantorin sicher. Schließlich bietet eine solche Aufführung eine ganz individuelle Möglichkeit zur Kommunikation mit Gott.

Interessant ist, dass gerade die barocken Passionen textlich wie musikalisch mit zum Teil drastischen Mitteln arbeiten. Zumindest muten manche Textpassagen den abgebrühten Hörer des 21. Jahrhunderts äußerst brutal an. „Gerade in der ,Brockes-Passion‘ von Telemann wird die Geißelung Jesu ausgesprochen blutig und detailliert dargestellt“, sagt Rohn. Da ist von Eiterbeulen und blutigem Schweiß, der in ungezählten Tropfen aus allen Adern fließt, die Rede. Solch drastische Schilderungen stünden ganz in der Tradition auch der bildlichen Darstellung der Leidensgeschichte Jesu, erklärt die Kantorin. „Viele Gemälde aus der Barockzeit zeigen explizit die Marterwerkzeuge.“ Und wie die bildende Kunst jener Zeit ziele auch die Musik dieser Epoche darauf ab, dass man als Zuhörer selbst den Kreuzweg Jesu mit all den körperlichen Qualen mitgehe, ja physisch miterlebe. Dabei darf man nicht vergessen: Zur Barockzeit waren menschliches Leid, Gewalt, Krankheit und Tod viel gegenwärtiger als heute.

Sünde der Welt

Nun ist der Text der „Brockes-Passion“ von Telemann auch besonders drastisch in der Wortwahl. Er stammt von dem Hamburger Dichter Barthold Heinrich Brockes (1680–1747). Seine 1712 veröffentlichte Passionsdichtung „Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus“ war so beliebt, dass sie seinerzeit sogar mehrfach vertont wurde, so unter anderem von Georg Friedrich Händel, dessen „Brockes-Passion“ Susanne Rohn mit ihrem Chor ebenfalls schon aufgeführt hat. Bei all ihrem Schrecken, die die „Brockes-Passion“ von Telemann mitunter sehr originell in musikalische Bilder fasst, endet das Werk, wie die meisten Passionsmusiken, mit einem zuversichtlichen Blick auf die österliche Auferstehung. Und so lauten die letzten Choral-Zeilen: „So fahr’ ich hin zu Jesu Christ / mein Arm tu’ ich ausstrecken: / Ich schlafe ein und ruhe fein, / kein Mensch soll mich aufwecken, / Denn Jesus Christus, Gottes Sohn, / der wird die Himmelstür auftun / und führn zum ewig’n Leben.“

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