Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer
1 Kommentar

Sänger Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet: Bob Dylan: Der Poet fürs Ohr

„The Times They Are A-Changin“: Als erster Musiker überhaupt erhält der Sänger und Song-Schreiber Bob Dylan (75) den Literatur-Nobelpreis. Wegen seiner hintergründigen Liedtexte galt der Amerikaner schon lange als preiswürdig.
„Poetische Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Song-Tradition“: Bob Dylan. Foto: Niels Meilvang (NORDFOTO / EPA FILE) „Poetische Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Song-Tradition“: Bob Dylan.
Frankfurt. 

Es war längst ein Running Gag, etwas, dass man sich seit Jahren nach der Bekanntgabe des Literatur-Nobelpreisträgers zurief: „Ja, ja. Und nächstes Jahr bekommt ihn Bob Dylan.“ Doch jetzt tatsächlich: Bob Dylan, der amerikanische Troubadour, wird kurz nach seinem 75. Geburtstag mit dem wichtigsten Literatur-Preis der Welt ausgezeichnet. Als Begründung ließ die Schwedische Akademie gestern Mittag gegen 13 Uhr verlauten: „Bob Dylan wird für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Song-Tradition geehrt.“ Jury-Sprecherin Sara Danius sagte: „Bob Dylan schreibt Poesie fürs Ohr, aber man kann seine Werke auch wunderbar als Poesie lesen.“ Trotzdem: Es ist eine riesige Überraschung.

STIMMEN ZU DYLAN "Die Akademie macht Späßken"

„Die Chancen für mich, den Physik-Nobelpreis zu bekommen, haben sich gerade dramatisch erhöht.“ (Schriftstellerin Sibylle Berg)

clearing

Bob Dylan, am 24. Mai 1941 als Robert Allen Zimmerman im US-Bundesstaat Minnesota geboren, wird in den Sechzigern mit Protestliedern bekannt: „Blowin’ In The Wind“ singt er 1962 in einer New Yorker Folk-Kneipe, bis heute gilt der Song als berühmtestes Anti-Kriegs-Lied. In mal sanften, mal beißenden Akustik-Songs verhandelt der junge Dylan die Themen seiner Zeit: Rassenunruhen, Bürgerrechtsbewegung, Vietnamkrieg. Dylan wird eine der zentralen Symbolfiguren dieser emanzipatorischen Bewegung.

Einflussreichster Rock-Song

Ende der Sechziger stellt er die akustische Gitarre in die Ecke und lärmt plötzlich mit einer Rockband. Von seinen Fans wird er dafür als „Judas“ beschimpft, die Folk-Bewegung befürchtet Verrat durch ihren berühmtesten Vertreter. Dylan lässt sich nicht beirren, und schreibt mit „Bringing It All Back Home“ (1965), „Highway 61 Revisited“ (1965) und „Blonde On Blonde“ (1966) die bedeutendsten Alben seiner Karriere. Die rumpelnde Gitarren-Nummer „Like A Rolling Stone“ (1966) wird regelmäßig zum einflussreichsten Rock-Song aller Zeiten gewählt. Bis heute veröffentlicht Bob Dylan Musikalben – erst im vergangenen Mai erschien die Sammlung „Fallen Angels“, auf der er sich mit amerikanischen Traditionals beschäftigt.

ARCHIV - Bob Dylan tritt am 13.07.2012 im spanischen Benicassim auf. EPA/DOMENECH CASTELLO  (zu dpa-Korr «Libertines, Dylan und Moroder: Was das Musikjahr 2015 bringt» vom 29.12.2014) +++(c) dpa - Bildfunk+++
Glosse zu Dylans Literatur-Nobelpreis Donnerwetter!

Donnerwetter! Von Michael Kluger

clearing

Niemals wird Bob Dylan bloß auf seine Musik reduziert, stets sind es auch seine Texte, die analysiert und diskutiert werden. Sein deutscher Biograf, der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering, sagt: „Bob Dylans Songtexte beziehen sich auf Dichtungen unterschiedlichster Zeitalter und Kulturen: von der Bibel und Homers ,Odyssee’ über die Dichtungen der römischen Kaiserzeit (Ovid, Vergil, Juvenal), die mittelalterlichen Mysterienspiele und Shakespeares Dramen bis zur amerikanischen Romantik, den französischen ,poètes maudits‘ und dem Theater Bertolt Brechts“.

Bob Dylan selbst stellt sich immer wieder in die Tradition der berühmten Beat-Poeten Jack Kerouac und Allen Ginsberg. Wie einst die Protagonisten in Kerouacs Roman „On The Road“ trampte auch Bob Dylan als moderner Hobo durch die Vereinigten Staaten.

Preis für alle Gattungen

Doch ob all das nun eines Nobel-Preises würdig ist? „Es ist ein Literaturpreis für die ganze Welt, für alle Nationalsprachen, für alle Literatur überhaupt, auch für alle Gattungen“, sagte kürzlich der Literaturkritiker Hubert Winkels im Gespräch mit dem Deutschlandfunk. Und so muss man sich fragen, welchem Impuls die Schwedische Akademie folgte, Bob Dylan ausgerechnet jetzt mit dem Nobel-Preis auszuzeichnen?

In diesen Tagen, da US-Wahlen bevorstehen und der republikanische Kandidat Donald Trump die Welt in Atem hält, da in Syrien ein grauenhafter Krieg tobt und religiös motivierte Gewalt sich auf allen Kontinenten ausbreitet – ist es da nicht vielleicht doch viel mehr der engagierte Friedensaktivist Bob Dylan, der nun mit grandioser Verspätung für seine frühen Protestlieder ausgezeichnet wird?

Noch nie wurde in der über hundertjährigen Geschichte des Preises ein Künstler ausgezeichnet, der seine Texte nicht bloß auf Papier schreibt. Bob Dylan jedoch singt Lyrik über Schlagzeug-Beats und Gitarren-Akkorde, diese Texte erreichen ein Millionenpublikum, seit Jahrzehnten. Nicht nur Bob Dylan steht mit dieser prestigeträchtigen Auszeichnung nun in einer Reihe mit Thomas Mann, Ernest Hemingway, Günter Grass – sondern auch die Rockmusik als Medium für die Literatur. Sie wird nun als Kunstform geadelt. Diese Auszeichnung für Bob Dylan öffnet Türen in die Zukunft.

Mit der Entscheidung für Bob Dylan dürfte nun klar sein, dass seine Landsmänner und ewigen Anwärter Philip Roth (83), Thomas Pynchon (79), Cormac McCarthy (83) und Don DeLillo (79) wohl nicht mehr mit dem Nobel-Preis rechnen können. Die Schriftstellerin Toni Morrison war die vorerst letzte US-Vertreterin, die mit dieser Ehre bedacht wurde – und das liegt 23 Jahre zurück.

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse