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Gründer der „Beach Boys“, kommt zu einem Exklusiv-Konzert nach Frankfurt: Brian Wilson - Zwischen Genie und Wahnsinn

Von Vor kurzem erst ist der legendäre Musiker 75 Jahre alt geworden. Am 19. Juli will er in der Frankfurter Jahrhunderthalle sein Album „Pet Sounds“ präsentieren.
Aus dem ehemaligen Strandjungen ist ein ernst dreinblickender reifer Herr geworden: Brian Wilson kommt mit seinem Album „Pet Sounds“ nach Frankfurt. Foto: Cyril Zingaro (KEYSTONE) Aus dem ehemaligen Strandjungen ist ein ernst dreinblickender reifer Herr geworden: Brian Wilson kommt mit seinem Album „Pet Sounds“ nach Frankfurt.
Frankfurt. 

Amerika, 1961: Ein neuer Präsident zog ins Weiße Haus ein. John F. Kennedy. Jung, charismatisch, ein Symbol für Fortschritt und die Überwindung sozialer Ungerechtigkeit. Im selben Jahr komponierte ein 19-jähriger Bursche aus Kalifornien ein zärtliches Liebeslied, ohne Zuhilfenahme von Noten oder eines Instruments. Beides hatte der Teenager nicht zur Hand, da er sich gerade auf dem Weg zu einer Imbissbude seiner Heimatstadt Hawthorne befand, als ihm die Melodie einfiel. Sie erinnerte an den Disney-Song „When You Whish Upon A Star“ und stieg später unter dem Titel „Surfer Girl“ in die Hitparaden ein. Der jugendliche Komponist war Brian Wilson, Gründer der „Beach Boys“ und Pionier eines Westküstensounds, der die Flower-Power-Epoche prägte und Künstler bis heute inspiriert.

„Brian revolutionierte die Art wie Musik geschrieben wird“, lobt Kollege Elton John. Weggefährte Paul McCartney gesteht: „Seine Lieder rührten mich zu Tränen.“ Es grenzt an ein Wunder, dass der Vielgerühmte am 20. Juni seinen 75. Geburtstag feiern durfte, wenn man bedenkt, mit welchen Mengen von Alkohol und Rauschgiften er seinen Körper an den Rand des Verfalls trieb. Noch erstaunlicher ist es, dass Wilson nach wie vor auf Tour geht. Am 19. Juli gastiert er mit „Pet Sounds“ in der Frankfurter Jahrhunderthalle.

Hände zittern

Doch der exzessive Lebenswandel hat Spuren hinterlassen. Wilsons Hände zittern, wenn sie nicht gerade über die Tasten eines Pianos gleiten. Seine einstmals engelsgleiche Falsett-Stimme klingt brüchig und verfehlt die Töne, während die meeresblauen Augen suchend zum Teleprompter blicken, weil er sich die eigenen Texte nicht mehr merken kann. Beinahe sechs Jahrzehnte liegen zwischen dem pausbäckigen Wunderknaben, der in den frühen 60ern Hit auf Hit produzierte, und dem grauhaarigen Herren, der wie ein nimmermüder Tanzbär in die Manege tapst. Sechzig Jahre, in denen sich nicht allein Brian Wilson veränderte, sondern auch die USA .

„Die Geschichte der ,Beach Boys‘, ihre Kämpfe und Zerreißproben, spiegelt beide Seiten des amerikanischen Charakters wider“, urteilt „New-York-Times“ Autor Daniel Nester. „Kapitalismus auf der einen Seite, Idealismus auf der anderen.“ Für Brian Douglas Wilson war Musik von frühester Jugend an ein Wunderland, das ihm Zuflucht bot, um seinem bisweilen harschen Alltag zu entfliehen. Hörte der schüchterne Junge die Melodien von Gershwin oder Bach, so spielte es in diesem Moment keine Rolle, dass er regelmäßig Prügel bezog, wahlweise von Nachbarjungs oder seinem cholerischen Vater. Als Folge der Schläge erlitt Wilson einen dauerhaften Hörschaden auf dem rechten Ohr. Seinem angeborenen Gefühl für Takte und Akkorde tat die Einschränkung keinen Abbruch. Im Grundschulalter beherrschte er bereits mehrere Instrumente und sang Solo-Partien in der Kirche, beseelt von der Überzeugung: „Musik ist Gottes Stimme.“ In der heimischen Garage versammelte er seine Brüder Carl und Dennis, Cousin Mike Love und den Freund Al Jardine um sich, um sie mit stundenlangen Übungen zu quälen, bis der Perfektionist zufrieden war und der harmonische Satzgesang passte, der zum Markenzeichen der „Beach Boys“ werden sollte. „Ich bin kein Genie, auch wenn manche Leute das behaupten. Ich bin bloß ein harter Arbeiter“, sagte Wilson einmal.

Die Mühe lohnte sich. Wilson unterschrieb 1962 einen Vertrag mit „Capitol Records“ und setzte durch, dass ihm uneingeschränkte kreative Kontrolle im Plattenstudio zugestanden wurde. Ein Novum in der Branche. Aus seiner Feder flossen mehr als zwei Dutzend Top-40-Hits, darunter „Surfin’ Safari“, „Fun, Fun, Fun“ und „I Get Around“. Die Lieder erzählten von Sonne, Strand, Mädchen in Bikinis und sanft knospender Liebe – der ideale Soundtrack zur hoffnungsfrohen Kennedy-Ära.

Dann kam der November 1963, Amerika verlor sein strahlendes Oberhaupt durch ein Attentat – und „Beach Boy“ Brian gleichsam seine Unschuld. Nach einer Panikattacke hörte er auf, mit der Band auf Tournee zu gehen, schloss sich im Studio ein, konsumierte Cannabis, danach LSD und Kokain. Die Trips konfrontierten ihn mit inneren Dämonen.

Brian Wilson begann Stimmen zu hören, die ihm Bedrohliches einflüsterten. Bis auf den heutigen Tag leidet er an akustischen Wahnvorstellungen. „Es ist schwer, mit dem andauernden Gemurmel umzugehen, besonders auf der Bühne“, gesteht der Ex-Junkie.

Gleichzeitig interpretiert er die Drogen als Befreiungsschlag, der notwendig war, um jene heile Fantasiewelt zu zertrümmern, die er mit seinen Surf-Songs geschaffen hatte. Während Amerika im blutigen Sumpf des Vietnamkriegs versank, wollte Wilson das Glücksversprechen von endlosen Sommern nicht mehr heraufbeschwören. Aus dieser Gefühlslage resultierte eines der wichtigsten Alben der Musikgeschichte: „Pet Sounds.“ Statt allein auf klassische Instrumente zurückzugreifen, erweiterte Wilson das Klangspektrum durch Alltagsgeräusche, klappernde Löffel, Cola-Dosen, Fahrradklingeln und Autohupen. Am Schluss der Platte hört man die Abfahrt eines Zugs und in der Ferne Hundegebell – in Töne gegossene Melancholie, über deren Perfektion selbst Konkurrenten wie die „Beatles“ staunten.

Aus den Texten zu „Sloop John B“, „Caroline, No“ oder „I Just Wasn’t Made For These Times“, geschrieben in Kollaboration mit Tony Asher, dringen Gefühle der Heimatlosigkeit und Entwurzelung. „Prägendes Thema war die Enttäuschung, die man erlebt, wenn man erwachsen wird und begreift, dass das Leben kein Hollywoodfilm ist“, erinnerte der 1998 verstorbene Carl Wilson. Doch Sänger Mike Love war gegen die neue Ausrichtung der Gruppe. Der Sohn eines Fabrikbesitzers wollte die heile Traumwelt des weißen, angelsächsischen Amerikas konservieren.

Endgültig zum Bruch

Nach „Good Vibrations“ (1966) kam es endgültig zum Bruch. Love, der stramme Republikaner, riss die „Beach Boys“ an sich und zimmerte an ihrem Image als „America’s Band“, wie Ronald Reagan die Strandjungs nannte, als sie ihn Anfang der 80er im Wahlkampf unterstützten. Die Truppe lieferte die Begleitmusik zu Spenden-Galas der Konservativen und untermalte im Kino das Kommerzmärchen „Cocktail“ mit Tom Cruise. Währenddessen zog sich Brian Wilson in sein Haus zurück, depressiv und von der Welt vergessen. Drogen hatten seinen Verstand umnebelt, er war stark übergewichtig und selbstmordgefährdet, abhängig von einem obskuren Psychiater, der ihn mit Tabletten vollpumpte und finanziell ausbeutete. Die schweren Jahre schildert der Spielfilm „Love & Mercy“ auf erschütternde Weise. Erst seine Ehefrau und Managerin Melinda Ledbetter befreite Wilson aus dem privaten Watergate.

Passenderweise fiel das Solo-Comeback des freigeistigen Liberalen mit dem Aufstieg der Demokraten zusammen. Im Herbst 2008, als Barack Obama die Präsidentschaftswahl gewann, veröffentlichte Wilson die Platte „A World Of Peace Must Come“, die er bereits 1969 aufgenommen hatte. Er tourte um die Welt und wurde für sein Lebenswerk mit dem Kennedy-Preis ausgezeichnet. Tatkräftig unterstützte er Michelle Obamas Initiative im Kampf gegen Drogen, von denen sich der Familienvater endgültig gelöst hatte. „Die Obama-Generation hat Wilson auch dank des Internets wieder entdeckt und seinen Status als Ikone der Popmusik zementiert“, sagt Musikkritiker Daniel Nester.

Die Wiedervereinigung mit Mike Love zum 50. Jubiläum der „Beach Boys“ währte indes nur einen Sommer lang. Zu tief scheinen die Gräben zwischen den Cousins, künstlerisch und politisch.

„Ich hoffe, dass ich noch mal ein gutes Stück für ihn schreiben kann“, meint Wilson. Doch Love dudelt lieber die alten Nummern – Hauptsache, die Kasse stimmt. Er ist sich auch nicht zu schade, bei Privatkonzerten für Donald Trump aufzutreten, über den Love „nichts Schlechtes“ sagen kann. Derweil geht Naturschützer Wilson neue Wege und arbeitet an einem experimentellen Rock-’n’-Roll-Album.

Streben nach Harmonie

Auf Konzertreisen pflegt er in seinem Lieblingsstuhl zu sitzen, der ihn überallhin begleitet, stoisch ruhig, das Gesicht verwittert wie das eines weisen Apachen-Häuptlings. „Unser aller Leben endet eines Tages. Wichtig ist, was wir hinterlassen.“ Wilsons Vermächtnis besteht in dem Streben nach Harmonie. Vereint durch Musik soll die Menschheit zusammenrücken, die Wende schaffen und globale Krisen überwinden, so wie er seine Abstürze überlebte. Ob der fromme Wunsch erfüllbar ist? Die Antwort packte Brian Wilson einst in eine einzige Liedzeile: „God Only Knows . . . Gott allein weiß es.“

 

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