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Literatur: Büchners Locke kommt nach Frankfurt

Von Eine Tagung im Goethe-Haus, die heute beginnt, fragt nach dem Romantiker in Georg Büchner und macht den Auftakt der Umsiedelung. In vier Jahren zieht auch die Büchner-Bibliothek von Marburg nach Frankfurt.
Von Georg Büchner ist kaum ein Bildnis überliefert – hier die Bleistiftzeichnung von August Hoffmann, wohl aus dem Jahr 1835. Von Georg Büchner ist kaum ein Bildnis überliefert – hier die Bleistiftzeichnung von August Hoffmann, wohl aus dem Jahr 1835.

Vor zwei Tagen hatte Roland Borgards seinen ersten Unterrichtstag an der Goethe-Universität. Der Literaturwissenschaftler aus Würzburg, frisch nach Frankfurt berufen, wird von hier aus die Büchner-Forschungsstelle übernehmen. In den Jahrzehnten zuvor leitete sie der Marburger Germanist Burghard Dedner. Zu dessen Lebenswerk gehört die historisch-kritische Ausgabe der Büchner-Werke. Gemeinsam werden Borgards und der emeritierte Dedner von Marburg aus noch die digitale Ausgabe entwickeln. Danach, in vier Jahren, wird auch die Büchner-Bibliothek nach Frankfurt ziehen: zwei Räume, in denen die Bücher bis zur Decke reichen, nebst Memorabilien. Eine Locke des Vormärz-Schriftstellers gehört dazu, aber auch etliche ansehnliche Darmstadt-Drucke. Für die Bücher kommen womöglich Räume der Universität in Betracht, die historischen Objekte finden vielleicht ein Heim im Freien Deutschen Hochstift. Dort wären sie mithin dem geplanten Romantik-Museum zugänglich.

Ein Romantiker?

So rückt der Darmstädter Büchner wieder in die Nähe seines Lebenszentrums. Die Tagung von heute bis Samstag ist als Auftakt gedacht, gezielt den Romantiker Büchner in den Blick zu nehmen. Das zielt auf eine Bestandsaufnahme: Wie nah oder fern ist der Sozialrevolutionär und Verfasser furioser Dramen, der schnell lebte und im beinahe jugendlichen Alter von 23 Jahren starb, der Epoche von Brentano und Tieck, Novalis und E. T. A. Hoffmann? Immer wieder hat sich der Schriftsteller der Dramen „Woyzeck“ und „Dantons Tod“, der Komödie „Leonce und Lena“ und der politischen Flugschrift „Der hessische Landbote“ mit der Romantik auseinandergesetzt.

Seit jeher kooperiert die Büchner-Forschungsstelle eng mit der Darmstädter Büchner-Gesellschaft. Ausgeweitet werden soll künftig die Zusammenarbeit mit dem Freien Deutschen Hochstift. „Die Sammlungs- und Forschungsgegenstände haben viel mit unseren zu tun“, sagt Professor Borgards, der zuvor in Würzburg lehrte.

Politisch aktiv

Georg Büchner, 1813 in eine Medizinerfamilie geboren, wuchs freigeistig auf. Sein Vater machte Karriere als Stadtchirurg und Medizinalrat in Darmstadt.

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Büchner, sagt er, sei „ein gutes Werkzeug, mit dem man die komplizierte Epoche der Romantik knacken kann“. Er war ein begeisterter Leser romantischer Schriften von Tieck, Eichendorff, E. T. A. Hoffmann und Jean Paul. 1814 geboren, konnte er aus dem unmittelbaren Rückblick frei über alle Schätze der Romantik verfügen und mit ihnen spielen. Das ermöglichte ihm einen spielerischen und sehr freien Umgang mit den Traditionen der französischen und der deutschen Romantik, des Klassizismus und natürlich auch mit dem Gedankengut, das in den politischen Umbrüchen der Revolutions- und der anschließenden Restaurationszeit aufgekommen war.

Wird der solchermaßen an den romantischen Forschungsschwerpunkt des Hochstifts angedockte Büchner nun ein Mitspieler im Romantikmuseum werden? Braucht er gar einen Platz in der ständigen Sammlung? Und falls ja, warum ausgerechnet er? Warum dann nicht etwa auch Heine? Oder Gutzkow? Wären also einzelne Kabinettausstellungen möglicherweise sinnvoller?

Eine grenzenlose Epoche

Fragen, über die nachgedacht werden muss und die noch nicht entschieden sind. Die Tagung wird auch darüber reflektieren. Die Wissenschaftler beschäftigen sich etwa mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden der Romantik und der Epoche des Vormärz, der Büchner zugerechnet wird. Günter Oesterle untersucht, wie Büchner romantische Satire verdichtet. Mareike Hennig trägt vor über romantische Landschaftsmalerei in der Gemäldegalerie des Hochstifts, und die Mitarbeiter Konrad Heumann und Joachim Seng stellen Überlegungen über Büchneriana im Hochstift an.

Wenn die Forschungsstelle nun der Universität Frankfurt zugeordnet und von hier aus mit dem Freien Deutschen Hochstift kooperiert, bedeutet das auch ein neues Nachdenken über die Grenzen der Romantik, die Büchner überschritt. Der politisch aktive Schriftsteller griff in seinem „Hessischen Landboten“ die sozialen Missstände der Zeit schnörkellos und ohne Verklärung an – eine Kampfschrift gegen die Herrschenden, die umfangreiche Ermittlungen und Durchsuchungen nach sich zog.

Das Politikverständnis der Romantiker vor und nach Büchner war oft janusköpfig: konservativ und progressiv zugleich, nationalistisch und kosmopolitisch. Das Gründeln in der deutschen Seele und die Verklärung des deutschen Waldes gehören ebenso zum guten Ton der Romantik wie ihr grenzensprengender Blick: Eine von Friedrich Schlegel herausgegebene Zeitschrift trug den Titel „Europa“. „An Büchner“, sagt Borgards entschieden, „ gibt es nichts politisch Konservatives“. Das unterscheide ihn grundlegend von seinen romantischen Kollegen, wie sein immens wacher Blick auf soziale Ungerechtigkeit.

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