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Oper: Buhrufe für einen wackeren, aber uninspirierten Dirigenten in Bayreuth

Mittelprächtig ging mit den letzten beiden Vorstellungen die Premierenwoche der diesjährigen Bayreuther Festspiele zu Ende.
„Der fliegende Holländer“, hier Peter Rose (Daland), Rainer Trost (Steuermann) und John Lundgren (Holländer). Foto: Enrico Nawrath (Festspiele Bayreuth) „Der fliegende Holländer“, hier Peter Rose (Daland), Rainer Trost (Steuermann) und John Lundgren (Holländer).

Besonders bei der „Walküre“, dargeboten in sommerlicher Höllenglut, die den üblichen Saunagang für Festspielbesucher zum Backofen steigerte, überzeugte die erlesene Sängerriege, während Startenor Plácido Domingo als Dirigent nicht nur Jubelrufe, sondern auch lautstarke Buhs einstecken musste. Mit der solitären Aufführung des ersten Ring-Einzelteils auf dem Grünen Hügel brach die umstrittene Festspielchefin Katharina Wagner das Tabu der 142-jährigen Tradition, in Bayreuth stets nur die komplette Tetralogie zu zeigen.

Feuersbrünste auf der Bühne, sengende Hitze unterm Festspieldach, aber nur laue Lüftchen aus dem verdeckten Orchestergraben. Was Komponisten-Urenkelin Katharina Wagner als „Wow“-Event platziert hatte, den Wechsel des einstigen Bayreuther Siegmund Plácido Domingo von der Bühne ans Dirigentenpult nämlich, erwies sich bei genauem Hinhören nicht als Glücksgriff. Der 77-jährige Spanier, einer der berühmtesten lebenden Musikerpersönlichkeiten überhaupt, kämpfte sich wacker, aber uninspiriert durch die vertrackten Rhythmen des Walkürenritts, zerdehnte als erklärter Sängerfreund vor allem die Siegmund-Passagen und konnte die Spannung im Orchester zwar beim Vorspiel des ersten Aufzugs herrlich anfachen, sie aber bis zum Feuerzauber am Ende des dritten nicht aufrecht erhalten.

Schmerzhafte Kritik

Nein, Plácido Domingo ist kein präziser Detailforscher wie Kirill Petrenko und auch kein visionärer Geist wie Marek Janowski, die beide am Pult des Castorf-Rings seit 2013 Maßstäbe setzten. Wie überrascht Plácido Domingo auf die Ablehnung aus Teilen des Publikums reagierte, fiel beim Verbeugen vor allem Brünnhilde-Sängerin Catherine Foster auf, die den alten Granden sofort empathisch umarmte. Vielleicht kamen bei ihr Erinnerungen hoch an ihre erste Brünnhilde, mit der sie vor sechs Jahren im Bayreuther Ring debütierte: Damals gab es auch für sie schmerzhafte Kritik-Schreie.

Anja Kampe (Sieglinde). Bild-Zoom Foto: Enrico Nawrath (Festspiele Bayreuth)
Anja Kampe (Sieglinde).

Heute ist davon keine Rede mehr. Kaum eine Sängerin hat sich, parallel zur zunehmenden Publikums-Akzeptanz von Frank Castorfs Machtkämpfen um die Öl-Bohrtürme der Geschichte, von Jahr zu Jahr so gesteigert wie die einstige Hebamme aus Nottingham. Kraftvoll, gleißend und hochdramatisch ihre „Hojotoho-Rufe“, gefährlich düster bei allem Mitgefühl ihre Todesverkündung an Siegmund. Es ist vor allem ihre souveräne, mimische Bandbreite, ihre Melancholie, ihr Aufbegehren und ihr zorniger Ungehorsam, live gefilmt, den man später mit den intensivsten Momenten dieses Rings assoziieren wird. So gehören die Nervenduelle zwischen ihr und dem ebenbürtigen John Lundgren als Wotan wieder zu den Highlights der Premiere. Zur Dramatik um das Wälsungen-Paar mit der bewährten Sieglinde (Anja Kampe) und der glücklichen Neubesetzung mit Stephen Gould als Siegmund ist Castorf szenisch weiterhin nichts als ironische Denunziation eingefallen. Ausgerechnet zu ihrem „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ sieht man zusammenhanglos in schwarz-weißen Filmschnipseln eine gierige Erda Sahnetorten in sich hineinstopfen. Würdige Neubesetzungen sind auch die energisch um sich peitschende Fricka Marina Prudenskayas und Tobias Kehrer als gelungene Brutalo-Version Hundings. Rhythmisch nicht ganz unfallfrei meisterten die Walküren ihren Wusel-Auftritt auf dem Bohrturm in Baku, was auch an der mangelnden Koordination im Orchestergraben gelegen haben mag.

Trotzdem verfiel das Publikum in den Bayreuth-üblichen Ovationsrausch für alle Sänger. Zu recht.

Dass allerdings am Abend zuvor auch die komplette „Holländer“-Riege frenetisch gefeiert wurde, blieb schwer nachzuvollziehen. Litt doch das Bayreuth-Debüt des 62-jährigen Greer Grimsley als grimmer Seebär unter zu weit schwingendem Vibrato und minimaler Darstellungskunst, während die bewährte Ricarda Merbeth als Senta nicht ihren besten Tag hatte. Verhobene Spitzentöne, unsaubere Intonation, keine Tiefe: Nicht alles konnte sie mit ihrer unbändigen Energie wieder wettmachen.

Der beste Sänger des Abends blieb, wie schon in den Vorjahren, Tomislav Mužek als Erik, der seine Rolle als treuer Senta-Verehrer mit Dringlichkeit auszustatten wusste. Peter Roses Daland geriet fast zur, wenn auch gelungenen, Karikatur eines schleimenden, zwanghaft sein Äußeres kontrollierenden Kapitäns, sein modulationsfähiger Bass war vorbildlich textverständlich.

Geschicktes Dirigat

Axel Kober ließ im Orchestergraben frischen Seewind wehen und bewältigte als Thielemann-Nachfolger die im Festspielhaus akustisch fies zu dirigierende Oper geschickt. Am meisten Applaus hatten Eberhard Friedrich und sein mitreißender Matrosen- und Spinnerinnenchor verdient.

Dann das Kuriosum: Als Regisseur Jan-Philipp Gloger vor den grünen Vorhang trat, schien niemand zu wissen, um wen es sich handelt. Ein so lauer Applaus hat Seltenheitswert. Dabei ist seine Kapitalismus-Kritik im sechsten Jahr in kalten Glaspalästen der Finanzwelt und trostlosen Verpackungszentren gut durchdacht, leidet aber an Überraschungsmangel. In diesem Jahr stach sein kühl getimter Finanzkoffer-Holländer wohl das letzte Mal in See.

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