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Monodrama: Burgfestspiele Bad Vilbel zeigen „Das Tagebuch der Anne Frank“ als Bühnenfassung

Zur Eröffnung brachten die Vilbeler Burgfestspiele „Das Tagebuch der Anne Frank“ mit neuer Hauptdarstellerin und die Märchenoper „Hänsel und Gretel“ auf die Bühne.
Anne Frank (Marlene-Sophie Haagen) erzählt von ihren Ängsten und Sehnsüchten im Amsterdamer Versteck. Anne Frank (Marlene-Sophie Haagen) erzählt von ihren Ängsten und Sehnsüchten im Amsterdamer Versteck.
Bad Vilbel. 

Das Hinterhaus befindet sich im Keller. Dort, unterhalb der Bad Vilbeler Wasserburg, hat Regisseur Ulrich Cyran das „Tagebuch der Anne Frank“ als Theaterstück inszeniert. Zum zweiten Mal für das Programm der Festspiele in der Kurstadt nach dem Erfolg im vergangenen Jahr. Und erneut als Monodrama mit bescheidenen Mitteln.

Geändert hat sich die Hauptdarstellerin. Die Mainzerin Marlene-Sophie Haagen übernimmt nun den Part des jüdischen Mädchens, das seine Gedanken und Sehnsüchte der erdachten Freundin Kitty anvertraut. Mit seiner Familie und anderen Verfolgten versteckt es sich zwischen 1942 und 1944 in einem Bürohaus in der Amsterdamer Prinsengracht und wird schließlich doch von den Nationalsozialisten gefunden und ins Konzentrationslager Bergen-Belsen verschleppt, wo Anne Frank 1945 an Typhus stirbt.

Eine hohe Wand aus Holzpaletten, die Dorothea Mines auf der kleinen Bühne quergestellt hat, symbolisiert gleichermaßen die einfachen Verhältnisse, in denen sich der Alltag der Untergetauchten abspielt, wie die Abgeschirmtheit vom Rest der Welt. Davor lebt und erlebt die Protagonistin, im Ringelpullover mit kleinem Davidstern auf einer Brust und später, zur Frau werdend, in blauem Rock über den engen Hosen, deutliche Stimmungsschwankungen. Mal erzählt sie offenherzig und mit strahlenden Augen von der wachsenden Zuneigung zum gleichaltrigen Peter und dem eigenen Empfinden der neuen Weiblichkeit. Mal wendet sie sich vom Publikum ab und zählt in einer scheinbar unendlichen Abfolge auf, was Juden alles verboten ist. Irgendwann klebt sie mit Augen und Ohren an der Palettenwand und verfolgt die SS-Leute und die Polizei, die suchend durchs Haus laufen und am Drehschrank zum Versteck rütteln. Mehr braucht es nicht, um Angst spüren zu lassen.

Aber es ist auch viel Witz dabei, wenn die vor Lebenslust sprühende Anne berichtet. Vor allem als sie das gemeinsame Kartoffelschälen im Hinterhaus nachstellt und dabei gekonnt karikierend von einer Rolle in die andere schlüpft.

Modernere Töne

Ganz allein ist sie dabei nicht. Auf der linken Bühnenseite sitzt Vassily Dück mit seinem Akkordeon und unterstreicht die Emotionen mit passender Musik. Er greift zu moderneren Tönen, wenn der Teenager mit Sonnenbrille und hochhackigen Schuhen herumwirbelt und auf den Spuren von Lucilectric „Weil ich ein Mädchen bin“ singt. Doch immer wieder kehrt er zu dem jiddischen Lied „Tsen Brider“ zurück, in dem einer nach dem anderen verschwindet. Am Ende, nach 70 Minuten, ist es Anne, die geht. Und dann nur noch aus dem Off vom Schicksal der Familie erzählt. Zurück bleiben beeindruckende Bilder, die sich auf kurzweilige Weise den Weg in die Köpfe gesucht haben und darin sicher lange hängen bleiben.

Zweite Eröffnungsstück der Festspiele ist Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“ in der Regie von Benedikt Borrmann. Rund zwei Stunden dauert das Volksmusik-geprägte „Kinderstubenweihfestspiel“ (Humperdinck) im Original. Siebzig Minuten plus Pause sind es im wiederum durchkomponierten Arrangement Markus Höllers, der in der Wasserburg am E-Klavier die kleine Märchen-Combo mit Geige, Flöten, Holz-Vibrafon (Marimba) und Effekt-Kuckuck leitet: flüssig, farbig, flink.

Böse Knusperhexe

Hänsel und Gretel haben große Angst vor der Hexe: Die Märchenoper von Engelbert Humperdinck wird in Bad Vilbel kindgerecht gekürzt. Bild-Zoom
Hänsel und Gretel haben große Angst vor der Hexe: Die Märchenoper von Engelbert Humperdinck wird in Bad Vilbel kindgerecht gekürzt.

Die Geschichte von den hungrigen Besenmacher-Kids, ihrer entnervten Mutter und der bösen Knusperhexe kennt man. Festzuhalten bleibt hier: Mehr als ein, zwei Kinder im Publikum ließen sich vom Ofensturz im Stück „ab 5 Jahren“ nicht zum Weinen hinreißen.

Das Gelingen teilt sich Regisseur Borrmann mit Bühnen- und Kostümbildnerin Anja Müller. Bevor es losgeht, stehen ihre zehn zylindrischen Bäume mit Nadelkronen noch recht hölzern herum. Bald aber stellt ihr Klapp-Innenleben fast alles, ergänzt um einen Tisch und sparsame Requisite, wofür es Bedarf gibt: die Speisekammer, eine Konditorstorte (das Hexenhäuschen wird nur in Klein-Lekbuchen sichtbar), den Käfig fürs Knochenfingerchen und den Ofen.

Die Kostüme sind märchenhaft, so auch beim Hosenrollen-Hänsel, bei Thalia Azrak als Mond-rollendem Sandmann im Silberfrack und Seo Jin Lee als Auroren-haftem Taumann. Die Mutter, in der Premiere Theresa Bub, bleibt in Vilbel von der Hexe (Maren Schwier) getrennt; beide überzeugen mitsamt Widerhaken. Das gilt erst recht für die Titelhelden (Alexandra Sophie Uchlin, Stefanie Woelke) sowie Seongjae Choe, der als Vater am meisten Dramatik einbringt.

Die nächsten Vorstellungen

„Anne Frank“: 12. bis 16. Mai; „Hänsel und Gretel“: 8. Mai, 4. und 14. Juni. Karten zu 5,50 und 15 Euro unter Telefon (0 61 01) 55 94 55. Internet www.kultur-bad-vilbel/burgfestspiele

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