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Ausstellung: Chinesische Romantik im 21. Jahrhundert

Mehr als 50 Studenten und Professoren aus Chongqing präsentieren sich in Darmstadt mit erstaunlich selbstbewussten Gemälden und Videos.
Lijun Xiong nennt sein poppiges Ölgemälde „ Sommer in Trance“. Es entstand 2014. Lijun Xiong nennt sein poppiges Ölgemälde „ Sommer in Trance“. Es entstand 2014.

Die Kollegen blicken gelangweilt drein. Entsprechend ärgerlich ist der Direktor, der just aus dem Bild rennt und den Betrachter dabei verzweifelt anschaut. Der Chef scheint seine Truppe nicht im Griff zu haben, so der Eindruck. Im ersten Moment wirkt das Bild wie ein riesiges Selfie, aber die ironische Selbstdarstellung ist in Öl gemalt. Mit diesem Gruppenbildnis ist Maokun Pang, dem Direktor der Kunsthochschule im südwestchinesischen Chongqing, ein erfrischender Auftritt zwischen Selbstkritik und Selbstbewusstsein gelungen. Seine Kollegen und Schüler tun es ihm gleich in der Darmstädter Kunsthalle.

Dort sind jetzt 100 Gemälde und sechs Videos versammelt aus der 28-Millionen-Stadt in der Provinz Sichuan. Leider ist die Ausstellung nur kurze Zeit bis 1. Oktober zu sehen, denn danach geht die Renovierung der Kunsthalle in die nächste Etappe. Die Werke stammen, bis auf eine Ausnahme, alle aus den vergangenen zehn Jahren; sie wurden gemalt von 51 Künstlerinnen und Künstlern. Nicht immer erkennt man sofort, wer Lehrer und wer Schüler ist, da die Hängung rein assoziativ ist und die Namen der Beteiligten uns nichts sagen.

Kein Star wie Ai Weiwei ist darunter, aber durchweg brillante Malerei, samt ein paar mittelmäßigen oder arg hingerotzten Bildern – wie immer, wenn sich eine Akademie vorstellt. Die Kunsthochschule in Chongqing ist für unsere Vorstellungen mit 7000 Studenten geradezu gigantisch, wobei die Frauen überwiegen, wie Kunsthallen-Chef León Krempel in Chongqing erfahren hat. Krempel gesteht offen ein, dass ihm die chinesische Kunst bisher fremd war. Jetzt ist er zufrieden mit der Auswahl, die er mit Kennern der Szene getroffen hat. „Es ist keine stromlinienförmige Schau, sie versammelt vielfältige Stile auf hohem Niveau und bietet auch etliche Entdeckungen.“

Eine Portion Ironie

Ins Auge fällt bei zahlreichen Bildern eine gewisse Portion Ironie oder Frechheit. Da malt etwa Shuzhong Chen, der auch an der Kunstakademie lehrt, die sagenhafte Kartoffelernte des Dorfes Yecaotan mit riesigen Knollen, die penibel vermessen und ehrfürchtig bestaunt werden. Eine deutliche Anspielung auf die fantastischen Ergebnisse, die einst unter Mao in der Landwirtschaft und in der Produktion erzielt wurden – oder soll man besser sagen: erfunden wurden?

Vor der jüngeren und wenig ruhmreichen Geschichte scheinen die Maler keine Berührungsängste zu haben, auch nicht vor der westlichen Kunst. Caspar David Friedrichs berühmtes Motiv des einsamen Wanderers in Rückenansicht von 1818 siedelt Hai Zhu im 21. Jahrhundert an. Die chinesische Variante zeigt unter dem Titel „Heimwärts“ zwar auch einen Mann auf einem Berg, aber zu seinen Füßen liegen nicht mehr Nebelschwaden in der wilden Natur, sondern die blinkenden Lichter einer Metropole. So sieht chinesische Romantik im 21. Jahrhundert aus.

Neben realistischen finden sich auch viele surrealistische oder abstrakte Bilder, sogar einige eher von der Werbegrafik inspirierte Motive. Experimentiert wird gern und viel mit den Motiven, der Leinwand, den Farben und dem Pinsel. Manch ein Student arbeitet aus der schwarzen Leinwand filigrane weiße Fäden heraus, manch einer kombiniert auch kühn die Tierwelt mit Flugzeugen. So festigt sich beim Rundgang der Eindruck, dass die künstlerische Vielfalt in China viel größer als bei uns ist. Offensichtlich ist erlaubt, was gefällt, wenn nur die Technik stimmt. Und das Malen beherrschen alle, wie die Schau zeigt.

Einlullender Singsang

Eines der sechs Videos stammt von der Studentin Yifan Li und führt in knapp sieben Minuten die „Bildforschung: Rosa“ vor. Zu einem Aufmarsch unter roten Fahnen erklingen sehr harmonische Gesänge, die so gar nicht in unser Bild von der chinesischen Kulturrevolution passen – kein Wunder, die Lieder waren damals verboten. Jetzt befriedet ihr einlullender Singsang den kritischen Rückblick in die jüngste Vergangenheit eines riesigen Landes, das von einem Umbruch zum nächsten eilt.

Kunsthalle Darmstadt

Steubenplatz 1. Bis 1. Oktober.
Geöffnet Di/Mi/Fr 11–18 Uhr, Do
11–21 Uhr, Sa/So 11–17 Uhr. Eintritt
5 Euro. Telefon (0 61 51) 89 11 84. Internet www.kunsthalle-darmstadt.de

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