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Chris Dercons Volksbühne startet durch

Erst besetzt, jetzt bespielt. Der neue Volksbühnen-Intendant Chris Dercon und sein Team geben ihren Einstand im Stammhaus des Theaters am Rosa-Luxemburg-Platz. Die Polizei schaut auch mal vorbei.
Nur der geschminkte Mund der Schauspielerin Anne Tismer ist zu Beginn der Performance in der Volksbühne zu sehen. Foto: Wolfgang Kumm Foto: dpa Nur der geschminkte Mund der Schauspielerin Anne Tismer ist zu Beginn der Performance in der Volksbühne zu sehen. Foto: Wolfgang Kumm
Berlin. 

Kann eine einzige Schauspielerin die riesige   Berliner Volksbühne füllen? Das raumgreifende Bühnen-Halbrund, wo bisher Frank Castorfs Truppe in gigantischen Szenerien tobte?

Am Freitagabend steht dort erst einmal nur Anne Tismer. Und zu sehen ist von ihr im komplett abgedunkelten Theatersaal einzig der grellrot geschminkte, von einem Spot angestrahlte Mund.

Minimalismus statt Krawall - so könnte das Motto des Abends lauten, mit dem der neue, umstrittene Volksbühnen-Intendant Chris Dercon und sein Team ihren Einstand im Stammhaus des Theaters am Rosa-Luxemburg geben. Der Mund gehört zu Samuel Becketts absurd-tragischem Monolog „Nicht ich”. Und der 54-jährigen Darstellerin Anne Tismer gelingt es, die Zuschauer bereits mit ihren ersten Worten in den Bann zu ziehen.

Nach der Besetzung der Volksbühne durch Dercon-Gegner und selbsternannte Politaktivisten im September wird das Theater nun endlich bespielt. Zum Warm-up war das Dercon-Teams auf den stillgelegten Tempelhofer Flughafen gezogen - und in der Zwischenzeit fiel ihr Theater quasi in die Hände der Besetzer.

Die Volksbühnen-Besetzung werde ja hoffentlich zum nächsten Berliner Theatertreffen eingeladen, witzelt Hausherr Dercon. Am Premierenabend schaut auch mal die Polizei vorbei. Rein ins Haus kommt man sicherheitshalber nur mit Eintrittskarte und Bändchen ums Handgelenk.

Die erste Premiere im Großen Haus ist die Feuerprobe für den Belgier Dercon, der von Teilen der Berliner Kulturszene wegen seiner Kulturmanager-Vergangenheit immernoch angefeindet wird. Die auf der Bühne, im Zuschauerraum und in allen Foyers gespielte Eröffnung hat den schlichten Titel „Samuel Beckett/Tino Sehgal” - und die Mischung aus puristischem Schauspiel und charmanter Aktionskunst kommt beim Großteil des Publikums prima an.

Den Auftakt macht der deutsch-britische Künstler Tino Sehgal, der seine preisgekrönten Performances bereits bei der Biennale in Venedig und der Documenta zeigte. Sein einziges neues Werk an diesem Abend ist eine Art Geisteraustreibung. Mit massiven Elektro-Beats, Flackerlicht und zuckender Lightshow der Bühnentechnik soll wohl der Castorf'sche Geist vertrieben werden. 

Überzeugender sind Sehgals „alte” Arbeiten wie zum Beispiel „This is exchange” (2003) und „Ann Lee” (2011). Alt ist ja sowieso nur die Idee - denn die Kunstwerke selbst entstehen in der Begegnung der Performer mit den Zuschauern immer wieder neu. In „This is exchange” etwa stellen sich Unbekannte höflich vor und verwickeln einen in eine Diskussion über Sinn und Unsinn der Marktwirtschaft. Im Sternfoyer der Volksbühne wird schnell leidenschaftlich diskutiert.

Schwerer hat es dagegen die von einer weiblichen Manga-Figur inspirierte Arbeit „Ann Lee”. Die Worte der jungen Performerin gehen im Foyer und im Trubel der Wein trinkenden und quatschenden Premierenbesucher fast unter. Sehgal wurde 2013 für sein immaterielles und flüchtiges Werk als bester Künstler mit dem Goldenen Löwen der Kunstbiennale in Venedig ausgezeichnet.

Im Großen Saal dann der eigentliche Höhepunkt: Der Regisseur und langjährige Beckett-Vertraute Walter Asmus inszeniert die um das Erinnern kreisenden Beckett-Einakter „Nicht Ich”, „Tritte” und „He, Joe” - ganz streng und asketisch. Hoch konzentriert folgt das Publikum Anne Tismer, die mit ihrem furiosen Aufritt alle drei Stücke prägt.

Ein exaltierter, verzweifelter „Sprechdurchfall” ist es beim „Mund” aus „Nicht Ich” - der widerwilligen Lebensbilanz einer Frau. In „Tritte” läuft Tismer im weißen Kleid über die pechschwarze, ohne ein einziges Requisit versehene Bühne - im Erinnerungswahn immer von rechts nach links und wieder zurück.

In „He, Joe” ist Tismer die Stimme im Kopf von Joe - ohne Worte gespielt vom 82-jährigen dänischen Schauspieler Morten Grunwald („Olsenbande”), dessen Gesichtszüge auf einer Videoleinwand immer größer werden und am Ende aus Furcht vor den eigenen Taten entgleisen. Die sperrigen Beckett-Werke auf die Bühne zu holen war sicher nicht ohne Risiko. Doch der Mut wird mit dem Applaus des Publikums belohnt. Ein gelungener Neustart an der Volksbühne.

(Von Elke Vogel, dpa)
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