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Interview mit der Direktorin des Frankfurter Filmmuseums: Claudia Dillmann: "Netflix-Serien gehören ins Kino"

Gut 20 Jahre leitete sie das Deutsche Filminstitut, inklusive des Filmmuseums. Ende des Monats geht Claudia Dillmann in den Ruhestand.
Claudia Dillmann kann sich entspannt zurücklehnen. Die scheidende Direktorin des Deutschen Filminstituts und des Filmmuseums hinterlässt ein bestens aufgestelltes Haus. Zuletzt hat sie intensiv mit an der Digitalisierung der alten Filmbestände mitgewirkt, um das Kulturerbe für kommende Generationen zu retten. Foto: Salome Roessler Claudia Dillmann kann sich entspannt zurücklehnen. Die scheidende Direktorin des Deutschen Filminstituts und des Filmmuseums hinterlässt ein bestens aufgestelltes Haus. Zuletzt hat sie intensiv mit an der Digitalisierung der alten Filmbestände mitgewirkt, um das Kulturerbe für kommende Generationen zu retten.

Ein hübsches Café und ein grauslicher Friedhof, eine Arztpraxis oder Kanzlei, eine Wohnküche und weitere Räume stehen zur Auswahl, als Claudia Dillmann (63), die am 30. September als Direktorin des Deutschen Filmmuseums und Deutschen Filminstituts in Frankfurt ausscheidet, die Fotografin nebst Interviewer empfängt. Vor der Eröffnung eines Projekts mit wechselnden Kleingruppen, die binnen dreier Stunden einen eigenen Film entwerfen, schreiben, drehen und erarbeiten können, sind schon professionelle Filmsets im Museum aufgebaut: „Abgedreht – die Filmfabrik von Michel Gondry“ (14. September bis 28. Januar). Schnell ist das Siebzigerjahre-Schlafzimmer mit seinen grellen Farben für die Fotosession ausgewählt. Anschließend bittet Dillmann zum Interview in ihr Büro. Die Fragen stellte Marcus Hladek.

Frau Dillmann, Sie planen seit 2016 Ihren vorzeitigen Ruhestand. Seit Bekanntgabe ist ein halbes Jahr vergangen. Kommt jetzt alles ganz plötzlich?

CLAUDIA DILLMANN: Nein. Seit 2016 haben mein Vorstandskollege Nikolaus Hensel und ich intensiv daran gearbeitet, das Haus zukunftssicher zu machen. Das ist gelungen.

Sein Erbe absichern zu wollen, ist normal. Ganz gelingt es aber nie, oder? Nehmen wir nur mal an, der übernächste Kulturdezernent ist eine Niete. Soll ja periodisch vorkommen.

DILLMANN: Das Leben ist voller Risiko. Jedenfalls haben wir getan, was wir konnten. Die letzten arbeitsreichen Wochen sind darüber nachgerade verflogen. Jetzt bekomme ich langsam den Tunnelblick aufs Licht am Ende, freue mich und bin ganz entspannt.

Sie leiten das Filminstitut seit zwanzig Jahren, das Museum seit zehn oder elf. Ist das wie bei Odysseus: Zehn Jahre Trojanischer Krieg, zehn Jahre Irr- und Heimfahrt in den sicheren Hafen?

DILLMANN: Nicht ganz. Odysseus war auf seinen Fahrten Winden, dem Zufall oder Geschick und feindlichen Göttern ausgesetzt. Bei uns ergab die Fusion von Filminstitut und Filmmuseum, wie von der Stadt und mir gewünscht, ein Institut mit mehreren Geldgebern, was à la longue eine starke Position ist. Den Umbau hätten wir sonst kaum hinbekommen.

Laut einer Legende soll Odysseus nach seiner Heimkehr von Ithaka erneut, diesmal gen Westen, aufgebrochen sein, Richtung Amerika oder Irland. Sie gründeten einst das Festival „Go East“ und gehen jetzt nach Spanien. Ist das Ihr Neuaufbruch? Es gab ja viele Versuche, Sie abzuwerben.

DILLMANN: Das berührt die Frage, wie ich mir den Ruhestand vorstelle. Ich wollte aus familiären und privaten Gründen zunächst bleiben. Es gibt aber gute private Gründe, einen Teil des Jahres in Spanien zu verbringen. Ganz breche ich die Zelte in Frankfurt trotzdem nicht ab.

Ihr Weggang steht in einer Reihe mit dem von Max Hollein, Oliver Reese, Frau Gaensheimer, Dieter Buroch. Nur Zufall?

DILLMANN: Die Häufung ist wohl Zufall. Oder weil wir schon länger Leiter waren? Du musst halt gucken, dass du nach zehn Jahren was Neues anfängst.

Ist Ihr Nachfolger inzwischen bestimmt?

DILLMANN: Die Findungskommission hat getagt und hat einen Favoriten oder eine Favoritin. Da wird jetzt verhandelt. Wir sind ein Verein und regeln das, mit Ina Hartwig, die auch Kulturdezernentin ist, als Verwaltungsratvorsitzender.

Wann ist Bekanntgabe?

DILLMANN: Zwei bis drei Wochen? Der Nachfolger beginnt am 1. Januar.

Ihre Schreibpläne – wie sehen die konkret aus? Knüpfen Sie an Ihre Zeit als Journalistin an?

DILLMANN: Nein. Ich denke an filmhistorische Sachen, das kann aber dauern und wird vielleicht nie ein Buch. Ich meine die Versuche beider Seiten nach dem Zweiten Weltkrieg, jüdische Regisseure, Schauspieler, Komponisten, Drehbuchautoren aus dem Exil zurückzuholen. Viele ließen sich damals in der Schweiz nieder und hatten von da die deutsche Nachkriegsgesellschaft im Blick. Die Leute reisten und befanden sich wohl oder eher unwohl zwischen den Stühlen. Fritz Lang blieb nie so lang in der Bundesrepublik, um den US-Pass zu gefährden. Es gab auch Widerstände, antisemitische Haltungen, Skepsis, Konflikte. Artur Brauner war als jüdischer Produzent aktiv, um Exilanten zurückzuholen; das Museum hat sein Archiv. Wie kamen diese Künstler zurecht? Was haben sie für den Nachkriegsfilm getan?

Zurück zum Schock von 1993, als es mit dem Kommunalen Kino vorbei schien. Heute scheint das Haus samt Kino gesicherter als je. Fürchten Sie trotzdem neue Sparzeiten?

DILLMANN: Wir mussten damals lernen, wie eine Spardebatte entgleist. Es war die erste nach der Ära Hilmar Hoffmann, in der immer alles voranging. Plötzlich wurde das Soziale gegen die Kultur ausgespielt. In der Kulturszene gab es keine Solidarität. Kino interessierte die Kommunalpolitik nicht, es herrschte blanke Ignoranz: eine sozialdemokratische Kulturdezernentin wollte eine ur-sozialdemokratische Erfindung abwickeln. All das wird sich nicht wiederholen. Bei der letzten kleineren Spardebatte vor zwei, drei Jahren gab es endlose Auseinandersetzungen, aber die Szene ließ sich nicht spalten.

Ein Sprung nach 2017. Wie sehen Sie Entwicklungen wie Netflix, die eine andere Art Filmkultur befördern?

DILLMANN: Natürlich finde ich bemerkenswert, wie US-Produzenten ein neues „Fernsehen“ über Streaming-Angebote schaffen. Das sind weniger Fernseh- als Filmserien, die man anders ansieht. Wir diskutieren, wie wir solche Serien im Kino zeigen und ihre Analyse fördern können. Ausstellen kann man das kaum, aber wegen der kinematografischen Perfektion gehören sie ins Kino. Es ist eine Bereicherung, junge Leute konzentrieren sich intensiv darauf.

Und die Digitalisierung alter Filmbestände?

DILLMANN: Das war mein Schwerpunkt der letzten Wochen, das Digitalisierungsprogramm zwischen Bund, Ländern, Filmwirtschaft. Wir wollen Filme des 20. Jahrhunderts sichtbar halten, also retten. Kinos zeigen nur digitale Filme, mit unseren 20 000 Archiv-Filmen als Filmstreifen in Dosen können sie nichts anfangen. Ein 90-Minuten-Spielfilm besteht aus Einzelbildern, die man einzeln digitalisieren muss, das sind Durchschnittskosten von 28 000 Euro pro Film. Aber ohne Digitalisierung geht das nationale Film- und ein Stück Kulturerbe verloren, ob es alte Heimatfilme sind oder Experimentalfilme.

Macht Ihnen die technische Kälte, der Verlust an Magie zu schaffen?

DILLMANN: Ich sehe das als Problem. Das ging mir auch bei den CDs schon so. Meine Studenten sind da unentschieden und sagen: Nee, lieber ein helles, klares, cleanes Bild als Kratzer.

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