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Das Musical „Titanic“ bei den Bad Hersfelder Festspielen: Dampfer-Drama im Kirchenschiff

Von Während der berühmte Schiffsuntergang aufwendig inszeniert wird, reichen für die Krimikomödie „Die 39 Stufen“ im Schloss Eichhof vier Darsteller aus.
Die Ruhe vor dem Untergang: Das Ehepaar Strauss (Uwe Dreves und Christine Rothacker) lässt sich vom Steward (Mathias Schlung) noch einen einschenken. Foto: Klaus Lefebvre (Klaus Lefebvre) Die Ruhe vor dem Untergang: Das Ehepaar Strauss (Uwe Dreves und Christine Rothacker) lässt sich vom Steward (Mathias Schlung) noch einen einschenken.
Bad Hersfeld. 

Die Geschichte der „Titanic“ ist schon viele Male erzählt worden. Doch den Untergang des angeblich unsinkbaren Ozeanriesen auf einer Bühne nachzuspielen, stellt eine besondere Herausforderung dar. Der aus Zürich stammende Regisseur Stefan Huber und sein Team haben diese bei den Bad Hersfelder Festspielen meisterhaft bewältigt. Im „untergegangenen Kirchenschiff“, so der Schweizer selbst über die Stiftsruine, ist nach einem Buch des Amerikaners Peter Stone und mit der Musik von Maury Yeston ein monumentales Musical über die unglückliche Jungfernfahrt des Luxusliners und den Größenwahn des Menschen entstanden, das schon mit der von der Abfahrt erzählenden Ouvertüre in den Bann schlägt.

Martin Semmelrogge (links), Sarah Elena Timpe und Markus Majowski in der Krimikomödie „Die 39 Stufen“. Bild-Zoom
Martin Semmelrogge (links), Sarah Elena Timpe und Markus Majowski in der Krimikomödie „Die 39 Stufen“.

Die Bühnenbildner Timo Dentler und Okarina Peter haben eine geniale Lösung für die Darstellung des Dampfers gefunden. Mehrere weiße Türme mit Reling und jeweils drei Etagen können als Passagierdecks zusammengerückt oder später, nach dem folgenschweren Zusammenstoß mit einem Eisberg, für die Rettungsboote auseinandergenommen werden. Zudem schwebt ganz oben eine Brücke – zu Beginn offensichtlicher Standpunkt derer, die die Macht über die Mission haben: Kapitän Smith (Michael Flöth), Schiffsarchitekt Andrews (Alen Hodzovic) und Reederei-Direktor Ismay (Frank Winkels), der auf der Jagd nach einem neuen Geschwindigkeitsrekord immer mehr Druck ausüben und das Unglück damit provozieren wird.

Über allem schwebend

Dann dient die riesige Schaukel dem auch nach vielen Jahren noch verliebten Ehepaar Strauss (Uwe Dreves, Christine Rothacker) als in bläuliches Licht getauchter, romantischer Ausguck. Die beiden über allem Schwebenden werden sich für einen gemeinsam Tod entscheiden. Schließlich verwandelt sich dieser höchste Punkt des nicht unverwundbaren Technikwunders, vom eindringenden Wasser herabgedrückt, in eine schräge Rampe, auf der die wild um ihr Leben kämpfenden Passagiere unerbittlich in die Fluten rutschen.

Es bedarf, anders als etwa bei James Camerons berühmter Verfilmung von 1997, nicht der Fokussierung auf wenige einzelne Schicksale, um das Unglück, dem 1912 1514 Menschen zum Opfer fielen, emotional näher zu bringen. Die Träume der Passagiere aus der dritten Klasse von einem besseren Leben in Amerika, die Zweifel verschiedener Besatzungsmitglieder an der Perfektion des „gewaltigsten beweglichen Objektes“ und den Entscheidungen des sich so oder so auf seiner letzten Reise befindenden Schiffsführers oder der elitäre Alltag in der Oberschicht setzen sich großartig zu einem anschaulichen und gesellschaftskritischen Bild des Lebens zur damaligen Zeit zusammen. Gewaltige Chorstücke der etwa 40 Darsteller spiegeln die Dimensionen wider, in denen man sich in dem schwimmenden Hotel bewegt. Die Live-Musik des Orchesters unter der Leitung von Christoph Wohlleben trägt das Geschehen auf der Bühne und lässt, obwohl das Ende hinlänglich bekannt ist, die Spannung beständig steigen.

Bei der Premiere am Freitag sorgte zudem das Wetter für ungeplante, aber passende Effekte. Schon vor dem ersten Auftritt hatten Helfer die Wassermassen nur notdürftig beseitigen können, die der Regen auf dem eigentlich noch trockenen Deck hinterlassen hatte. Doch das stete Tropfen und weitere Schauer rundeten den Eindruck der Meerreise ab. Die Tänzer zeigten bei ihrem spritzigen Swing Mut und ließen sich potenzielle Angst vor einem Ausrutscher, der nur einem von ihnen unterlief, nicht anmerken. Die mehr als 1300 Zuschauer in der ausverkauften Spielstätte bedankten sich für den knapp dreistündigen und imposanten Abend mit begeistertem Applaus.

Witzige Gangsterstory

Doch die Festspiele in der nordhessischen Kreisstadt bestehen nicht nur aus dramatischen Masseninszenierungen. Im Schloss Eichhof, einer nur 200 Zuschauer fassenden Spielstätte außerhalb der Altstadt, kam am Samstagabend erstmals die Krimikomödie „Die 39 Stufen“ zur Aufführung. Die Adaption von Patrick Barlow hält sich mehr an Alfred Hitchcocks populäre Verfilmung als an das Originalbuch von John Buchan, aber sie zieht den Spionagethriller ins Lächerliche. Offiziell nur vier Schauspieler holt Regisseur Patrick Schimanski dafür auf die Bühne samt Laufsteg: Stefan Kaminsky und Sarah Elena Timpe spielen die Hauptrollen, Martin Semmelrogge und Markus Majowski, sämtliche Register ziehend, alle anderen und damit jeweils bis zu 20.

Mit Minimalaufwand werden Verfolgungsjagden und Zugfahrten im Nebeldampf dargestellt, per Gießkanne ein Wasserfall simuliert, und Instrumentalist Philipp Wiechert sorgt aus einem offenen Zelt heraus für den ergänzenden Soundtrack. Eine witzige, sehr britische und im Stil der 40er Jahre gehaltene Gangsterstory, die selbst eine Wildgans, die sich zwischenzeitlich auf dem Dach des Anwesens niedergelassen hatte, zu köstlichem Dauerlachen verführte.

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