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Daniel Barenboim warnt vor Nationalismus in Europa

Er hat mehrere Pässe, spricht ein halbes Dutzend Sprachen und macht Musik in aller Welt: Daniel Barenboim warnt vor wachsendem Nationalismus. Ein gesunder Patriotismus reiche vollkommen.
Der Berliner Generalmusikdirektor Daniel Barenboim macht sich Sorgen über Europa. Foto: Tim Brakemeier Der Berliner Generalmusikdirektor Daniel Barenboim macht sich Sorgen über Europa. Foto: Tim Brakemeier
Berlin. 

Vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich hat der Dirigent und Pianist Daniel Barenboim (74) vor einer weiteren Stärkung des Nationalismus in Europa gewarnt.

Angesichts der Siegeschancen der rechtsgerichteten Front National sagte Barenboim: „Der Nationalismus ist auch eine Folge des Unbehagens mit der Globalisierung, aber er ist das genaue Gegenteil von wahrem Patriotismus.” Er könne zwar den Unmut vieler französischer Wähler mit den bisherigen Regierungen in Paris nachvollziehen. Ein nationalistischer Rückschlag wäre aber fatal für Europas Zukunft.

„Es gibt einen Gegensatz zwischen Nationalismus und Patriotismus, so wie auch die Globalisierung mit ihrer Gleichmacherei der Idee einer gemeinsamen, universellen Menschheit zuwiderläuft.” Wer sich seiner eigenen Identität, seiner Werte und Kultur sicher sei, könne auch gut mit anderen Menschen auskommen und zusammenarbeiten. „Der Patriotismus schließt die anderen ein, der Nationalismus als Reaktion auf die Globalisierung schließt sie aus.”

Die EU habe die Idee eines europäischen Kulturraumes aufgegeben, sagte der Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper. „Das hat nichts mehr mit den Vorstellungen von François Mitterrand und Helmut Kohl zu tun.” Der ursprüngliche Gedanke, dass sich etwa Franzosen und Deutsche auch über ihre Kultur verständigen und besser kennenlernen, „über Beethoven und Thomas Mann, über Ravel und Baudelaire”, sei einer rein wirtschaftlichen Ausrichtung gewichen. „Der Euro alleine reicht aber nicht aus.”

Er selber könne sich mit Frankreich gut identifizieren, „mit seiner Kultur, der Musik etwa von Debussy und Pierre Boulez”, sagte Barenboim, der von 1975 bis 1989 Chefdirigent des „Orchestre de Paris” war. Die Franzosen seien sich ihrer Einzigartigkeit immer sehr bewusst gewesen.

Als Beispiel erzählte Barenboim eine Anekdote aus seiner Pariser Zeit. Auf seine Frage während einer Probe, warum das Orchester eine bestimmte Passage nicht nach den Noten spiele, habe ihm ein Musiker des Orchesters geantwortet: „Wir Franzosen irren lieber alleine, als mit anderen Recht zu haben.” Diese Eigenart sei ihm sehr sympathisch, könne aber angesichts der politischen Lage auch gefährliche Folgen haben.

Tatsächlich habe die Globalisierung einzigartige, unterschiedliche Lebensgewohnheiten ausgehöhlt. „Ich finde nichts Besonderes daran, dass ich heute Sushi in Mailand und morgen Spaghetti in Peking essen kann.” Erst Diversität schaffe unverwechselbare Kulturen und Menschen, die dann auch in der Lage seien, sich gegenseitig zu beeinflussen und zu befruchten.

Statt jetzt den Brexit und ein Erstarken nationalistischer und rechtsgerichteter Strömungen nur zu bedauern, müsse die EU einen Kurswechsel angehen, „hin zu einer kulturellen Gemeinschaft”, sagte der argentinisch-israelische Dirigent. In der kommenden Woche gehen Barenboim und sein West-Eastern Divan Orchestra auf Europa-Tournee mit Auftritten in Aarhus, Helsinki, Stockholm, Hamburg, Berlin und Wien.

In Frankreich wird an diesem Sonntag ein neuer Präsident gewählt. Der Sozialliberale Emmanuel Macron und die Rechtspopulistin Marine Le Pen lagen in Umfragen zuletzt vorn, doch auch zwei weitere Kandidaten können sich noch Chancen auf den Einzug in die Stichwahl ausrechnen.

(dpa)
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