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Quadratisch, billig, schön: Darmstädter Mathildenhöhe widmet sich der Jugendstil-Fliese

Rund 350 verzierte Fliesen aus England, Deutschland, Belgien und Ungarn zeigen auf der Darmstädter Mathildenhöhe prächtige Ornamente, Farben und Linienspiele.
Aus den 1880er Jahren stammt diese handbemalte englische Fliese. Aus den 1880er Jahren stammt diese handbemalte englische Fliese.
Darmstadt. 

Kunst im Kleinformat hatte Konjunktur um 1900 in England, Deutschland, Frankreich und Belgien – also in entsprechend gut industrialisierten Ländern. Nur 15 mal 15 Zentimeter maßen damals die handelsüblichen Fliesen. Die quadratische Keramik war ästhetisch und praktisch, hygienisch und feuersicher, preiswert und populär. Sie wurde nicht nur in Bad und Küche eingesetzt, sondern verzierte auch die Eingänge oder Fassaden von Wohnhäusern, Fabriken, Bibliotheken und Behörden.

Typisches Jugendstil-Rankenwerk um 1900.	Abb.: Mathildenhöhe Bild-Zoom
Typisches Jugendstil-Rankenwerk um 1900. Abb.: Mathildenhöhe

Damals gab es in Europa rund 50 Hersteller, die eine riesige Auswahl von 8000 Motiven anboten. Wie es zu diesem Boom kam, erzählt das Darmstädter Museum Künstlerkolonie in der Schau „Ornament im Quadrat“ bis 28. Mai anhand von 350 Fliesen, aber auch Tapeten, Textilien, Möbeln, Musterbüchern, Grafiken und Geschirr. Immerhin besitzt das Haus neuerdings 750 dieser dekorativen Quadrate und verfügt damit über die größte Sammlung an Jugendstil-Fliesen in Deutschland.

Florale Motive

Ein Glücksfall, den eine Privatsammlerin ermöglichte. Das Museum besaß zuvor nur 150 Fliesen von den Künstlerkolonie-Mitgliedern, da der Darmstädter Großherzog Ernst Ludwig 1906 auch eine Keramik-Manufaktur gründete, sieben Jahre nach dem Start der Kolonie auf der Mathildenhöhe. Rund 60 Jahre später ging Inge Niemöller als Bibliothekarin nach London und begeisterte sich dort für alte Fliesen mit floralen Motiven. Diese Industrieprodukte aus der Zeit von 1850 bis 1930 erstand sie auf Flohmärkten für wenige Pfund.

Diese Fliese lebt vom Farbenkontrast: blaue Blüten vor hellgrünem Hintergrund. Bild-Zoom
Diese Fliese lebt vom Farbenkontrast: blaue Blüten vor hellgrünem Hintergrund.

Bei ihrer Rückkehr nach Deutschland 1986 hatte Niemöller mehr als 700 Jugendstil-Fliesen gesammelt; dem Darmstädter Haus vermachte sie testamentarisch bei ihrem Tod 2015 rund 600 Exemplare. Die Sammlerin war die Nichte des bekannten Pastors Martin Niemöller.

So kann die Darmstädter Mathildenhöhe nun eine bisher nur dünn bestückte kunsthandwerkliche Gattung in prallem Umfang dokumentieren. Bekanntlich wollten die Jugendstil-Künstler ein Haus konsequent durchgestalten, von der Türklinke bis zum Dachfirst, vom Fußboden bis zum Schrank, vom Besteck bis zur Bettwäsche. Sie beriefen sich auf die englische „Arts-and-Crafts“-Bewegung, die um 1860 als Reaktion auf die Industrialisierung entstand. „Arts-and-Crafts“-Gründer William Morris und seine Mitstreiter sahen in der Industrie die drohende Versklavung des Menschen und propagierten dafür die kunsthandwerkliche Fertigung. Spöttisch wurden sie als „Sozialkunstgewerbler“ bezeichnet, aber ihre Kunst konnten sich nur Betuchte leisten.

Auch die Herzform war im Jugenstil als Ornament sehr beliebt. Bild-Zoom
Auch die Herzform war im Jugenstil als Ornament sehr beliebt.

Einer von ihnen, William De Morgan, beschritt allerdings einen Mittelweg. Teils brannte er seine Fliesen selbst, teils bezog er sie fertig von einer Fabrik und bemalte sie nur noch. Selbst das war noch entsprechend teuer, sieht aber wunderschön aus, auch dank De Morgans speziellen Lüsterglasuren, die den Keramiken einen metallischen Glanz verleihen. Auch Niemöller erlag dem Charme dieser individuell bemalten Fliesen.

Dass die Zierfliese überhaupt so populär wurde, verdankte sie einer technischen Neuerung, der Trockenpressung von 1840. Diese Technik wurde in England entwickelt, aber die Engländer waren damals sehr konservativ und orientierten sich weiterhin an naturalistischen, neogotischen oder viktorianisch-strengen Motiven. Viel experimentierfreudiger waren die Deutschen, Franzosen und Belgier – und regten damit die Engländer zu neuen Ideen an.

Verschnörkelt und verspielt

Gut zu vergleichen ist das in Darmstadt an einer großen Fliesenwand, an der mehr als 35 Fabriken vertreten sind, darunter 25 englische, zehn deutsche, eine belgische und eine ungarische. Oft taucht ein Motiv in einer anderen Farbe oder leicht abgewandelt auf – die Hersteller kupferten gern untereinander ab oder suchten in Musterbüchern nach Anregungen. Ohnehin war die Zierfliese mehr für die Wand als für den Boden gedacht, entweder als Fries oder als Band inmitten einer großen monochromen Fläche.

Freilich sind die verschnörkelten oder verspielten Ornamente nur selten einem Künstler zuzuordnen. Bei einigen Fliesen ist das der Kuratorin Stefanie Patruno erst nach langwierigen Recherchen gelungen. Charles F. A. Voysey etwa entwarf für Pilkington in Manchester schlichte und leicht abstrahierte Seerosen oder Tulpen in matten Farben. Auch Lewis F. Day war für Pilkington tätig, versah aber seine Blumenmotive mit farbenfroh durchscheinenden Glasuren.

In Deutschland arbeiteten nur Villeroy & Boch und die Wächtersbacher Steingutfabrik mit Künstlern zusammen. Doch zwischen deutschen und englischen Fliesen liegen Welten, wie die Schau auch an Peter Behrens, Jakob Julius Scharvogel und Joseph Maria Olbrich zeigt. Die Deutschen mochten es eher sachlich und entwarfen folglich abstrakte, geometrische oder kubische Motive. Die Engländer hingegen, beeinflusst von den Franzosen und Belgiern, setzten ganz auf die florale und schwungvolle Linie.

 

Museum Künstlerkolonie, Darmstadt, Olbrichweg 13 a. Bis 28. Mai. Geöffnet dienstags bis sonntags 11–18 Uhr. Eintritt 5 Euro. Katalog 35 Euro. Telefon (0 61 51) 13 27 78. Internet www.mathildenhoehe.eu

 

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