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Festival Im Rheingau: Das Ambiente baut Ängste ab

Von Kein Sommer ohne Rheingau-Musik-Festival. Dabei fingen sie im Rheingau auch einmal klein an. Lange her. Heuer kommen Stars in großer Zahl an den Rhein. Heute Abend geht’s los.
In der Basilika von Kloster Eberbach wird das Rheingau-Musik-Festival mit dem HR-Sinfonieorchester unter Andrés Orozco-Estrada heute eröffnet. Bilder > Foto: Fredrik von Erichsen (dpa) In der Basilika von Kloster Eberbach wird das Rheingau-Musik-Festival mit dem HR-Sinfonieorchester unter Andrés Orozco-Estrada heute eröffnet.

„Geht doch nach drüben!“ Viele Diskussionen mit aufmüpfigen jungen Leuten endeten im Wirtschaftswunderland so. Michael Herrmann hörte diesen Satz auch, jedenfalls so ähnlich: „Gehen Sie in die Rhön, an die Zonengrenze, da werden wir Sie gerne unterstützen!“, erinnert sich der gebürtige Wiesbadener, der ein Musikfestival gründen wollte. Mit diesem Lockruf entstand zum Beispiel 1986 im Nachbarland Bayern der „Kissinger Sommer“. Herrmann aber blieb stur. Die Musik sollte dort spielen, wo er zu Hause war: im schönen Rheingau. Zusammen mit befreundeten Unternehmern wie dem Dienstleister Claus Wisser oder Walter Fink vom bekannten Wiesbadener Schuhhaus schritt der Tourismus-Fachmann und Konzertagent zur Tat: 1988 fand das erste Rheingau-Musik-Festival statt. Es umfasste 19 Konzerte an sieben Orten, darunter der riesigen Basilika von Kloster Eberbach und im Schloss Johannisberg, das der Fürstin Metternich gehörte. Der Saal im östlichen Schlossflügel wurde kurzerhand von einer Tennishalle in einen Konzertsaal umfunktioniert.

Ohne Unterstützung der öffentlichen Hand konnten die Betreiber freilich kaum über die Runden kommen. Aber sie blieben stur. Noch heute schmunzelt Herrmann über die Losung von Claus Wisser: „Wir sind ein Verein, und der kann nicht pleite gehen.“ Sie schauten nach Norden, wo Herrmanns Freund, der Pianist Justus Frantz, fast gleichzeitig das Schleswig-Holstein-Musikfestival aufzog. Dieses Konzept war für Deutschland neu: raus aus den Sälen, rein in die Natur. Scheunen und Kirchen wurden bespielt, Burgen und Schlösser. Der Charme der Improvisation, des Bodenständigen, des ungezwungenen Musikhörens eroberte ein neues Klassik-Publikum. Die recht strenge Etikette rund um die klassische Musik begann, sich zu entspannen.

Gelernter Buchhändler

Im Norden ließen sich von der neuartigen Idee Firmen inspirieren, luden Mitarbeiter und Kunden zum Konzert mit Empfang ein und garantierten den Veranstaltern auf diese Weise eine finanzielle Grundsicherung. Das funktionierte auch im reichen Rhein-Main-Gebiet, zumal das Rheingau-Festival mit seinem öffentlichen Auftritt punktete. Das geniale Logo, bunte Trauben mit einer Viertelnote als Stiel, steht bis heute für die Verbindung von Wein und Kunst, Landschaft und Kultur, Hochgenuss und Einzigartigkeit.

Der mittlerweile 73-jährige Festival-Intendant (und seit Gründung der GmbH 1992 Geschäftsführer) Michael Herrmann ist für seine Leistung mehrfach ausgezeichnet worden. Der gelernte Buchhändler vergisst jedoch nie seine Wurzeln: „Ich bin als Chorsänger zur Musik gekommen“, erinnert er sich, „und von meinem Chorleiter angeregt worden, mal nach Prades zu fahren.“ In diesem Pyrenäen-Dorf hatte der berühmte katalanische Cellist Pau Casals 1950 ein Musikfestival gegründet, in dem insbesondere viele von den Nazis vertriebene Musiker eine neue Heimat fanden. „Es war eine unbeschreibliche Atmosphäre. Diese Aura, die Casals verbreitete! Die Menschen hörten andächtig zu, wenn die großen Musiker spielten, an einem Ort, wo es normalerweise keine Musik gibt!“

Eins zu eins übertragen kann man solche Ideen natürlich nicht. Das Verdienst Michael Herrmanns und seiner inzwischen 17 festen Mitarbeiter liegt in der Anpassung an die besonderen Verhältnisse im Rheingau, an die langsam, aber beständig sich wandelnden Vorlieben des Publikums und an die Programme, die viele Künstler heute anbieten. Aus sieben sind rund vierzig Veranstaltungsorte geworden; wohltuend, dass Herrmann im Gespräch das neudeutsche Unwort „Locations“ vermeidet.

Große, arrivierte Namen

Der Anteil reiner Klassikkonzerte – mit der Chormusik, Herrmanns schöner Leidenschaft, als ein Schwerpunkt – geht jedoch zurück; Jazz, Crossover, Folk- und Weltmusik in allen Schattierungen locken vor allem ein jüngeres Publikum an. Dennoch stellt der Intendant immer wieder fest: „Viele Leute, die hier im Rheingau, nach einem guten Glas Wein und dem herrlichen Blick von der Schlossterrasse in Johannisberg, ein Klassik-Konzert hören, kommen wieder.“ Das Festival-Ambiente baut Schwellenängste ab – da tun sich die Konzerthäuser, so sie nicht mit dem Erlebnisfaktor spektakulärer Architektur punkten können, immer noch schwer.

Auch das Verhältnis zu den Medien hat sich geändert. Hielt sich der HR anfangs noch zurück bei diesem mittlerweile größten Festival im Sendegebiet, rechnet er sich nun als Ehre an, es mit seinem Sinfonieorchester eröffnen zu dürfen, diesmal mit Chefdirigent Orozco-Estrada und Werken von Richard Wagner und Hector Berlioz. Auch die HR-Bigband mischt mit, viele Konzerte werden gesendet und gestreamt – der mediale Auftritt tut beiden Institutionen gut.

An großen, arrivierten Klassik-Namen mangelt es der Jubiläumsausgabe des Rheingau-Musikfestivals nicht: Christian Gerhaher und Andreas Scholl, Thomas Quasthoff und Olga Peretyatko, Grigory Sokolow und Christian Zacharias, Christian Tetzlaff und Anne Sophie Mutter. Als Zugpferde für die folgenden zehn Wochen (bis 2. September) werden jedoch jüngere Künstler in Stellung gebracht: die Sopranistin Anna-Lucia Richter, Michael Wollny, der Jazz-, und Igor Levit, der Shootingstar unter den Klassikpianisten. Sie geben gleich mehrere Konzerte. Auch Francesco Tristano kommt und das „Vision String Quartet“. Und der hochgelobte amerikanische Pianist Ben Kim wird mit dem von Hessen-Lotto gestifteten Rheingau-Förderpreis ausgezeichnet.

Weitere junge Schwerpunkte heißen „Tanz!Musik“, „Expedition Sound“ und „Next Generation“. Die Wahrheit bei allen (fadenscheinigen) Klagen über die „Überalterung“ des Publikums ist nämlich: die Musik, auch die klassische, ist jung, jünger denn je. Zumindest auf der Bühne. Jährlich drängen Hunderte bestausgebildete Künstler in die Szene; sorgenfrei, reise- und kommunikationsfreudig kann diese leistungsbewusste und -bereite Generation ihrer Leidenschaft nachgehen: Musik, Musik, Musik. Perfektion und Spaß, Virtuosität und Freude an der eigenen Performance. Davon profitieren die fast 600 Klassik-Festivals in Deutschland, voran das zwischen Rhein und Reben.

Mittlerweile lädt der Rheingau auch Kinder und Familien ein, und es gibt Konzerte mit Sitzkissen und mit Diner. Den mittlerweile renommierten Rheingau-Musikpreis erhält mit Enoch zu Guttenberg wieder ein Veteran des Musikfestivals. „Michael Herrmann hält seinen Künstlern die Treue!“, lobt der Stuttgarter Chordirigent Frieder Bernius, der 1988 mit seinem Kammerchor das allererste Konzert bestritt und ebenso wiederkommt wie der Trompeter Ludwig Güttler und der Organist Edgar Krapp. Rheingau-„Pioniere“ eben, die den Satz „Geh doch nach drüben!“ noch kennen, obwohl diese Welt längst untergegangen ist. Jung geblieben ist das Rheingau-Musik-Festival, eine nun dreißig Jahre währende Erfolgsgeschichte.

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