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Das Böse steckt im guten Menschen

Verbrecher machen keinen Urlaub: Aufregende neue Krimis von Patrícia Melo, Denise Mina und Giancarlo De Cataldo.

„Lange Zeit habe ich geglaubt, Schlechtigkeit erfordere einen langen Lernprozess. In jenen Tagen begriff ich, dass das Schwere ist, ein guter Mensch zu sein“, stellt die namenlose Hauptfigur in Patrícia Melos in Brasilien spielendem „Leichendieb“ fest. Der Protagonist ist überrascht von dem Ausmaß an Schlechtigkeit, das er in sich entdeckt. Zufällig wird der ehemalige Call-Center-Manager Zeuge eines Flugzeugabsturzes. Um den Piloten zu retten, kommt er zu spät, im Cockpit findet er einen Packen Kokain. Warum nicht den Stoff nehmen und abhauen? Das ist doch schnell verdientes Geld. Aber wie jeder scheinbar einfache Plan scheitert auch der des Namenlosen, der sich immer tiefer im Verbrechen verstrickt.

„Ich bin ein ganz normaler Mensch. Ein halbwegs guter“, betont er immer wieder. Und das stimmt: Er ist ein ganz normaler gieriger Mensch in einer ganz normalen gierigen Welt, die von Korruption und Ausbeutung bestimmt ist. Patrícia Melo erzählt temporeich, mit dunklem Witz und Sinn für perfide Wendungen. Ein gutes, bitterböses Buch.

Dunkle Geheimnisse

Ins Schottland der 90er Jahre führt Denise Minas Kriminalroman „Der letzte Wille“ (das Original heißt etwas treffender „The Last Breath“): Der Journalist Terry Hewitt wird ermordet, geradezu hingerichtet, doch aus unersichtlichem Grund.

Früher berichtete Hewitt aus Krisengebieten in aller Welt, doch das ist lange her. Aktuell arbeitete er gemeinsam mit einem Fotografen an einem interessanten, aber nicht brisanten Fotobuch. Seine ehemalige Freundin Paddy Meehan, ebenfalls Journalistin, glaubt an eine Verbindung zur IRA und geht den spärlichen Hinweisen nach. Denise Mina, die hierzulande leider noch viel zu wenig bekannt ist, schildert spannend und mit einem glaubwürdigen Plot, wie der Nordirlandkonflikt selbst außerhalb Irlands bis in die Familienbeziehungen hinein das Denken und Leben der Iren bestimmt. Mit ihrem unaufgeregten Stil und den lebendigen, abseits von Klischees geformten Figuren zählt Denise Mina zu den interessantesten schottischen Krimiautorinnen der Gegenwart.

Verbrechen und Politik

Ebenfalls angenehm unaufgeregt ist „Der König von Rom“ von Giancarlo De Cataldo. De Cataldo schildert darin die Vorgeschichte zu seinem beeindruckenden „Romanzo Criminale“, dem umfangreichen Roman, in dem der römische Richter und Schriftsteller Aufstieg wie Fall der sogenannten Magliana-Bande, der größten organisierten Verbrecherbande Roms, in den siebziger und achtziger Jahren nachzeichnet - nicht als Tatsachenbericht, sondern als Roman, doch so nah an der Wirklichkeit, wie Fiktion es zu sein vermag.

Nicht nur die Geschichte der organisierten Kriminalität, auch die Roms und Italiens erzählt De Cataldo in „Romanzo Criminale“, ebenso wie von der Verquickung von Verbrechen und Politik.

„Der König von Rom“ schildert die Anfänge der Magliana-Bande, den verzweifelten Versuch Libaneses, wie De Cataldo seine Hauptfigur nennt, ausreichend Geld aufzutreiben, um im großen Stil ins Drogengeschäft einzusteigen und die kleinkriminellen Handlangertätigkeiten hinter sich zu lassen. Aber noch ist auch ein bürgerliches Leben möglich, noch steht Libanese vor der Wahl.

„Der König von Rom“ ist ein Zeitporträt der frühen 70er Jahre Italiens, das der Verbindung von Kriminalität und Gesellschaft nachspürt, unaufgeregt und faszinierend. Den Abschluss des Buches bildet ein Nachwort von Literaturkritiker Tobias Gohlis und Giancarlo De Cataldo, in dem der Autor, seine Bücher und seine Ziele näher vorgestellt werden.

Patrícia Melo: „Leichendieb“, Tropen/Klett-Cotta, 201 Seiten, 18,95 Euro.
Denise Mina: „Der letzte Wille“, Heyne, 477 Seiten, 9,99 Euro.
Giancarlo De Cataldo: „Der König von Rom“, Folio-Verlag, 180 S., 19,90 Euro.

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