E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 32°C

Interview: Das Cello ist für Gautier Capuçon wie ein Körper

In der Alten Oper spielt der 36-jährige Musiker Gautier Capuçon zusammen mit dem Orchestre de Chambre de Paris Werke von Rossini, Haydn, Ravel und Massenet.
Gautier Capuçon (36), jüngerer Bruder des Violinisten Renaud Capuçon, hat ebenfalls auf der Geige begonnen, sich dann aber doch für das größere Cello entschieden. Gautier Capuçon (36), jüngerer Bruder des Violinisten Renaud Capuçon, hat ebenfalls auf der Geige begonnen, sich dann aber doch für das größere Cello entschieden.

Das muss man sich als klassischer Musiker erst einmal trauen: Hoch auf dem Gipfel das kostbare Instrument auspacken und Saint-Saëns’ berühmtes Cello-Solostück „Der Schwan“ in die schneebedeckte Bergwelt schicken – bei klirrenden Minusgraden! Für Cover und Videos zu seinem neuen Album „Intuition“ hat sich Gautier Capuçon auf dieses (klimatische) Wagnis eingelassen – und nicht nur musikalisch für Aufhorchen gesorgt. Der 36-jährige Franzose gibt am 21. April in Frankfurts Alter Oper ein Konzert mit dem Orchestre de Chambre de Paris unter Adrien Perruchon. Vorab hat Christoph Forsthoff den verheirateten Vater zweier Töchter getroffen und mit ihm über das Grauen der Geige und die Seele des Cellos gesprochen.

Herr Capuçon, warum ist das Cello das schönste aller Streichinstrumente?

GAUTIER CAPUÇON: Da gibt es viele Gründe! Angefangen von seinem Umriss, der dem menschlichen Körper sehr ähnlich ist – welches andere Instrument kann das schon für sich beanspruchen?! Dann natürlich die Nähe: Man hat das Cello zwischen den Beinen und umarmt es regelrecht – ja, das Cello ist wie die Fortführung unseres Körpers, der Bogen gleichsam die Verlängerung der Arme, Instrument und Spieler werden hier wirklich eins. Zudem vermag das Cello wunderbar zu singen und kommt damit auch der menschlichen Stimme sehr nah – kurz: Es ist einfach das Sinnlichste aller Instrumente.

Dennoch haben Sie selbst als Kind erst einmal für ein halbes Jahr die Geige ausprobiert – was war an der Violine so grauenvoll, dass sie dann unbedingt wechseln wollten?

CAPUÇON: Ganz ehrlich, ich weiß es nicht mehr. Meine Eltern haben mir später erzählt, ich hätte wohl drei Stunden Geigenunterricht gehabt und rund ein halbes Jahr gespielt, doch ich habe diese Zeit aus meiner Erinnerung gelöscht: Ich mochte die Geige einfach nicht. Und wenn es um das Verdrängen von schlechten Erlebnissen geht, bin ich sehr gut: Das ist bis heute so.

Zum Glück hat dann ja das Cello Sie entdeckt – wie Sie es selbst formuliert haben. Auf welche Weise?

CAPUÇON: Ob das Cello sich nun wirklich mich ausgesucht hat, lasse ich mal offen, doch ganz sicher habe ich mir nicht das Cello ausgewählt. Aber als ich es dann bekommen hatte, wusste ich: Das ist es! Zufall oder Fügung? Auf jeden Fall war das Cello von der ersten Minute an meine große Liebe. Als Kind weißt du ganz genau, was du fühlst, und als ich dieses erste Cello bekam, habe ich sofort gefühlt: Das ist mein Instrument – und wir sind immer noch zusammen!

Wen lieben Sie denn mehr: Ihre Frau oder Ihr Cello?

CAPUÇON: Das ist eine teuflische Frage… Ohne Zweifel verbringe ich täglich mehr Stunden mit meinen Cello als mit meiner Frau, doch ich liebe beide aus ganz unterschiedlichen Gründen. Ja, das Cello ist meine Leidenschaft, sein Spiel und die Musik mit anderen Menschen bereiten mir großes Vergnügen. Aber natürlich gibt es auch andere Momente: die vielen Reisen, der Jetlag, der Stress, der Druck – alles im Leben hat eben zwei Seiten.

Und inwieweit wird das musikalische Vergnügen durch die Tatsache getrübt, dass es weit weniger Cello- als Klavier- oder Geigenliteratur gibt?

CAPUÇON: Natürlich ist unser Repertoire sehr viel begrenzter als das für Klavier und selbst als das für die Violine. Doch so wie es sogar in dem weit größeren Werkkanon für Klavier oder Violine die Tendenz gibt, immer dieselben Stücke aufzuführen, finden sich auch in unserem kleineren Bestand nach wie vor sehr viele Werke, die es nur selten ins Konzertprogramm schaffen. Nehmen Sie etwa Schostakowitsch: Sein erstes Cellokonzert ist ein fantastisches Stück.

Das entsprechend oft gespielt wird.

CAPUÇON: Wohingegen sein zweites Cellokonzert eher selten aufgeführt wird. Dabei ist dies ebenfalls ein phänomenales Werk! Und Schostakowitsch ein berühmter Komponist… Oder auch das gesamte moderne Cello-Repertoire, in dem sich unglaubliche Stücke finden! Insofern mögen wir zwar nicht aus solch einem großen Fundus schöpfen können wie die Pianisten, trotzdem gibt es für uns Cellisten noch fantastisches Neuland zu erkunden. Darüber hinaus arbeite ich wie viele andere Künstler auch mit zeitgenössischen Komponisten zusammen und bitte sie, Werke für mich zu schreiben, um das Repertoire weiter auszubauen.

Trotz dieses begrenzten Repertoires haben Sie mit Ihren CD-Einspielungen immer wieder die Spitze der Klassik-Charts erobert.

CAPUÇON: Ist das so?

Das wussten Sie nicht?

CAPUÇON: Ich weiß es wirklich nicht so genau. Natürlich verfolge ich die französischen Charts ein wenig, aber vom deutschen Markt weiß ich nichts Genaues – insofern bin ich sehr glücklich, dies von Ihnen zu erfahren. Sie haben mir den Tag gerettet.

Auf Ihrem neuen Album „Intuition“ findet sich eine Sammlung mehr oder minder berühmter kleiner Zugabenstücke. Können solche Werke einen Künstler wirklich erfüllen? Oder wollten Sie nur wieder auf Platz 1 der Klassik-Charts landen?

CAPUÇON: Ich hatte schon seit langem darüber nachgedacht, diese Stücke einmal aufzunehmen, einfach weil sie ein Teil meiner ganz persönlichen Geschichte sind. Vor einem Jahr schien mir dann der richtige Zeitpunkt gekommen, um diese Idee umzusetzen: Natürlich findet jeder, dass Saint-Saëns’ „Der Schwan“ ein wunderschönes Stück ist. Doch warum sollte nicht auch ich es lieben und aufnehmen dürfen, wenn es doch auch Teil meiner Geschichte ist?! Gehört habe ich das Stück erstmals auf einem Festival in den Alpen, wohin wir winters immer zu meinen Großeltern zum Skifahren gereist sind. Tagsüber waren wir auf Skiern unterwegs, haben mittags im Schnee Sandwiches gegessen und kamen dann um vier Uhr nachmittags zurück. Mein Großvater hat im Ofen ein Feuer entfacht und seine Zeitung gelesen, meine Großmutter hat gekocht und heiße Schokolade gemacht – und uns dann gefragt: Könnt Ihr nicht etwas für mich spielen? Und sie liebte diese Stücke!

Weshalb das Album-Cover auch ein schneebedeckter Hintergrund ziert?

CAPUÇON: Ich hatte schon seit vielen Jahren davon geträumt, Bilder auf dem Gipfel des Montblanc aufzunehmen. Der Zufall wollte es, dass ich darüber im vergangenen Jahr mit zwei Freunden sprach, einem Hubschrauberpiloten und einem Filmemacher, mit dem Ergebnis, dass die Idee entstand, einen Videoclip samt Cello im Schnee zu drehen. Und so sind wir dann gemeinsam mit der Crew auf den Gipfel eines Gletschers gestiegen.

Aber doch nicht auf den Montblanc?

CAPUÇON: Nein, denn mein Freund darf nur in der Schweiz fliegen. Doch stattdessen haben wir es auf dem Petit Combin gemacht auf 3663 Metern Höhe – und immerhin ist im Hintergrund der Montblanc zu sehen! Dort habe ich dann den „Schwan“ gespielt: ganz allein auf diesem Gletscher, im Hintergrund diese fantastische Bergwelt.

Konzert Gautier Capuçon

Alte Oper Frankfurt, Großer Saal.
21. April, 20 Uhr. Karten zu 28 bis 65 Euro unter Telefon (069) 13 40 400.
Internet www.eventim.de

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen