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Theater: Das Frankfurter Schauspiel eröffnet die neue Spielzeit ziemlich finster

Von Der Sommer war heiß, aber schön. Die Zeiten sind wirr. Und dunkel. Intendant Anselm Weber startet mit Krawallbrüdern und Zombies in seine zweite Saison.
Yank (André Meyer, Mitte) und seine Prollbande vom Unterdeck in Eugene O’Neills „Der haarige Affe“ am Frankfurter Schauspiel. Yank (André Meyer, Mitte) und seine Prollbande vom Unterdeck in Eugene O’Neills „Der haarige Affe“ am Frankfurter Schauspiel.
Frankfurt. 

Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst. Leider sind die Dinge seit Schiller ja noch schwieriger geworden. Dieser Tage sind sie besonders prekär und verworren. Das Leben ist ernst wie lange nicht. Und das Theater hat noch gar keine rechte Antwort gefunden auf die große Verdüsterung der Gegenwart. In Frankfurt machen sie zum Saisonstart jedenfalls schon mal das Licht aus. Oder dimmen es so stark herab, dass man ahnt: Das kann ja gar nicht heiter werden.

Dabei könnte O’Neills Stück „Der haarige Affe“ aus dem Jahr 1921 auf den ersten Blick tatsächlich das Stück zur Stunde sein. Eine Schiffsfahrt ist ja, seit Odysseus in der Antike durchs Mittelmeer irrte, eine der großen europäischen Metaphern für das menschliche Schicksal. Zuletzt hat der halbe Planet geweint, als Jack und Rose mit der „Titanic“ im Meer versanken und Dawson (Leonardo DiCaprio) nicht mehr auftauchte. Die Liebe hatte so romantisch die Klassengrenzen zwischen den Decks überwunden, dass man schon das Licht der versöhnten Menschheit am Horizont zu erblicken glaubte. Es war nur ein Eisberg. Die Geschichte des amerikanischen Nobel- und Pulitzerpreisträgers O’Neill (1888–1953) geht ähnlich: Unten, bei den Heizkesseln, im Dunkel, schuften die Abgehängten, Ausgebeuteten und Frustrierten, die man nicht sieht. Während sie oben – im Licht – im Liegestuhl dösen.

Ein bisschen Untergang

Bei O’Neill ist der Maschinenraum eine rohe, tierhafte Männerwelt voller Gewalt und Aggression, mit strengen Hierarchien nach dem Gesetz des Stärkeren und der Solidarität der Kumpels. Und der Stärkste von allen ist Yank, ein kraftstrotzendes Ungetüm, das in diesem Inferno aus Feuer, Ruß und Alkohol herrscht wie einst Frank Hanebuth über die Hells Angels. André Meyer ist vermutlich der authentischste Yank, der je auf einer Bühne stand: ein Höllenfürst, ein stolzer Kraftkönig in der Schweiß- und Dreckhölle der Malocher. Bei Yank unten ist es ernst. Oben bei den Luxus-Damen ist es heiter. Bis Mildred (Luana Velis) hinabsteigt. Und Yanks Unterreich aus den Fugen gerät.

Regisseur Thomas Dannemann inszeniert diese Schiffsreise als Rückkehr in einen prähistorischen Zustand vor der Zivilisation. Die menschliche Evolution kehrt sich gleichsam um und führt über die 5th Avenue zurück an den tierischen Anfang. Im Zoo begegnet Yank seinem äffischen Spiegelbild: Am Ende der Geschichte findet er sich eingesperrt in der ganzen existenziellen Ausweglosigkeit eines profanen Schicksals – dunkel die Horizonte, kein Licht, das eine Sinnperspektive eröffnete.

Die Bühne im Schauspiel deutet ein Kreuzfahrtschiff an. Die Konstruktion hebt und senkt sich und macht je nach Bedarf Ober-, Mittel- oder Unterdeck sichtbar. Wie es sich für jede dem Untergang geweihte „Titanic“ gehört, spielt eine „Kapelle“ auf. Katharina Linder gibt eine Conférencieuse, die durch das Schiff und den Theaterabend führt wie durch eine Musicalrevue. Leider ohne ihn zu erhellen.

Clemens Meyer, das Saft- und Kraftgenie aus dem Unterschichtenmilieu des deutschen Ostens und amtierender Frankfurter Stadtschreiber, hat den „Haarigen Affen“ neu übersetzt und bearbeitet, um ihn näher an die Gegenwart zu rücken. O’Neills Bühnenwerk, das zwischen allegorischem Expressionismus und Brecht-Lehrstück irrlichterte, hat sich in eine Art rhythmisierte Prosadichtung verwandelt, die sich an ihren Einfällen, Sprachspielen und Assoziationen ergötzt. Von Berlusconi bis Yoga, von Euro bis Neonazi ist alles drin. Meyer lässt die Funken stieben. Es blitzt, spukt und geistert auf diesem Totenschiff. Dazu stampft, poltert, rappt und raunt Michael Wertmüllers Musik, dass einem bisweilen Hören und Sehen vergeht. So verwirrt sich alles in Dunkelheit ohne Aussicht. Sind die prolligen Typen vom Unterdeck jetzt eine Schlägerbande Underdogs aus den Rust Belts und verödeten Provinzen, die um Erlösung ringen? Ein nihilistisches Zombie-Heer am Ende der Zeit oder ein Streikposten der IG Metall? Ist Yank ein tragischer Existenzialist oder der trostlose Auswurf des 21. Jahrhunderts? Man kann viel rätseln. Oder auch nicht.

Am Ende herrscht der Eindruck vor, dass die ganze gutgemeinte Bildsprache nicht stimmt: Auf den Kreuzfahrtschiffen der Gegenwart schaufelt niemand mehr im Maschinenraum. Yank sitzt oben an der Cocktail-Bar. Tausendfach. Verhaltener Applaus.

Ein bisschen Sex

Das war im Großen Haus. Anderntags im Kammerspiel gab es nach dem monumentalen geschichtsphilosophischen Panorama gewissermaßen den Mikrokosmos der Familie im kleinen Format. Der Österreicher Ewald Palmetshofer (40) gehört zu den Bühnenautoren, die Spaß an den rhetorischen, konstruktiven, artistischen Facetten der Sprache haben. Aus seinem Stück „räuber.schuldengenital“ ist in der Bearbeitung des Regisseurs David Bösch für das Schauspiel in der Bankenstadt Frankfurt „Räuber.Schuldenreich“ geworden, um den ökonomischen Aspekt zu betonen. Denn das Stück handelt vom Streit, nein, Krieg der Generationen, vom Konflikt zwischen den Söhnen Franz und Karl und ihren Eltern Otto und Linde. Es geht um Erbe, Erbschaft, Vererbung, um Mentalitäten, Vergangenheit und Zukunft. Palmetshofer knüpft an Schillers „Räuber“ an, in den Motiven, besonders aber im Hass-, Wut- und Empörungssound von Schillers Sturm- und Drangdrama.

In Böschs Inszenierung ist es zappenduster: der Raum schwarz, der Boden übersät von Ascheflocken. Dort stehen ein Kühlschrank, eine Küchenspüle und die Darsteller. Vielleicht spielt „Räuber.Schuldenreich“ kurz vor oder nach der Apokalypse. Vielleicht ist es selbst die Apokalypse. Jedenfalls gönnen die Jungen den Alten nichts – und umgekehrt. Sie kämpfen um die Bestände, ohne Rücksicht auf Verluste, brutal, voller Hass und Verachtung. Keine Liebe, ein bisschen Sex. Über weite Strecken dehnt sich das zäh zwischen Metaphysik und Mumpitz, Kalauer und Katastrophe. Erst gegen Ende verdichtet sich die Aufführung zu einer abgründigen Groteske, der eindrucksvolle, fast magische Bilder gelingen. Eine schöne Ensembleleistung insgesamt, mit Isaak Dentler, Fridolin Sandmeyer, Heidi Ecks, Peter Schröder, Anke Sevenich, Matthias Redlhammer und Sarah Grunert.

Ernst ist das Leben, noch viel ernster die Kunst. Frankfurt startet düster in die neue Spielzeit. Man kann aber nicht sagen, dass uns viele neue Lichter aufgegangen sind.

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