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Premiere: Das Frankfurter Schauspiel startet furios in die Spielzeit

Von Jan Bosse inszeniert Shakespeares „Richard III.“ als albtraumhafte Selbstermächtigung eines Tyrannen und zeigt uns das neue Zeitalter des Zorns.
Zwischen Verführung und Unterwerfung: König Richard III. (Wolfram Koch) und Lady Anne (Katharina Bach). Foto: Arno Declair Zwischen Verführung und Unterwerfung: König Richard III. (Wolfram Koch) und Lady Anne (Katharina Bach).
Frankfurt. 

Was ist das denn! Wo sind wir hier gelandet? Was sind das für Gestalten? Schlafwandler? Gaukler? Untote? Gespenstisch wandeln sie zu irrlichternder Musik durch die Reihen, wie Romero-Zombies. Muss man denen in den Kopf schießen, damit sie Ruhe geben? Einer ergreift plötzlich unsere Hand und schüttelt sie. Kräftig. Kennen wir den? Diese dürre Type da auf dem grauen Schotterhaufen – was macht die da? All die Leute im großen Saal des Schauspielhauses, der an diesem Abend ganz anders aussieht als sonst, weil dort, wo die Bühne war, jetzt auch vollbesetzte Ränge sind mit roten Stühlen, weil der aufgelassene Raum jetzt eine riesige Arena ist, mit diesem Aschehügel in der Mitte, auf dem eine Friedhofskerze flackert. Ein Pantheon? Ein Hinrichtungsplatz? Ein anatomisches Globe-Theater? Es ist unheimlich. „Jetzt!“, brüllt es von irgendwoher: „Jetzt!“ Wir blicken uns um – und schaudern.

Wo es hingeht

Die Anfänge sind das Wichtigste. Wie einer anfängt, zeigt zum ersten Mal, worum es ihm geht, wo er steht und womöglich hin will. Der neue Intendant Anselm Weber fängt seine erste Spielzeit ganz groß an, gewaltig, mit ungeheurer Wucht. Auch sein Vorgänger Oliver Reese hatte groß und wuchtig angefangen: mit Sophokles und dem Archaischen der Antike. Reese ging zurück an den Beginn des Theaters, wie um nach der zerfahrenen Intendanz von Elisabeth Schweeger das Sprechtheater in Frankfurt neu zu begründen.

Mitten im Jetzt

Weber startet mit Shakespeare, dem alten, allergrößten Bühnengenie, dem Magier des Welttheaters, der zerrütteten Ordnungen und verlorenen Menschenseelen, dem Puppenspieler der Leidenschaften, des Wahns, der Liebe, der Traumpoesie, der bestialischen Gräuel. Aber Webers Anfang ist mitten im Heute, mitten in der Gegenwart – mitten in unserem Zeitalter des Zorns, das so aus den Fugen ist wie damals das elisabethanische des 16. Jahrhunderts, in dem Shakespeare lebte.

Doch wo sind wir hier mit Shakespeare gelandet? Mitten im Jetzt. Wir blicken uns um und sehen einen aus der Fassung geratenen Business-Typen: Richard, Herzog von Gloucester. Der Anzug ist zu weit, das Hemd steht offen, der rote Schlips hängt lose herab. Die Haare sind wirr. „Jetzt!“, brüllt er.

Die nächsten Aufführungen

„Richard III.“ ist eines der frühesten Dramen Shakespeares (1564–1616). Es wurde 1593 uraufgeführt. Die Frankfurter Inszenierung von Jan Bosse steht wieder am kommenden Samstag, 7. Oktober, auf dem Spielplan.

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Regisseur Jan Bosse und sein Team deuten zeichenhaft Gegenwart an, aber stets auch das Irreale, Jenseitshafte des Stücks, das immer wieder zurück ins Historische, in die Zwischenwelten des Imaginären und Fantastischen hinüberspielt, ins Unterreich des Triebhaften und Dämonischen.

Der Grabhügel, in dem all die von Richard Ermordeten verschwinden und bisweilen wieder auftauchen werden, ist das Zentrum, um den Bosse den schaurigen Kampf um die Königsmacht inszeniert. Das Publikum ist nicht nur Publikum. Es wird Teil des abgründigen Licht- und Schattenspiels. Es wird Komplize. Es ist erregter Mob, aufgeputschte Menge oder Geisterkulisse. Es wird hineingerissen in Erregungszustände der Empörung, der Angst, des Jubels, in einen Blutrausch oder eine Lynchlust.

Die Inszenierung spielt virtuos mit der Psychologie der Masse. Oder ist es in Wahrheit gar nicht der Regisseur Jan Bosse, der das Publikum manipuliert, sondern Wolfram Koch, sein Richard?

Kochs grandioser Auftritt

Was für ein großer, überwältigender Auftritt dieses wundervollen Schauspielers, den man oft in Frankfurt gesehen hat, aber noch nie in solchem Aufruhr! Was Wolfram Koch aus diesem innerlich wie äußerlich deformierten Krüppel macht, ist furios und atemberaubend. Selten war man als Zuschauer einem Psychopathen so nah, wurde so tief hineingezogen in die grauenvolle Welt eines monströsen Gehirns, dessen Winkelzüge einer eigenen Logik, einer bizarren, unberechenbaren Rationalität folgen, selbst wenn sie gewöhnlich, vertraut, unverdächtig scheinen.

Koch zeigt den Wahnsinn mit seinem ganzen Körper, den er über die Bühne schleppt wie einen schweren Sack, der aber plötzlich zu zucken beginnt wie ein Tourette-Patient oder in einem Anfall krampft wie ein Murnau-Schatten. Er zeigt ihn in einer ruhigen Souveränität, die plötzlich übergeht in wütende Ausbrüche und fanatische Vernichtungslust, bis Schädel splittern und durchgeschnittene Kehlen klaffen. Mit einer Stimme, die eben noch zärtlich schmeichelt, um sogleich beherrscht, aber verächtlich Unheil über Geschwister, Gefährten oder Gegner zu bringen. Er zeigt den Irrsinn in abrupten Stimmungswechseln, in Modulationen von Gesten, Spannungen, Blicken. Er posiert, spuckt, schreit, wispert, um die Welt am Ende in ein Schlachthaus nach seinem Willen zu verwandeln.

Erotisches Spiel

Die Inszenierung führt nicht bloß ein krankes Hirn vor, einen durchgeknallten Einzelnen, sondern zeichnet die Mechanik einer Machtergreifung nach, das Ineinandergreifen von Gewalt, Lüge, Denunziation, die Manipulation der Wahrheit durch Drohung, Einschüchterung und den willfährigen Opportunismus der Mitläufer und Untertanen. Dieser „Richard III.“ ist aufregendes Theater, das Erkenntnis durch Kunst beglaubigt. Mechthild Großmann, Katharina Bach, Claude De Demo, Isaak Dentler, Heike Raulin gehören zu dem phänomenalen Ensemble, das diesen Shakespeare-Abend zu einer elementaren Erfahrung macht.

Der Zuschauer betritt einen Albtraum. Er wird Zeuge – aber auch unfreiwilliger Gehilfe – einer brutalen Selbstermächtigung. Die Apotheose des Königs auf dem Thron vollzieht sich als erotisches Spiel von Verführung und Unterwerfung, in dem Hass und Lust sich unauflöslich verwirren. Die Dämonen dieses Abends sind auch die Dämonen, die uns umtreiben. Die Bezüge sind offenkundig, aber nicht platt ins Bild gesetzt.

Nach dreieinhalb Stunden ist der Albtraum zu Ende. Man steht wieder auf dem Willy-Brandt-Platz: Was ist das denn! Wo sind wir hier gelandet? Was sind das für Gestalten? Schlafwandler? Gaukler? Untote? Mörder? Ein starker Anfang, groß, wuchtig, mitreißend. Der Applaus war lang, aber zu kurz.

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