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Buchmesse 2014: Das Karussell der Kurzgespräche dreht sich

Von Wer schon immer wissen wollte, wie John F. Kennedy im Bett war, stieß bei der „Open-Books“-Eröffnung im Schauspiel Frankfurt auf sichere Antwort: in der Literatur.
Wohin geht die Reise in der Buchbranche? Foto: Arne Dedert Wohin geht die Reise in der Buchbranche? Foto: Arne Dedert
Frankfurt. 

Ein Hauch von Scherbengericht liegt über mancher Lesung, wenn ein Moderator sich vermeintlich aufspielt und zwischen Publikum und Autor schiebt. Diesmal traf es, in Form heftiger Buh- und Zwischenrufe, den armen Wolfgang Herles, der den Buchpreisträger 2014, Lutz Seiler, insistierend nach der Freiheit im Roman „Kruso“ und Seilers außerliterarischer Meinung hierzu gefragt hatte. Für Seiler war alles im Buch gesagt; die Zuhörer nervte das Weiterbohren, das indessen Herles’ Aufgabe war.

Mit Herles kam das Blaue Sofa, jene Reihe von Autorengesprächen, die ihr Sitz-Maskottchen als Wanderpokal über die Buchmessen und durch Berlin schickt. Kaum hatte Kulturdezernent Felix Semmelroth sein Grußwort gesprochen, drehte sich das Karussell: Herles befragte Seiler, Marita Hübinger horchte Ken Follett über Band 3 seiner Jahrhundert-Trilogie aus („Kinder der Freiheit“, Lübbe), Barbara Wahlster bekam es mit Marlene Streeruwitz und „Nachkommen“ (S. Fischer) zu tun, Alf Mentzer mit dem Schotten John Burnside und dessen nachgereichtem Romandebüt „Haus der Stummen“ (Albrecht Knaus).

 

Knatsch mit Publikum

 

Den Abschluss machte wieder Herles, der sich, nach einer ersten indignierten Reaktion („Der Abend ist noch nicht zu Ende, auch wenn Sie’s vielleicht wünschen“), wieder berappelt hatte und Ulla Hahn konziliant auf ihre Quasi-Autobiografie „Spiel der Zeit“ (Deutsche Verlagsanstalt) abtastete. Hahn zeigte fast katholische Treue zum Selbstbild der 1968er, putzige Szenen inklusive: ein allzu verbindlicher Auftritt, der freche Fragen gut vertragen hätte, etwa zum Tod Benno Ohnesorgs („ein politischer Weckruf“). Wie kann man immer noch Benno-Ohnesorg-Nostalgie reproduzieren, obwohl dieser Tod womöglich ein bestellter Stasi-Mord war?

Ken Follett erstaunte durch brillante Rhetorik und weil „Ken Follett“ wie Shakespeare mehr Schreibwerkstatt mit Profi-Rechercheuren als ein Autor zu sein schien. Von ihm, so legte er dar, erhalte der Leser authentisches Wissen: etwa die Expertise einer Frau, die unter JFK als Studentin im Weißen Haus erlebte, wie Kennedy junge Dinger zum Schwimmen im Pool einlud, um ihren Körperbau abzuchecken und seine Wahl zu treffen; und auch, wie er sich ganz konkret beim Sex anstellte. Folletts episierte Mikro- und Zeitgeschichte genügt einem auch sehr sinnlichen Literaturbegriff.

 

Sprechen und begreifen

 

Mit einem eher emphatischen hielt es Marlene Streeruwitz, die Literatur als Kulturtechnik zum Sammeln alles Guten, Edlen, Schönen rühmte. So im 19. Jahrhundert. Heute gebe sie der Gier auf Gesichter und Neuigkeit nach, und bald würden die Computer das Schreiben an sich reißen. An ihrer jungen Autorin Nelia Fehn, die den Literaturbetrieb durchleidet, teste sie die Verdachtsthese, ein so junger Mensch nach dem Tod der Mutter habe ein scharfes Auge. All die „reizenden Oldies“ der Buchmesse-Partys im Roman hinterließen Nelia bloß „leere Welten“ und die Aussicht auf ein Dasein unterhalb des Prekariats, in das die Dreißigjährigen ihretwegen abgerutscht seien. Und ihr Stakkato-Stil? Jeder kenne nur die eigene Wahrnehmung; Literatur allerdings, anders als Philosophie, erlaube dennoch, körperliches Wissen weiterzugeben.

John Burnsides „Haus der Stummen“ reproduziert im Psychothriller-Genre ein Menschheitsexperiment, das von Friedrich II. über Jakob IV., von Lope de Vega und Handke bis Umberto Eco durchgespielt wurde: den Menschen ohne Sprache und Zuwendung aufwachsen zu lassen. Vielleicht spräche er ja die Ursprache aus dem Paradies? Um diesen Stoff sei er nicht herumgekommen, so Burnside, nachdem er jahrelang damit hausieren ging („Shut up and write it!“). In Europa sei der Rezeption die Abscheu vor den Kindermorden des Belgiers Dutroux ins Gehege gekommen. Die Feinheiten der Sinnhaftigkeit seiner Romanidee drangen indes auch auf dem Blauen Sofa nicht recht durch.

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