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Oper in Darmstadt: Das Leben des heiligen Franz von Assisi auf der Bühne

Von „St. François d’Assise“ von Olivier Messiaen: ein singuläres und selten gespieltes Meisterwerk des 20. Jahrhunderts ist am Staatstheater Darmstadt zu erleben.
Franz von Assisi (Georg Festl, Mitte) ringt mit sich und Gott. Foto: STERN PHOTOGRAPHY Franz von Assisi (Georg Festl, Mitte) ringt mit sich und Gott.
Darmstadt. 

Die Kollegen werden insgeheim den Kopf geschüttelt haben. Gnade? Göttliche Wahrheit? Glaube? Sprechen zu und mit Gott? Das waren keine Kriterien einer religiös unmusikalischen Moderne. Vielmehr liebte die kompositorische Avantgarde der Nachkriegszeit die Konstruktion, das Serielle, lehnte alles Mystische ebenso ab wie Dur-Akkorde und alles, was nach Transzendenz, Demut und persönlicher Bescheidenheit roch. Gleichwohl akzeptierte sie einen Eigenbrötler wie Olivier Messiaen, der zu allem Überfluss auch noch Orgel spielte.

Der 1992 verstorbene französische Komponist fragte nämlich nach dem Verhältnis von Musik und Zeit, also: wie an sich freie Klänge, Töne und Rhythmen sich in strikte, berechenbare Zeitmaße einordnen ließen. Dazu erfand er penibel notierte Rhythmen und schichtete sie übereinander. Für das Tonmaterial stellte Messiaen sogenannte „Modi“ zusammen. Ein Modus ist eine Tonfolge außerhalb des gängigen, harmonischen Tonleitersystems, oft auch in Anlehnung an ältere Musik, die ihm als Kirchenmusiker geläufig war.

Betörende Klänge

Schließich liebte Messiaen die Vögel, die Boten des Himmels. Wo auch immer er unterwegs war hörte er ihrem Gesang zu und versuchte, diesen in Noten zu formulieren und von Instrumenten nachspielen zu lassen. Alles zusammen ergibt Messiaens wunderliche Musik, und so konnte nur der Heilige Franziskus von Assisi, der demütig nach Gottes Wahrheit suchte und den Vögeln predigte, zur Titelfigur von Messiaens einziger, 1983 in Paris uraufgeführter Oper avancieren.

Es klappert, zirpt und raunt wie in einem Zauberwald, sanfte Drei- und Mehrklänge schieben sich dazwischen, schier unerschöpfliche Instrumental- und Vokalfarben reizen und betören die Sinne. Gleich drei „Ondes Martenot“ wirken mit, elektronische Klangquellen, die merkwürdig jaulende Töne quer durch den Orchesterklang schicken. Entsprechend umfänglich ist die Zahl der Mitwirkenden, immens der Aufwand für das gut (mit Pausen) fünfeinhalbstündige Spektakel, an das sich jetzt das Staatstheater Darmstadt herangewagt hat – erstmals in der Region übrigens, auch Frankfurt hat Messiaens singuläres Werk noch nie gespielt!

Mit beeindruckendem Erfolg ist die Premiere gelungen, selbst wenn einige technische Abläufe noch optimiert werden könnten. Karsten Wiegand folgt Messiaens Gliederung des Stoffes in drei Akte und acht Bilder. Sie zeigen Episoden aus Franziskus’ Leben und Wirken, „Franziskanische Szenen“, wie der Komponist die undramatische Abfolge auch nannte. Die erste, noch etwas statische Abteilung gipfelt in der Heilung eines Aussätzigen. Franziskus, weiß und unschuldig gewandet wie seine Mitstreiter, überwindet sich, einen Aussätzigen zu küssen. Dadurch geheilt wickelt sich dieser aus seinen Binden, tanzt und singt und gerät schier aus dem Häuschen (großartig: Mickael Spadaccini), die Musik schwingt sich zu feingesponnenem Jubel auf.

Vogelpredigt in der Wüste

Im nächsten Bild tritt ein Engel auf, leichtfüßig wie ein Kobold, der die Ordensbrüder mit bohrenden Fragen in Unruhe versetzt. Katharina Persicke spielt und singt das umwerfend gut, erweckt die auf fünf Stellwände projizierten, berühmten Giotto-Fresken (aus San Francesco, Assisi) zum Leben, setzt sie in Bewegung, wischt sie weg wie auf einem Tablet. Ein virtuoses Bild!

Nach einem epischen Aufenthalt in der Wüste verwandelt sich zur Vogelpredigt der Raum in eine Art Planetarium. Anstelle von Sternen schwirren jedoch Vögel umher. Sie antworten mit vielfältigem Gesang, wenn Franziskus zu ihnen spricht. Georg Festl, der die Titel-Riesenrolle korrekt, aber recht distanziert singt, wünschte man spätestens hier mehr Emphase in der Stimme, mehr Persönlichkeit, um sich mit ihm, seinem Glück und seinem Leiden mehr identifizieren zu können.

Denn leiden muss er im nächsten Bild: Franziskus wird, dem Tode nahe, mit den Wunden Christi gezeichnet. Gott persönlich tritt auf, in Form eines sanft-voluminös singenden Chores (hier: Chor des Staatstheaters, Rhein-Main-Kammerchor und Darmstädter Kantorei); für ihn hat man im Publikum Sitzreihen in Form eines Kreuzes reserviert. Die Massen zum Teil ohne Sichtkontakt zu koordinieren ist eine Meisterleistung des Dirigenten Johannes Harneit und seiner Chorleiterkollegen.

Schließlich verabschiedet sich Franziskus von allen, stirbt in Sanftmut und wird nach unten gefahren, samt dem Orchester, das den ganzen Abend im Hintergrund in himmlischen Höhen musiziert hat. Rückwärtig wird groß gezeigt, wie aus einem grünen Ei – das als Osterei schon genug Auferstehungs-Symbolik geboten hätte – ein Küken schlüpft. Neues Leben, ein neuer Vogel, der gewiss auch wieder singen wird. Gleißendes Licht, dann fällt der Vorhang. Es ist Gott, sagt Messiaen, der uns blendet, „durch Überfülle an Wahrheit.“ Die Musik trage uns jedoch zu Gott durch ihren Mangel an Wahrheit. Ein starkes, überzeitliches Stück, eine starke Ensembleleistung. Und starker Beifall.

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