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Lesung mit Felicitas Hoppes: Das Leben gleicht einem gigantischen Wirbelsturm

Von Gemeinsam mit dem Ensemble Modern eröffnete Felicitas Hoppe das einwöchige Lesefest im Dominikanerkloster Frankfurt mit einer musikalisch-poetischen Spurensuche.
Felicitas Hoppe beim Frankfurter Lesungskonzert. Foto: Englert Felicitas Hoppe beim Frankfurter Lesungskonzert.
Frankfurt. 

Worauf ist eigentlich Verlass, wenn wir versuchen, unser Leben zu erzählen? Auf Bilder? Töne? Wörter? Auf unsere Erinnerung oder gar unsere Fantasie? Basierend auf ihrem Roman „Prawda“ (S. Fischer), was ironischerweise „Wahrheit“ heißt, und in dem sie von der Reise einer Figur namens Felicitas Hoppe durch Amerika erzählt, hat die Schriftstellerin gleichen Namens gemeinsam mit dem Ensemble Modern und der Musik der Komponistin Iris ter Schiphorst eine Klang- und Wortperformance gestaltet, die alle herkömmlichen Vermutungen über das, was man die Stringenz der Erinnerung nennen könnte, in Frage stellte.

Es war eine schalkhafte und, wie beim Ensemble Modern üblich, außergewöhnlich präzise Darbietung, in der eine Erzählerin sich zuerst diverse Male selbst erfand, sich dann in ein Telefongespräch mit dem Pianisten Glenn Gould imaginierte, bis sie, tatsächlich in Amerika, dem Leben anhand der musealen Spuren seiner Dinge nachtastete und sich zu schlechter oder wahrscheinlich doch guter Letzt alles in einem gigantischen Wirbelsturm auflöste.

Dies ungefähr war der – sprunghafte – Gang der äußeren Handlung, wobei „Handlung“ ebenso absurd anmutet wie „Gang“, hat man sich erst einmal auf die radikale Infragestellungsmethode von Felicitas Hoppe eingelassen. Denn dann ist nichts mehr sicher, und am allerwenigsten der Mensch vor sich selbst. Denn er weiß ja, auch wenn er alles tut, um dieses Wissen zu verdrängen, dass er in einer gewaltigen Kommunikationsillusionsblase lebt, in der er zwar permanent spricht, aber nie verstanden wird, von den anderen nicht, und wohl auch nicht von sich selbst. Sicher ist nur eines: dass ihm der Sinn von allem buchstäblich bis zum letzten Atemzug ein Rätsel bleiben wird.

Umrahmt wurden die Hoppe’schen Andeutungen und Geschichtenfragmente aus ihrem Roman von den perfekt aufeinander abgestimmten Musikern des Ensembles, diesmal, anders als in früheren Jahren in kleiner Runde: an Piano, Laptop, Violine und Cello. Hoppes Wortspiel geriet im musikalischen Miteinander noch lyrischer als ohnehin schon in ihrem Roman – eine sympathisch ernsthafte Streiterin für eine Wahrheit, die es, wie sie selber immer wieder zeigte, gar nicht gibt und geben kann. Biografie, das war nach dieser Aufführung klar, ist ein Rätsel und wird es immer bleiben – ja vielleicht gibt es so etwas wie Biografie überhaupt gar nicht. Biografie könnte so etwas sein wie eine Konvention von Stringenz, die sich bei exaktem Hinschauen stets als unhaltbar erweist. Zum Auftakt eines Festivals über Biografien könnte es wohl kaum eine provokantere, radikalere und mithin geeignetere Lebenserzählungs-Hypothese geben als die von Felicitas Hoppe.

Für die Darbietenden gab es stürmischen Applaus.

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