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„Die Terranauten“ von T. C. Boyle: Das Leben unter der Glaskuppel wird zur Hölle

In T. C. Boyles Roman „Terranauten“ lassen sich acht Wissenschaftler einschließen, um eine Lebenswelt für die Besiedelung des Mars zu erschaffen.
Das Experiment der Forschungsstation „Biosphäre 2“ in Arizona in den 90er Jahren lieferte die Vorlage für den Roman „Terranauten“. Bilder > Foto: Hackenberg (dpa) Das Experiment der Forschungsstation „Biosphäre 2“ in Arizona in den 90er Jahren lieferte die Vorlage für den Roman „Terranauten“.

T. C. Boyle war der Great American Novel schon einige Male dicht auf den Fersen. In „Tortilla Curtain“ (1995) zum Beispiel. Boyle schrieb da über ein aus Mexiko illegal in Kalifornien eingereistes Paar, das vom großen Geld träumt, allerdings jeden Tag aufs Neue in Los Angeles ums Überleben kämpfen muss. Und er schrieb in diesem Roman über ein amerikanisches Paar, das aus Angst vor den illegal eingewanderten Mexikanern eine Mauer ums Vorstadtstädtchen baut. Boyle lässt diese beiden Paare aufeinandertreffen und entwickelt daraus eine böse, rasante Satire auf den amerikanischen Traum. Der Text ist seit vielen Jahren Schullektüre in Amerika, und er erklärt uns heute auch ein bisschen das Deutschland nach der Flüchtlingskrise von 2015. Spätestens seit der Veröffentlichung von „Tortilla Curtain“ gilt Boyle als wichtiger amerikanischer Erzähler. Auch wenn er wohl nicht mit Philip Roth, Thomas Pynchon oder vielleicht auch Jonathan Franzen in der ersten Reihe der US-Literaten herumturnt, so wird er doch als verlässlicher und scharfzüngiger Analytiker der amerikanischen Gesellschaft geschätzt. Jetzt hat er einen neuen Roman veröffentlicht, seinen 16. Und auch darin versucht er, dem Wesen der USA auf die Schliche zu kommen.

Hermetisch abgeriegelt

Das ziegelsteinschwere Buch trägt den Titel „Die Terranauten“ und ist wieder mal im amerikanischen Süden angesiedelt. Es geht um ein gewaltiges Experiment, das seinen Ursprung in der Realität hat. „Biosphäre 2“ nannte sich das Projekt, das vom US-Milliardär Edward Bass in den 90er Jahren erdacht und finanziert wurde. Eine riesige Glaskuppel wurde dazu in der Wüste Arizonas aufgebaut. Innerhalb dieser Kuppel wurde all das installiert, was sich das Ökosystem der Erde in knapp fünf Milliarden Jahren hart erarbeitet hat: Wüste, Meer, Steppe, Sumpf, Tiere, Menschen. Acht Wissenschaftler sollten in diesem hermetisch abgeriegelten System forschen, vor allem aber: überleben. Schließlich, man weiß ja nicht, muss der Mensch irgendwann ja mal auf den Mars auswandern. Und da könnte sich solch ein Wissen für nützlich erweisen. Klar, dass dieses Experiment zum Scheitern verurteilt war. Es gab unter der Kuppel Probleme mit Luft und Ernährung. Und natürlich auch innerhalb der Gruppe. Denn wer hält das schon aus, zwei Jahre auf engstem Raum aufeinander zu hocken? Das ist die Saat für Hunger, Neid und Missgunst.

Wenn man es nicht besser wüsste, man könnte denken: Ein Setting, das T.C. Boyle auf den Leib geschneidert wurde. Und die Steilvorlage nutzt er zumindest souverän: „Die Terranauten“ setzt nach dem Scheitern der ersten Mission der „Biosphäre 2“ an. Hier heißt das Projekt „Ecosphere 2“, das Tag und Nacht von Fernsehkameras verfolgt wird. Acht neue Wissenschaftler machen sich daran, die Glaswelt zu erobern. Boyle lässt über die rund 600 Seiten seines Romans drei Personen zu Wort kommen: Zunächst die hübsche, selbstverliebte, durchsetzungsstarke Dawn und den geschwätzigen, egozentrischen Sonnyboy Ramsey. Beide wurden in einem aufwendigen Casting ausgewählt, um als Terranauten in „Ecosphere 2“ einzuziehen. Schon nach wenigen Kapiteln verlieben sich beide ineinander, und Dawn wird schwanger. Beobachtet wird das Treiben von der eifersüchtigen Linda, die selbst gern Terranautin geworden wäre, kurz vorm Einzug vom Geldgeber jedoch aussortiert wird. Linda ist die beste Freundin von Dawn, wird innerlich jedoch von Missgunst und Niedertracht zerfressen. Eigentlich will Linda an Dawns Gurgel, nicht in ihr Herz.

Keilerei ums Essen

Die drei Erzähler lassen Boyle großen Spielraum für die Entwicklung einer Seifenoper. Anhand der drei Protagonisten wird das alte Sartre-Spiel durchgespielt: „Die Hölle, das sind die anderen“. Interessenskonflikte beherrschen das Treiben innerhalb und außerhalb der Kuppel, um Wissenschaftliches geht es auf keiner Seite: Dawn möchte das Kind unbedingt in „Ecosphere 2“ austragen, sehr zur Freude der Fernsehleute. Die Einschaltquoten gehen durch die Decke. Dawns Team rebelliert allerdings heftig gegen diese Entscheidung, befürchten die Forscher doch, dass Dawn die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit alleine auf sich ziehen könnte. Linda setzt ebenfalls alles daran, Dawn aus der Glaskuppel rauszuquatschen. Schließlich wittert sie die Chance, als Terranautin einzuspringen und auf die Weltbühne zu schreiten. Es kommt zu Keilereien und Essens-Diebstählen, es kommt zu One-Night-Stands und fiesen Verletzungen. Niemand geht hier als Sieger nach Hause.

Boyle packt die große Keule aus: Es geht in seinem neuen Roman um Umweltschutz und Personenkult, es schwingt auch eine Kritik an Unterhaltungsmedien mit. Zudem stellt er die Obszönität und Dekadenz westlicher Superreicher dar. Unterhaltsam ist das. Der Plot geht rasant voran. Für den Leser gibt es viel zu lachen. Und auch bleibt es dabei: Der Mensch ist für Boyle immer dort ganz Mensch, wo er scheitert, wo er keinen Ausweg mehr findet. Boyle arbeitet das auch hier wieder fein und präzise aus. Auch „Die Terranauten“ erzählt von der Desillusionierung menschlicher Allmachtsfantasien. Die Natur lässt sich vom Menschen nicht in die Knie zwingen.

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