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Ausstellung: Das MAK in Frankfurt zeigt eine Schau von und über Michael Riedel

Von In „Grafik als Ereignis“ geht es darum, wie aus einem Signet ohne Kunstwerk unendlich viel Kunst ohne Signet werden kann – fast ganz von allein.
Michael Riedels „Besuchte und nichtbesuchte Ausstellungen“, 2017, gibt es als Künstlerbuch und, wie hier, auch als Wandtapete. Abbildungen: MAK Michael Riedels „Besuchte und nichtbesuchte Ausstellungen“, 2017, gibt es als Künstlerbuch und, wie hier, auch als Wandtapete. Abbildungen: MAK
Frankfurt. 

Der Künstler Michael Riedel nannte sich eine Zeitlang Michael S. Riedel. „S.“ vielleicht, weil der 1972 in Rüsselsheim Geborene mit Atelier im Frankfurter Bahnhofsviertel mal in der Städelschule studierte, vielleicht aber auch aus anderen Gründen. Eines Tages kam eine Sammlerin und kaufte ihm sein „S.“ ab. Seitdem heißt der Künstler wieder Michael Riedel. Mit der Ausstellung „Grafik als Ereignis“ hat diese wahre Anekdote nicht sonderlich viel zu tun, sie ist aber hilfreich, um zu verstehen, worum es geht: Erstens geht es Riedel um Zeichen, zweitens um deren Funktion, und drittens um die Frage, was aus ihnen wird, wenn man sie ihrer Funktion enthebt: nämlich Grafik.

Buchstabe, Zeichen, Kunst

So fing alles an bei Michael Riedel im Jahr 1994. Damals zeichnete er ein M wie Michael. Dieses M drehte er, spiegelte es, dachte es ins Dreidimensionale. Aus jeder Möglichkeit entwickeln sich unzählige weitere Möglichkeiten, die in ihrer Gesamtheit gewissermaßen die Realisierung eines Möglichkeitssystems abbilden.

Im Museum Angewandte Kunst kann man nun in fünf einigermaßen spektakulären Räumen verfolgen, wie aus Riedels Signet ohne Kunstwerk ein Kunstwerk entstand und der Künstler hinter wenigen systemischen Weichenstellungen immer tiefer im System verschwindet. Etwa 400 „Exponate“ kann man hier sehen, bestehend aus etwa 1000 „Elementen“: viel Papier in Form von Katalogen (Michael Riedel ist ein geradezu manischer Katalogproduzent), Wachsbüchern, Wandbildern, Poster-Paintings, Künstlerbüchern und einer riesigen Powerpoint-Präsentation.

Sinnliche Grafik

Die großzügigen Räume im lichten Richard-Meier-Bau hat Riedel gemeinsam mit Kuratorin Eva Linhart elegant gestaltet. Es gibt Schaukästen, Wandbilder und Archivcontainer, es gibt Stelen mit Katalogen, die sich hoch und quer stapeln zu einem Bollwerk der Zeichenhaftigkeit, und allein die ausfransende Tischkomposition der Wachsbücher ist als sinnliche Grafikpräsentation ein Augenschmaus. Und da die Zeichnungen nach einem System entstehen, das sich unendlich weiterentwickeln lässt, gibt es nicht nur Zeichnungen, die es gibt, sondern auch solche, die es geben könnte. Auch ein paar dieser „nicht gezeichneten Zeichnungen“ sind Bestandteil der Schau, in Form gerahmter „Leerstellen“.

Der Künstler klebt selbst. Bild-Zoom
Der Künstler klebt selbst.

Was ist der Künstler heute? Das ist eine Leitfrage Riedels, und als sicher gilt: nicht das, was er früher einmal war. Weder der von den Göttern Inspirierte also, der wie Sigmar Polke dem Befehl gehorchte „Höhere Wesen befahlen, rechte obere Ecke schwarz malen“, noch die Reinform des kreativen Bürgers, das Genie. Am ehesten, sagt Kuratorin Linhart, sei Riedel ein „artista digitalis“, der an der Schnittstelle von Zeichen und Bedeutungen operiert und Systeme schafft, die sich dann von selbst weiterformen.

Tüte überm Kopf

So verschwindet er hinter seiner Kunst oder geht in ihr auf, wie in jenem Kult-Bild, das ihn bei einem Vortrag in der Städelschule zeigt, eine Papiertüte über dem Kopf, auf der sein Name steht.

Das In-der-Kunst-Aufgehen, sich in der Kunst bewegen, wird im letzten der Ausstellungsräume sinnfällig: Eine Rauminstallation nebst diversen Poster-Paintings, die diese Poster ins Dreidimensionale verschieben, an Raumboden, -wand und -decke knicken, so dass der Besucher wortwörtlich mittendrin ist im Werk und im HTML-Quellcode, der Seiten zugrundeliegt, die über ihn, Michael Riedel, berichten: All das entwickelt sich aus der Urquelle ganz am Anfang, der „Signetischen Zeichnung“. Der Code wird zum Künstler, der Künstler zum Reproduktionsorgan seiner Lebensaufzeichnungs-Dokumente, vom aufwendig gestalteten Kunstkatalog bis zu zahllosen Disketten mit Tonaufnahmen: Für einen wie Riedel ist auch das Klangmaterial einer „Damenklo Party“, wie auf einer von sehr vielen 3,5-Zoll-Disketten in einer Vitrine zu lesen ist, die Basis für eine Zeichenkette, die sich zu Kunst transformieren lässt.

Ich werde zum Werk, das Werk wird ich: Das ist ein nicht geringer Anspruch. Der internationalen Karriere Riedels, lautet eine These der Ausstellung, liege ein „Masterplan“ zugrunde: Das MAK beleuchtet die ersten Anfänge beispielhaft.

MAK Frankfurt

Schaumainkai 17. Bis 14. Oktober.
Geöffnet Di–So 10 bis 18, Mi bis
20 Uhr. Eintritt 12 Euro.
Telefon (069) 21 24 45 39. Internet www.museumangewandtekunst.de

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