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Serie In der Neuen Neuen Galerie in Kassel: Das Shopping-Erlebnis wird zur Kunst-Aktion

Documenta-Endspurt: Nur noch bis zum 17. September kann man die Kunst-Weltschau in Kassel besuchen, die nur alle fünf Jahre stattfindet. Wir stellen ausgewählte künstlerischen Attraktionen vor.
Irena Haiduks Documenta-Schuhe sind schwarz und bequem. Irena Haiduks Documenta-Schuhe sind schwarz und bequem.
Kassel. 

Hinter der Theke steht eine Frau mit zurückgebundenem Haar, lebenslustig funkeln ihre dunklen Augen: Gern könne die Kundin ein paar Schuhe kaufen, welche Größe sie denn habe – zum Anprobieren? Dann holt sie einen von sehr vielen Kartons, die hinter ihr gestapelt sind, reicht ihn ihr. Es ist die Künstlerin Irena Haiduk, die mit ihrer Firma Yugoexport Schuhe verkauft. Sie finden reißenden Absatz.

Nach all der kritischen, oft deprimierenden Kunst, bei deren Anblick man über die Weltlage in Verzweiflung geraten kann, endlich etwas, wo man mitmachen kann! Etwas, das nicht in Bedrückung und Sorge endet, sondern in einem Shopping-Erlebnis – und ausgerechnet dort, wo man es am allerwenigsten erwartet: im dritten Stock der überaus hässlichen alten Hauptpost, die die Documenta für die 163 Spieltage ihrer Kunstschau in Neue Neue Galerie umbenannt hat.

„Verführerischen Realismus“ nennt Irena Haiduk ihre Kunst, die man kaufen und sogar tragen kann – und die gut aussieht obendrein: Was kosten die Schuhe denn, wird Haiduk gefragt, und ihre standardisierte Antwort ist jedes Mal: „It depends on your income“ – Es kommt auf Ihr Einkommen an. Und dann müssen sich die Kundinnen bekennen. Verdienen sie wenig, mittel oder viel? Wer zu lange zögert, bekommt von der Künstlerin Starthilfe: Sie könne das auch schätzen, anhand ihres Auftretens, ihres Erscheinungsbildes, bietet Irena Haiduk den Kundinnen keck an. Die meisten erschreckt der Gedanke, taxiert zu werden, dann so, dass sie sich doch lieber selber entscheiden. Fast alle übrigens, oft beobachtet von Dutzenden Augenpaaren um sie herum, für mittelviel Geld. Geizig will man ja nicht sein. Aber viel ausgeben? Für etwas, das man auch billiger haben könnte? Wer hat schon so viel Geld, dass er es freiwillig viel nennen würde? Mit dem Kauf ersteht man nicht nur ein paar Schuhe, sondern taucht tief in die Weltgeschichte ein, wird Teil von ihr. Die 1982 in Belgrad geborene Irena Haiduk verkauft Schuhe, die in der jugoslawischen Fabrik Jugoeksport von Arbeiterinnen in neun Jahren entwickelt wurden. Ihr Ziel war ein Produkt, in denen man neun Stunden bequem stehen konnte: schick, schwarz und – das versichern übereinstimmend alle Documenta-Käuferinnen in einer nichtrepräsentativen Spontanumfrage – tatsächlich wohltuend. Haiduk nennt ihre amerikanische Neu- oder Nachgründung, lange nach dem Untergang Jugoslawiens, einen „Avatar“ der ursprünglichen Firma und ihr Geschäft ein „import-export business of making history“.

Käuferinnen dieser Schuhe ermöglichen damit nicht nur der Fabrik und damit ihren Arbeiterinnen, weiter zu existieren, auch lange über den Untergang Jugoslawiens hinaus, sondern werden auch Teil jenes magischen Kreises von Produktivität und Existenz, der die Welt immer weiterdreht.

Nur bei der Arbeit

Nun könnte man mäkeln, dies geschehe ja bei nahezu jedem Kauf. Aber erstens gehört zum Schuhkaufprozedere das Unterschreiben eines Vertrags: Man verpflichtet sich darin, die Schuhe nur bei der Arbeit zu tragen. Wer sie trägt, ist sich deshalb jederzeit ihrer historischen Bedeutung bewusst. Und zweitens sollte man nicht den ungeheuren Ansehensvorteil vergessen, den es für die Dame von Welt bedeutet, mit einem Yugoexport-Schuhkarton unter dem Arm über die Documenta zu laufen. Gekonnt beiläufig zeigt man damit, wie sehr man zum „inner circle“ gehört – man hat ja immerhin Kunst gekauft. Und ein Autogramm der Künstlerin auf den Karton gibt’s auf Wunsch gratis dazu!

Documenta Kassel

Bis 17. September, Neue Neue Galerie (Neue Hauptpost), Untere Königstr. 95

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