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Theater: Das arme Pärchen hat keine Chance in einer harschen Welt

Von Carola Moritz verlieh Büchners „Woyzeck“ in der Frankfurter „Katakombe“ mit Blick auf junges Publikum eine gut strukturierte Ausdeutung.
Die Geschichte von Woyzeck (Gregor Andreska) und Marie (Soraya Mezher) endet nach einem Spaziergang am  See tödlich. Foto: Helmut Seuffert Die Geschichte von Woyzeck (Gregor Andreska) und Marie (Soraya Mezher) endet nach einem Spaziergang am See tödlich.

Ein breiter Hellholztisch gibt der Szene eine gewisse Anmutung von Altarraum, was nicht verhindert, dass die Bühne durch schlichte Mittel in Bewegung bleibt. Als Szenenprospekte drücken schräg projizierte Fotos den wechselnden Orten und Figurengruppen von Mal zu Mal ihren Stempel auf: die Mietskaserne fürs arme Pärchen Woyzeck–Marie, dem eine harsche, herrschaftsgewisse Welt keinerlei Chance lässt. Der Wolkenkratzer mit Bankensignet zeigt den Hauptmann in seinen privilegierten Höhen und verfrankfurtet sie im gleichen Aufwasch. Bargläser und Flaschen erscheinen zu einem loungigen Soundtrack und kommentieren Maries Verführung durch den Tambourmajor und dessen süßes Leben. Ein Kebab-Imbiss und ein Coffeeshop sind Treffpunkte mit Freund Andres, der Woyzeck nicht helfen kann. Schließlich das Laborgerät, das zu Woyzecks Missbrauch als Versuchskaninchen passt.

Laptop und Kinderwagen

Plastikkästen mit Requisiten geben oder nehmen jeder Szene unter Umbau-Rauschen, was sie noch braucht, um die bloße Fotoszenerie mit flugs verteilten und wieder eingesammelten Objekten zu komplettieren: Stoffzeug nebst Kinderwagen für Marie, Medizingerät des Doktors, Laptops für den Finanz-Hauptmann und so fort. Einfach gemacht, aber sehr wirksam.

Just das gilt für den Großteil der Inszenierung, die Carola heutigen Lebenswelten junger Leute angleicht. Mag sein, dass Woyzeck als Proleten-Lear vom Unterrand der Gesellschaft darüber ein wenig zu kurz kommt. Die Verzweiflung über Ausbeutung, Chancenungleichheit und den Menschen, der dem Menschen ein Wolf ist, ist nicht so akut, die Sprache weniger sprachlos. Auch regt dieser „Woyzeck“ keine größeren Reflexionen zur aufgekündigten Ständeklausel an, obwohl die Zeitläufte dafür in mancher Hinsicht zusehends restaurativ genug anmuten.

Gregor Andreska, der Jugendstück-erfahrene Woyzeck-Darsteller und Bandmusiker aus Trier, weckt von den stonewashed Jeans über den Fünf-Tage-Bart bis zur sportiv-skandinavischen Kontur und der ausgestellten praktischen Lebenskunst, die ihn als „Flying Barbershop“ rein dienstleisterisch durch die Welt jagt und nicht als offenes Rasiermesser, mutmaßlich sympathisierendes Sich-wiedererkennen bei der heutigen Generation Praktikum. Den Spieltext bringt er sehr anständig rüber, ohne als der bis in die letzten Verästelungen seiner Sprache vom sozialen Schicksal Zermalmte dazustehen. Schön, wie die halbirren Visionen dieses Woyzeck auf radikaler Erbsen-Diät hier etwa zum Lichterzeichen-Signalement werden.

Gut agiert auch seine Marie, die braungelockte Soraya Mezher, die im grünen romantischen Kleid und Schwarz ihrer Verführbarkeit als Ausweg aus der Tristesse ebenso gekonnt Ausdruck gibt wie der Angst vor ihrem Franz. Die übrigen Rollen teilen der Andres und Hauptmann Ives Pancera und der hochgewachsen-herrenhafte Doktor und Tambourmajor Christoph Stein unter sich auf, nicht ohne hier mehr Humor und dort Schneid und dumpfe Drohung einzubringen.

Deutlich bunter

Was wäre Woyzeck heute, fragt die Inszenierung. Immer noch ein Hin- und Hergestoßener ohne Ausweg, könnte eine Antwort lauten, nach aktueller Definition: abgehaktes Proletariat, das sich vom entwerteten Abi für alle als Startpunkt mühevoll durchs Leben hangelt. Und doch, geht es nach Moritz’ Fassung und Regie, fühlt sich der junge Woyzeck heute wohl doch nicht so ausgeliefert an kommende Katastrophen wie beim Vormärzler Büchner, sondern vertreibt sich sein Warten auf das, was da kommen mag, deutlich bunter.

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