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Ausstellung: Das ganze Schicksal in einer Tasche

Von Seit ihrer Gründung 1949 wird in der Deutschen Nationalbibliothek zum Deutschen Exil geforscht und gesammelt. Jetzt bekommt das Deutsche Exilarchiv eine eigene Schau, die auf vielen Wegen ins Thema einführt.
Foto: (Deutsche Nationalbibliothek)

Mehr als 300 Nachlässe von Exilanten lagern im unterirdischen Depot der Deutschen Nationalbibliothek. Hinzu kommen 18 000 Bücher und mehr als 11 000 Zeitschriftenartikel. Die Nachlässe umfassen, anders, als man es bei einer Nationalbibliothek vermuten könnte, weit mehr als „nur“ Bücher: Gegenstände nämlich, die Menschen während ihrer Exilzeit zwischen 1933 und 1945 wichtig waren, die eine Geschichte erzählen oder eine besondere Bedeutung hatten. Das reicht vom collagenartig gestalteten Brief, den der Vater seiner Tochter in der Heimat schickte, um ihr von seiner neuen Umgebung in Amerika zu erzählen, bis zur Fahrkarte, die nur von Bonn bis nach Aachen führt. Diese Strecke fuhr einer der Exilanten, deren Spuren man durch die Ausstellung verfolgen kann. Dort stieg er aus dem Zug und schlug sich zu Fuß über die Grüne Grenze nach Belgien durch.

Auch gefälschte Pässe sind zu sehen – für viele, die aus Deutschland und aus Europa flüchten mussten, oft die letzte Chance, den Nazis zu entkommen.

Briefe von Sigmund Freud

Man kann sich diese Ausstellung im Schnelldurchgang erschließen, beispielsweise anhand einer Biografie, die man durch die Zeiten und anhand verschiedener Themenkomplexe verfolgt: Man kann sich aber auch stundenlang in ihr festlesen, kann der Verschränkung historischer und lebensgeschichtlicher Ereignisse auf die Spur kommen, und immer neue Aspekte dessen entdecken, was Exil bedeutete.

Ein Taufkleid aus einer der 24 Umzugskisten, mit denen die Familie Wiedemann 1933 nach Brasilien auswanderte, links eine Anleitung, wie man in Israel kocht, rechts Dokumente und Verträge. Bild-Zoom Foto: Stephan Jockel (Deutsche Nationalbibliothek)
Ein Taufkleid aus einer der 24 Umzugskisten, mit denen die Familie Wiedemann 1933 nach Brasilien auswanderte, links eine Anleitung, wie man in Israel kocht, rechts Dokumente und Verträge.

Den Eingang bilden schmale, hohe Vitrinen. Sie machen die Enge des Wegs in die unbekannte Ferne auch physisch spürbar: Ein Exilkoffer und zahlreiche Dokumente, darunter auch Originalbriefe, etwa von Sigmund Freud, zeigen, dass der Weg ins Exil vielen wie ein dunkler Tunnel vorkam, und wie schwierig es oft war, sich zu orientieren, nachdem sie sich irgendwo in der weiten Welt, in Moskau oder in Südamerika oder in China wiederfanden – in einer komplett fremden Umgebung, der Sprache oft nicht mächtig und nicht selten als Bittsteller ohne Beziehungsnetz und Freunde.

„Auf der Flucht“, „Im Exil“ und „Nach dem Exil“ – das sind die drei großen Themen dieser neuen Dauerausstellung, die an sehr vielen Stellen, ohne das jemals ausdrücklich zu thematisieren, Parallelen zur heutigen Zeit aufweist, in der so viele Menschen wie nie zuvor ihre Heimat aus politischen Gründen verlassen müssen. Unterthemen sind etwa „Kinder im Exil“, „Arbeit und Beruf“, es geht um die „Sprache“ und natürlich auch um Widerstand – militärischen wie subversiven. Zahlreiche wenig bekannte Geschichten erzählt die Ausstellung: So zeigt sie Kampfschriften von Exilanten, die diese als Puddingpulver getarnt nach Deutschland schmuggelten. Der SPD-Parteivorsitzende Hans Vogel war des Englischen nicht mächtig. Als er sich 1940 im Ausland wiederfand, legte er sich Vokabelhefte an, in denen er sich die fremde Sprache einschließlich einer Umschrift selbst für einfachste Worte wie „Paper“ erarbeitete – ein zu Herzen gehendes Ausstellungsstück, wie viele andere Objekte auch: ein Zettelkoffer voller Geschichten des Schriftstellers Walter Meckauer etwa oder eine kunstvoll bestickte Tragetasche. Die Applikationen dieses Wunderwerks erzählen die Etappen des Exils detailliert und bildreich nach.

Ganz von vorn beginnen

Exil war mühsam, und nicht selten bedeutete es für die Betroffenen, noch einmal ganz von vorn beginnen zu müssen. Das betraf Schriftsteller und all diejenigen, die im Kultursektor gearbeitet hatten, natürlich ganz besonders. Doch nicht nur von ihnen erzählt diese Schau, sondern auch von Durchschnittsbürgern, die wie Ernst Löwy als Jugendlicher allein ins Ausland gingen, mit nichts als einem Koffer in der Hand. Acht Biografien haben sich die Exilforscher der Nationalbibliothek herausgesucht, die man verfolgen kann. Auch die Schriftstellerin Stefanie Zweig gehört dazu: In „Nirgendwo in Afrika“ erzählt sie von ihren Erlebnissen, als sie als Kind mit ihren Eltern nach Afrika emigrierte. Wenn es nach ihr gegangen wäre, wäre das Mädchen wohl nie nach Deutschland zurückgekehrt.

1949 begann in der Deutschen Nationalbibliothek die Exilforschung mit dem Aufbau einer Bibliothek. Den zurückkehrenden Exilanten war allerdings bald schon klar: Allein Bücher zu zeigen würde nicht reichen. So schimpfte der nach London emigrierte Publizist Wilhelm Sternfeld 1950: „Was fehlt und nottut, ist ein Archiv der Emigration, das alles zusammensucht und ordnet, was mit ihr zusammenhängt. Das wäre eine Aufgabe, nicht aber die Schaffung einer Bibliothek, in die sich nach drei Jahren kein Hund mehr verläuft.“

Wer von Flucht und langen Jahren im Ausland betroffen war, wollte das Archiv als „Kampfmittel“ verstanden wissen, sagt Leiterin Sylvia Asmus. Es sollte aufmerksam machen auf die Situation der Exilierten, die im Ausland oft keine Heimat gefunden hatten und nach ihrer Rückkehr in Deutschland oft angefeindet wurden. Im Obergeschoss erzählen Dokumente von Rückkehrern nach dem Krieg, die bei ihrer polizeilichen Meldung immer noch angeben sollten, ob sie „Jude“ oder „Mischling“ seien. Es dauerte, bis die Lehren aus der jüngsten Geschichte ankamen.

Sieben Jahrzehnte

Dass knapp 70 Jahre vergehen mussten, bis die Forschungsstelle eine permanente Ausstellung realisieren konnte, zeigt, wie komplex das Vorhaben ist, alle Facetten zu spiegeln und trotzdem eine übersichtliche und für jedermann gut zugängliche Ausstellung zu schaffen. Noch immer wächst das Archiv. Die letzten Zeitzeugen sterben. „Umso mehr gilt es, jetzt die Nachlässe sprechen zu lassen“, sagt Sylvia Asmus. Immer wieder erreichen die Forscher des Exilarchivs Konvolute, die gesichtet, dokumentiert und archiviert werden müssen.

Frankfurt hat damit einen Anlaufpunkt, sich über diese – schwierigste – Zeit der deutschen Geschichte gründlich zu informieren, den bald auch Schulklassen vermehrt in Anspruch nehmen können. Die Parallelen zur Gegenwart drängen sich wie von allein auf.

Exil. Erfahrung und Zeugnis

Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt, Adickesallee 1. Geöffnet Mo–Fr
9 bis 22 Uhr, Sa 10 bis 18 Uhr.
Eintritt frei. Telefon (069) 1 52 50

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