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Popmusik: Das neue U2-Album ist das schlechteste der Bandgeschichte

Die Songs des jüngsten Werks von "U2" sind läppisch, pompös und sogar peinlich. Tatsächlich spielt die Musik der Iren schon lange keine Rolle mehr.
Die Band U2 um Sänger Bono Foto: imago/Archiv Die Band U2 um Sänger Bono

Gleich vorneweg: Das neue Album von „U 2“, das nächste Woche erscheint, ist schwach, klebrig, unangenehm, kitschig, aufgeblasen – ein Totalausfall. „Songs Of Experience“ hangelt sich von Stadionrock-Nummer zu Stadionrock-Nummer, verliert sich in „Ohohoho“-Refrains und überschätzt die Macht der Keyboards. Einige der Songs sind schnell, andere sind langsam. Eigentlich bräuchte man über diese aufgeblähte Platte auch gar kein Wort zu verlieren, wenn es da nicht Anfang November einen Vorfall gegeben hätte, der das Millionenunternehmen „U 2“ in seinen Grundfesten erschüttert hat.

„Songs Of Experience“ ist tatsächlich nicht der schlechteste Anlass, will man im Herbst 2017 über diese Proto-Rockband sprechen, die im Laufe ihrer rund 40-jährigen Karriere bereits unglaubliche 170 Millionen Platten verkauft hat.

Gewissen in der Kanzel

Als kürzlich die sogenannten „Paradise Papers“ die Runde machten, da rieb man sich verwundert die Augen, tauchte doch auch ein gewisser Paul David Hewson auf der Liste der Briefkastenfirmen-Betreiber und Geldwäscher auf. Paul David Hewson war bis dahin der Weltöffentlichkeit hauptsächlich als guter Mensch Bono Vox bekannt, der auf den gigantischsten Bühnen der Welt, die bei ihm ja auch eher immer eine Kanzel sind, über den Weltethos sinnierte.

Nun aber kam heraus, dass der Profi-Händeschüttler Bono, der für Wasser in Afrika betet und gegen die Atommeiler der Welt ansingt, eine winzige Firma auf Malta und Guernsey unterhält, über die er zwielichtige Steuergeschäfte eines litauischen Einkaufszentrums abwickelt. Ein paar klägliche tausend Euro soll Facebook-Anteilseigner Bono so jährlich erwirtschaften.

Das klingt irre und wirr, kleingeistig und unwürdig und man fragt sich zwangsläufig: Was soll das? Steuertricks für ein Einkaufszentrum (!!) in Litauen (!)? Wie kümmerlich ist das denn? Ist Bono etwa kein Rock-Gott, sondern bloß ein kleiner, gieriger Geld-Scheffler, gegen den er früher selbst mit großem Tamtam angesungen hätte?

Und es ploppen plötzlich Erinnerungen an das monströse Gitarren-Album „The Joshua Tree“ (1987) auf, auf dem Bono über die spirituelle Krise des modernen Menschen („Where The Streets Have No Name“) sang und über die existenziellen Probleme britischer Bergleute („Red Hill Mining Town“) philosophierte.

Man hat das Bild eines Mannes vor Augen, der dem Dubliner Arbeiterviertel Ballymun Flats entstieg, um die Welt gemeinsam mit seinen drei Freunden in wundersam eingängigen Popsongs über Gerechtigkeit und Moral aufzuklären. Seit mindestens 30 Jahren galt Bono als das singende Weltgewissen, als Robin Hood mit Gitarrenverstärker, als wohlklingende Stimme der Stimmlosen.

Spätestens 2006 hätte man jedoch ahnen können, dass Bonos größtes Interesse vielleicht doch eher der Geldvermehrung gilt, hatte er damals doch seine vielgepriesene Heimat Irland gen Niederlande verlassen, um möglichst wenig Steuern für Songs und Merchandise-Artikel abdrücken zu müssen. Damals soll er zu seinem Umzug gesagt haben: „Geschäft ist Geschäft“, und eigentlich hätte man also vor zehn Jahren schon die Songs und das Auftreten des passionierten Sonnenbrillen-Trägers auf den Prüfstand stellen müssen. Schließlich geht es bei „U2“ nicht nur um lapidare Popmusik, es geht um eine der größten Rockbands des Planeten, die mit großen Gesten von Land zu Land jettet und um Audienzen bei Präsidenten und Kanzlern bittet.

Aufgemotzt und peinlich

Doch, na ja, auch für „U2“ gilt zunächst das ungeschriebene Gesetz, dass man Kunst stets losgelöst von ihrem Schöpfer betrachten muss. Und so kommt man also doch irgendwann an den Punkt, an dem man „Songs Of Experience“ durchhört und durchhört und durchhört, und sich das Gesicht dabei immer mehr verzieht, weil das alles so aufgemotzt und geschmacklos und aufgedonnert und belanglos ist. Die Single „Get Out Of Your Own Way“ klingt wie eine alternative Version von „Beautiful Day“, die Gitarrennummer „American Soul“ wie ein Zitteraal, der etwas zu lange in der Sonne gelegen hat.

Solch einen Riff-lastigen Song hätten selbst die „Queens Of The Stoneage“ peinlich berührt im Giftschrank verstaut. Und dann gibt es da noch die pappige „Coldplay“-Ballade „The Little Things That Give You Away“ und den flotten Festzelt-Schunkler „You’re The Best Thing About Me“. Breiiger Gitarren-Bombast, Studio-Firlefanz ohne Seele und ohne Leben.

Das wäre alles noch zum Achselzucken, würde Bono zu diesem synthetischen Kleister nicht über den Syrien-Krieg und die Mediokrität des amerikanischen Präsidenten singen. Das ist heuchlerisch. Und ziemlich unerträglich.

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