Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 19°C

Theater: Das waren die Premieren "Woyzeck" und im "Hässlichen Universum" am Schauspiel

Im Schauspiel Frankfurt und in den Kammerspielen finden die Regisseure Roger Vontobel und Julia Hölscher Bühnenbilder für eine Welt im Taumel.
Fünf Namenlose, postapokalyptisch entsetzt. Foto: Jessica Schäfer Fünf Namenlose, postapokalyptisch entsetzt.
Frankfurt. 

Für Franz Woyzeck ist die Welt zu groß, zu hell und zu laut. Wenn er einen Schritt macht, hört er, wie es unter ihm dröhnt. Die Erde ist inwendig hohl. Blickt er nach oben, sieht er einen blutigen Mond: die Sichel vielleicht, mit der der Mensch Gott die Gurgel durchgeschnitten hat. „Gott ist tot“, wird Nietzsche am Ende des 19. Jahrhunderts sagen. Der entlassene Soldat Franz Woyzeck ahnt es schon an seinem Beginn. Wenn seine Seele in einer Mondnacht die Flügel ausspannt, findet sie nicht mehr nach Hause wie bei Eichendorff und Schumann. Sie stürzt ab. Und landet im Dreck. Tot.

Georg Büchners (1813–1837) „Woyzeck“ ist unvollendet geblieben. Büchner starb zu früh. Das Stück ist ein Fragment mit kurzen, scharf geschnittenen, rasch wechselnden Szenen. Woyzeck ist ein Absteiger, heruntergekommen ins Prekariat, einer mit mehreren Minijobs. Er schneidet Stöcke, arbeitet als Barbier oder als Proband in medizinischen Experimenten. Woyzeck ist einer, der um seine Existenz ringt und die von seiner unehelichen Frau Marie und dem Kind. Woyzeck ist ein Abgehängter, einer, den man nicht fragt, über den andere entscheiden. Über Woyzeck schlägt die Wirklichkeit zusammen. Seine Psyche disponiert ihn für Manie und Depression. Er hat eine Welt im Rücken, die ihn jagt und hetzt. Bliebe er stehen, würde er fortgerissen. Er kann sein zersprengtes Ich nicht retten. Er ist ein versehrtes Gammastrahlen-Lamm, lange vor der Zeit. Und im Frankfurter Schauspiel ist dieser Franz Woyzeck auch noch eine Frau.

Zart und empfindsam

Regisseur Roger Vontobel hat Woyzeck mit Jana Schulz besetzt, mit einer der zerbrechlichsten, empfindsamsten, irritierbarsten Schauspielerinnen, die derzeit auf deutschen Bühnen stehen. Und deshalb ist die Eingangsszene, in der Woyzeck Stöckchen schnitzend auf einer riesigen leeren und dunklen Bühne steht, ungeheuer zart, tastend, lyrisch, elegisch. Eine Kinderstimme hebt an zu singen, romantisch, schön. Die Bühne dreht sich. Die Zeit ist ein Mahlstrom. Was soll man mit ihr anfangen?

Der Major (André Meyer) würgt Woyzeck (Jana Schulz). Bild-Zoom Foto: Arno Declair
Der Major (André Meyer) würgt Woyzeck (Jana Schulz).

Natürlich ist die Frankfurter Bühne für den „Woyzeck“ viel zu groß. Weil das Personal des Stücks den Raum gar nicht ausfüllen kann, lässt Regisseur Vontobel zwischendurch immer wieder Musik machen, die mitunter zum Lärm anschwillt. Im Hintergrund hängt ein Vorhang aus LED-Leuchten. Über den flimmern Live-Videos, die gleichsam die verschwimmende, sich verzerrende Innenwelt Woyzecks sichtbar machen, den Zerfall seiner Wirklichkeitswahrnehmung.

Zugleich springen die Bilder aus Büchners 19. Jahrhundert in unsere Gegenwart, in eine hysterische Glitzer-, Party- und Rotlichthalbwelt voller Geilheit, Gewalt, Suff und Sex. Albtraumartig überlagert sich in den Videos Woyzecks Realität mit Visionen und Gesichten, in denen der Hauptmann (Wolfgang Pregler), der Doktor (Matthias Redlhammer), der aufgeblasene Tambourmajor-Prolet (André Meyer) und eine mädchenhafte Marie (Friederike Ott) fratzenhaft und grotesk entstellt in einem tierisch-obszönen Veitstanz vorüberziehen: Georg Büchner meets Thomas Melle.

Wie das alles im Detail zusammenhängt, ist im vorzüglichen Programmheft trefflich aufgezeigt, schlüssig erläutert und geistesgeschichtlich kompetent eingeordnet. Leider ist das zwar gut ausgedacht, wirkt im Theater aber ziemlich angestrengt. Mann sieht den dramaturgischen Schweiß rinnen. Und da Alban Berg ja eine geniale Musik zum „Woyzeck“ komponiert hat, nimmt sich jede andere, die, um Seelenzustände zu illustrieren, Klavier spielt oder mit Schlagwerk Krawall macht, läppisch wie mittleres Effektmaterial aus. Dass Woyzeck eine Frau ist, verwirrt eher als zur Erhellung beizutragen. Wenn Woyzeck am Ende Marie ersticht, scheint es zwar, als bringe er in seiner Verzweiflung einen Teil seiner selbst zur Strecke. Weil aber nach derzeitiger Gendermode er sie ist, verliert man ein bisschen die Lust, das Knäuel aufzulösen. Insgesamt sind die 90 Büchner-Minuten so lang wie die dreieinhalb Stunden Shakespeare zwei Tage zuvor.

Totentanz mit Ansage

Im „Hässlichen Universum“ in den Kammerspielen ließ es Dramatikerin Laura Naumann am Freitag ordentlich krachen. Allerdings sind hier keine bedrohlichen Meteoriten am Werk. Die Menschen selbst zündeln, legen Lunte an ihren Untergang und entfachen einen Weltenbrand. Versammelt hat die Autorin desorientierte Sinnsucher, die die Welt als unsicher und unverständlich empfinden. Wenn sie versuchen, sich liebevoll durchs Leben zu hangeln, zerschellt das antrainierte Gedankengerüst ebenso an der Realität wie die Phrase, dass man alles schaffen könne, wenn man nur wolle. Eine ominöse Rosa ist qua im Netz kursierender Botschaften die Hoffnungsfigur dieser Enttäuschten. Sie sagt: „Alles muss brennen.“

Die kraftvollen und vielstimmigen Texte von Laura Naumann transportieren Worte, Haltungen und Lebensgefühle, die Raum für Interpretationen quer durch die Gesellschaft lassen. Uraufführungsregisseurin Julia Hölscher hingegen muss dafür Bilder finden und Charaktere auf die Bühne stellen.

Sie entwickelt, wie das von Naumann wortreich entfachte Inferno zustande kommt. Daher erscheinen die fünf Namenlosen (Torsten Flassig, Sarah Grunert, Katharina Lindner, Luana Velis und Uwe Zerwer) zu Beginn wie Gäste ihrer eigenen Beerdigung. Das große Feuer hat längst stattgefunden, aus den Bodenritzen kommt nur noch Qualm, auf ihrer (zunächst) schwarzen Kleidung: Aschespuren.

Die Stimmen kommen aus dem Off wie aus einer anderen Welt. Doch dann – als spule Hölscher zurück auf Start – formen sich aus dem Totentanz des Anfangs fünf „reale“ Menschen, zunächst wie nackt in hautfarbenen Leibchen, dann klischeehaft, aber augenfällig in Jogging-Hosen und Shirts. Hilflos schmiegen sie sich zum Rudel zusammen, blicken erwartungs-froh. Doch statt Rettung fallen nur ein paar Kaugummis von einer Rampe. Die machen aber immerhin schöne rosa (!) Blasen.

Ab hier kommt endlich etwas Schwung in die Inszenierung. Spät vielleicht, etwas eindimensional auch, denn die Fünf könnten als Klischeevorstellungen von frustrierten AfD-Wählern herhalten. Aber so ergibt der Start mit lebenden Toten und Stimmen aus einer anderen Welt doch noch einen Sinn.

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse