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Konzert: "Deep Purple" überwinden in der Frankfurter Festhalle alle Grenzen

Im nächsten Jahr können „Deep Purple“ 50. Geburtstag feiern. Mag das Quintett auch nicht mehr in tiefem Violett schillern, so ist es auch in zarterem Lila live noch überzeugend. 6000 Fans in der Festhalle feierten die Briten und ihre Hits.
Ian Gillan verzichtet zwar auf die Schreiorgien von „Child In Time“, ansonsten ist er aber noch auf der Höhe. Foto: Sven-Sebastian Sajak Ian Gillan verzichtet zwar auf die Schreiorgien von „Child In Time“, ansonsten ist er aber noch auf der Höhe.
Frankfurt. 

Wer sich auf einen Abend mit „Deep Purple“ einlässt, geht nicht nur in ein Konzert, sondern begibt sich auf eine Zeitreise. Da schwingt viel Melancholie mit: Weißt Du noch – damals? Zumindest, wenn man die britische Band seit ihren Anfangstagen kennt. Denn damals ging’s um Glaubensfragen: „Beatles“ oder „Rolling Stones“, Füller von Geha oder Pelikan? Schuhe von Puma oder Adidas? Und bei der Eisenbahn – Märklin oder Fleischmann? Das waren Entscheidungen. Wer in einer Schülerband spielte und nach einem Vorbild suchte, musste klären: „Led Zeppelin“ oder „Deep Purple“?

Öfter mal abhusten

Als Sänger war man so oder so der Dumme. Der wurde von beiden Gruppen vom Gitarristen in höchste Höhen getrieben. Bis die Stimme zu kippen drohte. Ian Gillan (71) Jahre jung, tut heute gut daran, sich auf solche Spielchen nicht mehr einzulassen, auch einen Klassiker wie „Child In Time“ mit seinen Schreipassagen nicht mehr anzustimmen. Er würde kläglich scheitern. Auch so ist es schon heikel genug, sich nach oben zu schrauben. Obwohl die Songs längst in tiefere Lagen transponiert worden sind.

Bilderstrecke Rocklegenden von Deep Purple heizen den Fans in der Festhalle ein
Die Rock-Hymne "Smoke On The Water" erklang am Samstag (10.06.) zum letzten Mal live in Frankfurt. Die britische Band "Deep Purple" hat auf ihrer Abschiedstournee einen Stop in der Festhalle eingelegt und den Fans noch einmal kräftig eingeheizt. <b>Wir haben die Fotos!</b>Die englische Hard-Rock-Band Deep Purple rockte am 10.06.2017 bei einem Konzert in der Festhalle Frankfurt.Die englische Hard-Rock-Band Deep Purple rockte am 10.06.2017 bei einem Konzert in der Festhalle Frankfurt.

Gillan verschwindet während des Konzerts auch öfters in den Kulissen. Vielleicht um hier und da mal kräftig abzuhusten. Schließlich gilt es, fünfzehn Stücke lang durchzuhalten. Noch schwieriger als einen solchen Tourneemoloch in gesetztem Alter durchzuhalten, muss es sein, sich vorher auf eine Titelauswahl zu einigen – bei einem Repertoire aus 20 Studioalben. Natürlich kann man die Fans am einfachsten mit den bekanntesten Nummern beglücken. Aber auch alte Väter (und gerade die) haben den Stolz, ihr jüngstes Baby zu präsentieren.

Das heißt „Infinite“, ist Anfang April erschienen und ein Nummer 1-Album in Deutschland. Das signalisiert Treue und Vertrauen in die alten Helden. In den USA reichte es nur für Platz 105. Das Konzert in der Festhalle beginnt mit „Time For Bedlam“ und einer gesprochenen Beschwörungsformel über unser aktuelles Leben im Chaos. „Entkommt der Umklammerung der ewigen Verdammnis“, warnt Gillan am Ende seines Rock-Mantras.

Grollen und Gurgeln

Als eine Band mit Botschaft hatte man „Deep Purple“ gar nicht mehr in Erinnerung, eher als eine, die dem süßen Leben und den schönen Frauen frönte. Zum Beispiel in „Fireball“, mit dem das Konzert gleich an Fahrt aufnimmt, und „Strange Kind Of Woman“, zusammen mit „Bloodsucker“ ein Rückgriff auf die frühen Siebziger. Da freuen sich die Anhänger. Genau genommen ist mit Schlagzeuger Ian Paice (68) nur noch ein Gründungsmitglied von 1968 dabei. Präzise wie ein Schweizer Uhrwerk treibt „Little Ian“, der körperlich kleinere der Namensvettern, das Quintett an; Bassist Roger Glover (71), wie Vokalist Ian Gillan aus der erfolgreichen Mark II-Besetzung (vom „Concerto For Group And Orchestra“ 1969 über „Deep Purple In Rock“ bis „Who Do We Think We Are“ 1973), gibt mit seinem prägnanten Bass dem Unternehmen Stabilität. Keyboarder Don Airey (68) grundiert mit seinem typischen Hammond-Orgel-Sound über die rotierenden Lautsprecher seiner Leslie-Boxen grollend und gurgelnd mit mächtigen Clustern die eigenen ausschweifenden Soli wie auch die des Youngsters in der Formation, Steve Morse (erst 61), mit seinen Gitarren-Arpeggios.

Was schnell ins Gedächtnis zurückkehrt: „Deep Purple“ war, wenn im sozialen Netzwerk manchmal sogar als Vorreiter des Speed Metal wahrgenommen, nie eine typische Hard-Rock-Band mit Headbanging und Formationsflügen mit in den Himmel gereckten Gitarrenhälsen. Dafür waren die stilprägenden Komponisten stark in der klassischen Musik verhaftet. Gitarren-Magier Ritchie Blackmore (heute mit höfischer Musik unterwegs) war in Johann Sebastian Bach vernarrt, Tastenzauberer Jon Lord schrieb schon früh das ambitionierte „Concerto For Group And Orchestra“ (mit Mahler-Anmutung). Das färbte ab: überraschende Arrangements, überbordende instrumentale Virtuosität. Das war ein ganz eigenes Profil.

Wichtig ist den 6000 Besuchern aber, dass sie mit „Space Truckin’“, „Smoke On The Water“ und „Black Night“ noch drei echte Gassenhauer zum Mitsingen geboten bekommen. In „Perfect Strangers“ überraschen „Deep Purple“ dann mit einer arabisch anmutenden Melodie und stellenweise vertrackter Rhythmik. Eine späte Reaktion auf „Led Zeppelin“ und „Kashmir“? Steve Morse stimmt auch noch ein Jimmy-Page-Riff an, und die klar gesetzten Grenzen von früher lösen sich altersmilde im Nichts auf. Hat Don Airey in seinem Keyboardsolo nicht Beethovens „Ode an die Freude“ zitiert? „Alle Menschen werden Brüder“. Taugt der Rock’n’Roll am Ende doch noch für Visionen?

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