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Dein Profil weiß alles über dich

Der Erzähler der Känguru-Chroniken zieht einen neuen Roman aus dem Beutel. In seinem „QualityLand“ lautet die Antwort auf alle Fragen: „OK“ – was ganz und gar nicht ok ist.
Willkommen in „QualityLand“: In seinem neuen Roman beschreibt Marc-Uwe Kling eine Zukunft, in der Arbeit, Freizeit und Beziehungen von Algorithmen optimiert sind. Doch Klings Protagonist Peter versucht, sich mit anarchischem Geist diesem System zu widersetzen. Willkommen in „QualityLand“: In seinem neuen Roman beschreibt Marc-Uwe Kling eine Zukunft, in der Arbeit, Freizeit und Beziehungen von Algorithmen optimiert sind. Doch Klings Protagonist Peter versucht, sich mit anarchischem Geist diesem System zu widersetzen.

War das sorglos kommunistische Beuteltier Klings als Fabelwesen einer überaus witzigen Gesellschaftskritik noch im Hier und Jetzt beheimatet, verlegt der Bestsellerautor seine jüngste Satire in eine nahe Zukunft. In der „dritten Jahrhundertkrise innerhalb einer Dekade“ kommt eine Unternehmensberatung darauf, das altbackene Deutschland in „QualityLand“ umzutaufen. „Made in QualityLand“ klinge und verkaufe sich einfach besser. Das neue Gewand führt zu einem neuen Land, in dem die Digitalisierung jede Faser durchdringt. Obskure Algorithmen bestimmen das Leben. „QualityPartner, die weltgrößte Datingplattform, findet den besten Partner für dich“, wobei der erste gratis ist. „Everybody, das weltweit größte soziale Netzwerk“, weiß alles über alle – und verscherbelt die Daten nicht nur an „QualityPartner“, sondern auch an „TheShop, den weltweit beliebtesten Versandhändler“. Dessen Prime-Kunden müssen gar nicht mehr bestellen. Denn „TheShop“ weiß, was du willst, bevor du es willst. Geliefert wird per Drohne. Die gern auch das Auspacken filmt – weil sie sowieso alles filmt.

Kling baut diese üble Dystopie einer maschinengesteuerten Matrix-Welt, in der vom freien Willen nichts mehr übrig ist, überaus witzig über die Tücken des Alltags auf. Sein Held Peter Arbeitsloser (Jungen werden nach dem Beruf des Vaters, Mädchen nach dem der Mutter benannt) bleibt in dieser schönsten aller neuen Welten immer wieder stecken. Autonom fahrende Autos weigern sich, ihn an seinem Laden für Maschinenverschrottung abzusetzen. Der Wohnbezirk sei zu riskant, und sein Krankenkassenstatus bei „QualityCare“ stehe in den Miesen.

Als Peters „beste Partnerin Sandra Admin“, die Produktplacements in Nachrichten einfügt, ihn per Klick verlässt, rutscht auch sein sozialer Status auf ein einstelliges Level. Peter ist damit nicht nur faktisch so erfolgsarm wie viele Figuren Klings aus den Chroniken, sondern auch offiziell ein „Nutzloser“. Den inneren Wendepunkt erreicht er, als eine Drohne von „TheShop“ einen „rosafarbenen Vibrator in Delfinform“ zustellt. „Wir wissen, was du willst!“, flötet die Drohne. In Peters Kopf keimt ein revolutionärer Gedanke: „Ich will das nicht.“

Mit schwarzem Humor

Der vage Impuls, gegen das ubiquitäre System aufzubegehren, wird von Peters WG-Kumpels begeistert aufgegriffen. Die bestehen aus defekter Künstlicher Intelligenz (KI), die Peter eigentlich hätte verschrotten müssen, da das Reparieren von Technik seit den „Konsumschutzgesetzen“ verboten ist. Aber da die Drohne mit Flugangst, die androide Autorin mit Schreibhemmung oder das aufmüpfige „QualityPad“ Pink, das als Erbin des Känguru-Charakters fungiert, allemal menschlicher sind als Menschen, hat Peter sie „leben“ lassen. So wirkt das „Asoziale Netzwerk“ der Känguru-Ära anarchisch-munter weiter.

Als die schöne und freigeistige Kiki (kein Nachname!) Peters Autonom-Mobil kapert, hat Kling endgültig die Bühne bereitet für den Kampf gegen das Schweinesystem. Mit schwarzem Humor, überbordendem Einfallsreichtum und ungenierten Anleihen bei Hollywoods SciFi-Klischees geht Peter auf Heldenreise. Klar, dass „TheShop“ den Delfinvibrator nicht einfach zurücknimmt. Wo käme die Welt auch hin, wenn nicht die Industrie besser als der Konsument wüsste, was der braucht? Kling bietet die ganzen Absurditäten unseres Alltags auf, die den Kampf gegen die Konzerne begleiten. Widerborstige Callcenter, vergebliche Klagen, öffentliche Auftritte, die sich gegen den Beschwerdeführer wenden, Repressionen, das Schweigen der Verantwortlichen.

Spät lernt Peter, was Kling schon lange weiß. Sein Held erfährt von der Figur des weisen Alten die schreckliche Wahrheit: „,Wenn deine Profile falsch sind, dann lebe ich in der falschen Welt‘ murmelt Peter.“ Der Philosophie-Abbrecher Kling haucht Adornos altem Diktum, dass es im falschen Leben kein richtiges gebe, unvermittelt neues Leben ein. „Die Menschen werden einfach zu dem, von dem das System glaubt, dass sie es sind.“

Düstere Seite

An solchen Punkten gefriert das Lachen. Denn was Kling unter der Maske des Humoristen für die Zukunft prophezeit, ist präzise aus der Gegenwart abgeleitet. Das ist die düstere Seite dieses großen Schelmenromans. Denn Peters Wunsch „Sorgen Sie dafür, dass mein Profil wirklich mich abbildet“ ist doppelt naiv. Seine Erfüllung würde nur zu einer Perfektion des Systems führen, das es abzuschaffen gilt. Und das Profil-Update beantwortet nicht die Kernfrage des namenlosen Alten: „Aber wer bist du denn?“

Das Ende samt Schlusspointe wird nicht verraten, auch wenn es vergleichsweise flach gerät. Das wahre Vergnügen ist Peters Zappeln im Netz.

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