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Comic von Jutta Winkelmann: Den nahen Tod im Blick

Von Jutta Winkelmann, Ikone der 68er-Bewegung, hat Krebs. Davon erzählt sie in einem Comic. "Mein Leben ohne mich" ist eine eindrucksvolle Lebensabrechnung, in der sich Jutta Winkelmann nicht schont.
Mit Rainer Langhans verbindet Jutta Winkelmann ein unkonventionelles Leben. Nun lautet die Diagnose: Krebs. In „Mein Leben ohne mich“ geht Winkelmann mit sich und ihren Idealen hart ins Gericht.	Abb.: Weissbooks, dpa Bilder > Mit Rainer Langhans verbindet Jutta Winkelmann ein unkonventionelles Leben. Nun lautet die Diagnose: Krebs. In „Mein Leben ohne mich“ geht Winkelmann mit sich und ihren Idealen hart ins Gericht. Abb.: Weissbooks, dpa

Dieses Buch fängt an mit dem Ende, weil es vom Ende handelt. Jutta Winkelmann schreibt über das Ende des Menschen Jutta Winkelmann. Der erste Satz lautet: „Mein Rückgrat ist zerstört, zwei Wirbel von zwei Tumoren zerfressen.“

Die Autorin und Regisseurin, 1949 in Kassel geboren und seit fünf Jahrzehnten eng befreundet mit dem Ex-Kommunarden Rainer Langhans, hat ein aufregendes, nach Freiheit dürstendes, ganz und gar unkonventionelles Leben geführt, das sich jetzt dem Tod zuneigt. In den 70ern hatte sie mit Langhans und vier weiteren Frauen in München eine auch spirituell geprägte Liebes- und Lebensgemeinschaft gegründet: „Harem“ existiert bis heute. Auch Winkelmanns Zwillingsschwester Gisela gehörte dazu. Während ihrer Aufenthalte in Rom und Los Angeles kam Jutta in Kontakt mit Sean Penn, Werner Herzog, Wolf Wondratschek und dem LSD-Papst Timothy Leary. Die Schwester heiratete 1974 den Milliardär John Paul Getty, die Ehe hielt fast 20 Jahre lang.

Jutta Winkelmanns Diagnose lautet: Knochenkrebs im Endstadium. Dafür findet sie direkte und sehr beklemmende Worte. Nach einem rasanten Leben nun der Tod: Jutta hasst ihren Zustand, ihr Leben, stellt alles in Frage, radikal, zornig. Das Buch ist ein Aufschrei, ein Aufbäumen gegen das Unvermeidliche. Und, Aug’ in Aug’ mit dem Tod, ist es auch eine Befragung der eigenen hohen Ideale: Kann man das Leben noch lieben, wenn es sich von seiner hässlichsten, zerstörerischsten Seite zeigt, weil sich der Tod unwiderruflich eingenistet hat? Kann man Regisseurin des eigenen Lebens bleiben, wenn die Metastasen unkontrollierbar wuchern?

Totale Freiheit und Aufhebung des Privaten waren die großen Ideale von 1968: Aber gelten sie noch, wenn der Körper nicht mehr schön ist, sondern von Krankheit, Verfall und Operationen gezeichnet? Ein grässliches Facebook-Foto der Geschundenen ragt wie ein fahl-trauriges Zerrbild der in glücklich-unerschütterlichen Zeiten proklamierten Ehrlichkeit in die Gegenwart hinein und lässt Jutta Winkelmann vor Entsetzen schaudern.

Sich alles sagen, nichts verdrängen, zeigen, wer man wirklich ist: Das war ein Ideal, dem sich alle, die zu ihrem Kreis gehörten, verpflichtet fühlten. „Wie schwer das ist“, schreibt Jutta Winckelmann jetzt, „haben wir damals nicht geahnt.“

Sägende Schmerzen, Übelkeit, Nachtschweiß: Das Buch erzählt von einer Reise nach Indien, die sie gemeinsam mit Rainer Langhans unternimmt, und dann wieder vom Krankenhaus: neue Wucherungen, tiefste Verzweiflung, letzte Einsamkeiten, Selbsthass und die schreiende Sehnsucht nach Liebe, die nie aufhört. Ein Buch in Fetzen, mit Wut und der Kraft der Verzweiflung geschrieben in den Pausen zwischen Panik und Schmerz – ein wildes Leben bis zuletzt.

130 Seiten Text, dann 230 Seiten Comic, nicht weniger wuchtig: Er zeigt die Krankheit und Verzweiflung ungeschönt, zeigt die mit ihrem Leben und ihrem ramponierten Körper hadernde Hauptfigur, daneben oft einen Rainer Langhans, der ihr die Krankheit als einen Teil ihrer selbst nahebringen will, den Kampf mit den Schmerzen und Metastasen als Weg zu ihr hin, womit sie allerdings wenig anfangen kann. Der Knochenkrebs wütet unerbittlich, die Chemo frisst ihre Haare: „Ich muss aufhören, mir Hoffnung zu machen, ohne mich aufzugeben“, sagt sie einmal.

Dieses Buch ist Jutta Winkelmanns letzter Versuch, Herrin ihrer eigenen Erzählung zu bleiben, sich ganz zu zeigen, auch und gerade in ihrer Mangelhaftigkeit – so, wie es das Credo ihres ganzen Lebens war. Ein eindrückliches Manifest, aufwühlend und schonungslos.

Jutta Winkelmann: „Mein Leben ohne mich. Ein Bericht“. Text/Bildband, Weissbooks, 368 Seiten, 24 Euro

 

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