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Interview: Der Berliner Schauspieler Lars Eidinger kommt als Bertolt Brecht in die Kinos

In dem Künstlerporträt von Joachim A. Lang geht es darum, wie Brecht in den 20er Jahren daran scheiterte, seine „Dreigroschenoper“ mit der Musik von Kurt Weill auch zu verfilmen. Der Leiter des Theaters am Schiffbauerdamm, heute Spielstätte des Berliner Ensembles, wollte zwar Unterhaltung bieten, aber auch politische Lehren erteilen. Doch daran hatten die Filmproduzenten kein Interesse. Martin Schwickert sprach mit Brecht-Darsteller Lars Eidinger.
Bertolt Brecht (Lars Eidinger) hat in Berlin seine „Dreigroschenoper“ herausgebracht. Das Stück um den Gangsterboss Mackie Messer ist ein riesiger Erfolg und soll nun ins Kino kommen. Doch der Autor hat ein anderes Kunstverständnis als die Filmindustrie. Foto: Stephan Pick Bertolt Brecht (Lars Eidinger) hat in Berlin seine „Dreigroschenoper“ herausgebracht. Das Stück um den Gangsterboss Mackie Messer ist ein riesiger Erfolg und soll nun ins Kino kommen. Doch der Autor hat ein anderes Kunstverständnis als die Filmindustrie.

Herr Eidinger, „Mackie Messer“ erzählt von einer scheiternden Verfilmung von Brechts „Dreigroschenoper“ Anfang der 30er Jahre. Vieles, was wir auf der Leinwand sehen, von der Wirtschaftskrise bis zum aufkommenden Faschismus, hat eine beklemmende Aktualität.

LARS EIDINGER: Brecht hat die Entwicklung damals ja vorausgeahnt. Trotzdem hatte er keinen Einfluss auf den Verlauf der Geschichte, obwohl er an sehr prominenter Stelle agierte und man denken könnte, dass er das Potenzial gehabt hätte, Gesellschaft zu verändern. Er hat es komplett durchschaut, musste es dennoch durchleben, und heute sehen wir uns wieder angesichts des aufkommenden Nationalismus mit ähnlichen Problemen konfrontiert. Das frustriert mich als Kunstschaffender. So sehr man auch versucht, die Dinge zu durchdringen und zu reflektieren, scheint man daran, dass man an gewissen gesellschaftlichen Entwicklungen nichts ändern kann, weil ihnen immanente, nicht zu überwindende Konflikte der Menschen zugrunde liegen. Das Interessante an Brecht ist, dass er selbst das erkannt hat und gerade darin die Schönheit des Menschen erkennt. Sein Credo lautet: „Die Widersprüche sind unsere Hoffnung.“ Brecht ist trotz seiner Erfahrungen nicht zum Zyniker geworden.

Mit Filmen wie „Mackie Messer“ oder zuletzt „Berlin Babylon“ scheint es eine Hinwendung zum Berlin der Weimarer Republik zu geben. Worin liegt für Sie die Faszination dieser Zeit?

EIDINGER: Wenn man sich mit dieser Zeit beschäftigt, stellt man fest, dass man damals in vielen Bereichen sehr weit war: in der Architektur, der Mode oder auch was die Offenheit in der Überwindung von Geschlechterrollen angeht. Vieles, was wir heute erleben, war damals schon einmal da. Und dann natürlich das Aufkommen des Faschismus. Es ist ja immer leicht, aus dem historischen Abstand zu sagen: „Das hätte ich durchschaut. Da hätte ich nicht mitgemacht.“ Aber in der Zeit, in der man selbst lebt, ist es oft schwer zu erkennen, was genau vor sich geht. Oft scheinen uns Zusammenhänge zu komplex und undurchschaubar. Aber damit machen wir uns komplett unmündig. Und das ist das Gute an Brecht: Er gab den Menschen die Möglichkeit, Politik und Gesellschaft zu durchschauen. Das System ist ein Schaukelbrett. Die Reichen sind oben, die Armen unten, und die Reichen sind nur oben, weil die Armen unten sind.

Wo sehen Sie als Künstler Ihre gesellschaftliche Aufgabe?

EIDINGER: Man muss als Künstler immer wieder versuchen, die Leute in einen komplexeren Diskurs zu zwingen und hoffen, dass man dadurch die Gesellschaft ein wenig verändert. Mir geht es darum, mit meiner kreativen Arbeit meinen Blick auf die Welt zu zeigen und darüber mit anderen in Auseinandersetzung zu kommen. Man täuscht sich ja, wenn man denkt, dass alle die eigene Sicht teilen, und ist dann überrascht, wenn man Leute trifft, die ganz anders denken. Eine wichtige Erkenntnis von Brecht ist ja auch, dass die Räuber nicht irgendwelche Gangster sind. Die Räuber sind die Bürger. Und die Bürger sind wir. Das heißt, wenn ich Gesellschaft verändern will, muss ich bei mir anfangen. Nur wenn ich mich selbst hinterfrage, habe ich eine Chance, die Gesellschaft zu verstehen.

Wie gut können Sie sich leiden?

EIDINGER: Ich finde mich im Nachhinein ganz oft blöd, wenn ich mich reden höre oder ein Interview von mir lese. Trotz meines beruflichen Erfolges ist es immer noch so, dass es mich oft total aus der Bahn wirft, wenn jemand etwas Negatives über mich oder meine Arbeit sagt. Das erschreckt mich immer, dass ich da so wenig Standing habe. Aber das gehört eben zum Künstlersein dazu: Man kann sich nicht unabhängig machen von der Meinung derer, die es sich anschauen. Wem die Meinung des Publikums egal ist, der tritt nicht vor Publikum auf.

Sie sind im deutschen Kino omnipräsent. Wie bekommt Ihnen der Erfolg?

EIDINGER: Es gab auch eine Zeit, da hat sich keiner für mich interessiert. Im Moment stapeln sich bei mir die Drehbücher. Ich denke dann: „Wie ungerecht ist das verteilt, dass andere Kollegen überhaupt keine Angebote bekommen, und ich gar nicht weiß, wann ich die Filme alle drehen soll.“ Ich kann nur sagen, dass ich heute kein bisschen glücklicher bin, als ich es war, als ich keinen Film gedreht habe. Und das ist ja auch beruhigend, zu wissen, dass man in dieser Art von Erfolg kein Glück finden kann.

Mackie Messer

Vom 13. September an in den Kinos

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