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Buchprojekt: Der Dieb der Träume

Sie ist Dichterin aus Offenbach, er Fotograf aus Frankfurt: Silke Scheuermann und Alexander Paul Englert erzählen in „Traumdiebstähle“ eine wundersame Geschichte auf je eigene Weise.
Die Schriftstellerin Silke Scheuermann und der Fotograf Alexander Paul Englert im Atelier. Bilder > Foto: Salome Roessler Die Schriftstellerin Silke Scheuermann und der Fotograf Alexander Paul Englert im Atelier.

„Traumdiebstähle“ – so heißt das außergewöhnliche Buchprojekt von Silke Scheuermann und Alexander Paul Englert. Die Lyrikerin und Prosaautorin aus Offenbach, die zuletzt im Schöffling-Verlag den Roman „Wovon wir lebten“ veröffentlicht hat, und der renommierte Frankfurter Fotograf erzählen darin gemeinsam eine Geschichte. Genauer müsste man sagen: Jeder erzählt seine eigene Geschichte – eine in Text- und eine in Bildform. Und doch sind beide so eng miteinander verwoben, dass man wohl sagen kann, sie bedingen einander, leiten sich gegenseitig an, wobei mal der Bild- und mal der Textteil die Führung übernimmt. Die Sprache der Bilder und die der Worte finden so zu einem harmonischen Gleichgewicht. Diese Verbindungen sind manchmal sehr träumerisch, an anderen Stellen wiederum sehr präzise. Zudem ergibt sich aus der Verquickung von Bild- und Text ein künstlerischer Mehrwert: Es entsteht ein Fantasieraum, den auszufüllen jeweils dem Leser überlassen ist. Dierk Wolters hat mit den beiden Buchkünstlern gesprochen.

Frau Scheuermann, in dem Buch geht es um einen Unternehmensberater mit der merkwürdigen Fähigkeit, anderer Menschen Träume lesen zu können. In einem Hotel bekommt er Lust, dies nach Jahren der Abstinenz wieder auszuprobieren. Das wird sein Leben auf den Kopf stellen. Was ist das für eine seltsame Geschichte?

SILKE SCHEUERMANN: Kurz nach der losen Vereinbarung mit Alex, dass wir „was zusammen machen“, waren wir in der Johannisberger „Auberge de Temple“ essen – ich befragte einen Spitzenkoch dort, Alex machte Bilder, weil der Spitzenkoch einen Preis gewonnen hatte. Diese ersten Bilder aus dem Hotel sind der Anfang der Idee gewesen. Und es sollte ein kühler, rational denkender Mensch sein, der erzählt, sonst halten ihn alle gleich für einen Spinner. Weil viele Fotografien von Alexander auf Fernreisen entstanden sind, war es nur logisch, dass der Unternehmensberater auf dieses eine Hotel mit interessanten Träumenden aus aller Welt stößt. Man kann die Geschichte als fantastische oder ganz realistische nehmen.

Herr Englert, wie ist es denn zur Zusammenarbeit mit Silke Scheuermann gekommen?

ALEXANDER PAUL ENGLERT: Ich habe nach einer neuen Ausdrucksform gesucht. Bücher, in denen Fotografien etwa Gedichte illustrieren, gibt es ja schon. Ich wünschte mir aber etwas anderes: ein Buch, in dem die Fotografien die Geschichte ergänzen, sie aber nicht konkret bebildern. Die Idee war, die normale Text- und Bildverbindung zu durchbrechen.

Was war denn zuerst da, Ihre außerordentlich suggestiven Bilder – oder die Geschichte?

ENGLERT: Zuerst habe ich eine Auswahl meiner Bilder getroffen. Ich habe ganz speziell nach Stimmungsbildern gesucht, die auf meinen letzten zehn bis fünfzehn Reisen entstanden sind, und daraufhin hat Silke angefangen, die Geschichte zu schreiben. Dann habe ich angefangen, die Bilder abermals zu durchforsten. Manchmal war das eine wahnsinnige Sucherei . . .
SCHEUERMANN: Anfangs hatte ich vorgehabt, viel genauer zu den einzelnen Fotos zu schreiben, aber dann stellte sich das als gar nicht geschickt heraus. Die Bilder von Alexander sind so eigen, die brauchen auf gar keinen Fall einen Text, der sie erläutert.
ENGLERT: Um diese Freiheit zu ermöglichen, sind sehr konkrete Menschen- und Straßenszenen immer weiter rausgewandert aus dem Buch. Obwohl ich ja eigentlich ein klassischer People-Fotograf bin.
SCHEUERMANN (lacht): Das Wichtigste für mich war natürlich, dass mein Hund in der Geschichte vorkommt . . .

Und Sie, Herr Englert, hatten Sie nicht manchmal das Gefühl: Hier hätte sich Silke Scheuermann mal ein bisschen stärker an meinen Bildern orientieren können?

ENGLERT: Im Lauf unserer Zusammenarbeit habe ich gemerkt, dass es viel zu bruchhaft geworden wäre, mit dem Text von einem Foto zum anderen zu wandern.

Und dem Verlag, der Frankfurter Edition Faust, war das recht?

ENGLERT: Wir haben sehr eng mit dem Verlag zusammengearbeitet, immer wieder ging es um das Gestalten der Seiten. Es war eine Idee der Grafikerin Ulla Bayerl und der Lektorin Regine L. Strotbek, Sätze aus der Geschichte zu den einzelnen Bildern zu stellen. Davon hat man mich erst überzeugen müssen, aber als ich gesehen habe, dass es funktioniert, habe ich zugestimmt. Es war eine sehr intensive Zusammenarbeit.

Frau Scheuermann, noch einmal zum Inhalt, bitte: Diese Idee, sich in jemandes Träume einfühlen zu können, ist faszinierend . . .

SCHEUERMANN: Für mich war es das optimale Thema für eine Bild-Text-Zusammenarbeit, wir standen ja vor den selben „Problemen“: Träume sind ja die Übersetzung von Stimmungen und Gedanken in Bilder, oder anders, da sind nur die Bilder, aber sie müssen entschlüsselt werden – wie die Fotos, zu denen ich dann schrieb. Mein Held ist der Sohn eines Wissenschaftlers, der gemeinsam mit seiner Frau Schlafphasen, Erinnerungen, Klarträume analysiert. Hier habe ich viele Fakten aus der Forschung eingebaut.

Es ist ein Buch wie ein Kunstwerk, jede einzelne Seite ist besonders gestaltet. Ist das in einer medial überfluteten Gegenwart die Zukunft des Buches? In dem Sinne, dass es, wenn man denn eines macht, ein ganz besonderes werden muss?

ENGLERT: Ich finde es gut, wenn man solch ein Buch so durcharbeitet, dass man es auch tatsächlich von vorn bis hinten gern durchblättert . . .
SCHEUERMANN: Es gibt da ein interessantes Phänomen: Man versucht wieder, der Flut von Bildern, der man täglich ausgesetzt ist, mit Wertigkeit zu begegnen. Um sich gegen die Masse an Bildern bei Instagram & Co. zu behaupten, setzen sogar gute Modezeitschriften inzwischen wieder auf richtig lange Hintergrundreportagen.

Für welche Leser haben Sie das Buch gemacht?

SCHEUERMANN: Für alle natürlich. Aber klar, das ist ein aufwendig hergestelltes Buch, das kaufen nur Leute, die mit schönen Dingen etwas anfangen können und den Unterschied von Paperback und Hardcover mit Schuber kennen... aber die gibt es ja.
ENGLERT: Man muss ja heute ein Buch nicht mehr unbedingt mit sich herumschleppen. Viele Romane kann man sich herunterladen. Wenn man es aber in den Händen hat und physisch spürt, genießt man es besonders, wenn es ein bibliophiles Exemplar ist. „Traumdiebstähle“ ist ganz klar etwas für Leute, die auch das Haptische schätzen.
SCHEUERMANN: Von allen Büchern, die ich geschrieben habe, gefällt es meiner Mutter am besten. Sie hat es auf dem Wohnzimmertisch an eine Vase gelehnt und schlägt immer eine andere Foto-Doppelseite auf.

Silke Scheuermann und Alexander Paul Englert: „Traumdiebstähle“.
Edition Faust, Frankfurt. 104 Seiten im Schuber, 40 Euro

 

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