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Der Freiheitsheld trägt Strumpfhosen

Am Mainzer Staatstheater vergleicht Sarantos Zervoulakos in seiner "Don-Carlos"-Inszenierung die Willkür der Regierenden mit den Machtstrukturen der Familie. Don Carlos (Stefan Graf) im Feinripp-Leibchen fällt seinem strengen Vater (Berthold Toetzke) um den Hals.	Foto: Bettina Müller Don Carlos (Stefan Graf) im Feinripp-Leibchen fällt seinem strengen Vater (Berthold Toetzke) um den Hals. Foto: Bettina Müller

Schillers "Don Carlos", 1787 uraufgeführt, trägt bereits den Grundgedanken der Französischen Revolution: Freiheit und Gleichheit für alle Menschen. Europa ist in Aufruhr, Weltreiche in Gefahr. Einst wie jetzt geraten nicht nur die politischen, sondern auch die allgemeinen Grundwerte ins Wanken. Machtmissbrauch und Humanität, Ökonomie und Ökologie stehen im krassen Gegensatz, im Ränkespiel der Vorteilsnahme sind alle Mittel recht. Wie ehemals bei Schiller, der seinen großen dramatischen Wurf mit einer Liebestragödie illustriert.

Am absolutistischen Hof von Madrid Philipps II. regiert Staatsraison vor Gedankenfreiheit. Sohn Carlos liebt nach wie vor seine Stiefmutter Elisabeth v. Valois, nachdem sie aus dynastischen Gründen seinen Vater heiraten musste. Es entsteht ein Netz von Intrigen. Posa, Freund des Prinzen, bringt Hilfe, die Untreue-Verdächtigungen der jungen Königin werden ausgeräumt. Als Lohn fordert Posa von Carlos, den Freiheitskampf Spaniens gegen Flandern anzuführen. Der Putsch gegen den Vater endet mit dem Tod Posas, Carlos wird der Inquisition ausgeliefert.

Der junge griechische Regisseur konzentriert das Stück in knapp zwei Stunden auf die tragischen familiären Verstrickungen, die sich in Grundzügen wiederholen. Das Recht auf Freiheit kollidiert immer wieder mit persönlichen und traditionellen Zwängen. So verzichtet Zervoulakos auf jeglichen höfischen Pomp, das Geschehen läuft auf schlichtem Podest mit Stufen ab, das Team agiert in modernem Dress. Voraussetzungen für einen packenden Kampf zwischen Liebe und Willkür sind gegeben, wäre da nicht der verführerische Griff in den komödiantischen Koffer, der oft von den Dingen ablenkt, die uns auch heute bewegen.

Es gibt gute Regieeinfälle – etwa der verlogene "Stille-Nacht"-Gesang der permanent anwesenden Darsteller, die den König als Schranzenstaat umlauern und das Abbild eines Machtapparates darstellen. Doch die Kette belachter Gags und Persiflagen und eine vernachlässigte Dialogregie bremsen die Auseinandersetzung mit dem Stück immer wieder ab und bringen manche Rolle um ihren Reiz.

So zeigt Stefan Graf in der Titelrolle – in roten Seidenstrumpfhosen, Feinripphemdchen, Shorts und Turnschuhen – die Züge eines Nägel kauenden Hofnarren. André Willmund ist in der Traumrolle des Posa ein smarter Kumpel, den glühenden Verfechter von Freiheit und Recht lässt er nur cool ahnen. Berthold Toetzkes König Philipp verharrt im barschen Kommandoton, ohne die Abgründe eines brutalen Welteroberers zu zeigen. Auch an Lisa Mies (Prinzessin Eboli) geht die Persiflage nicht vorbei, sie zieht in schwarzer Reizwäsche alle Register einer vulgären Opportunistin, Zlatko Maltar (Alba) ist der Westentaschenpolitiker im Tarnmantel. Bleiben noch Karoline Reinke als glaubhafte Königin und die ausgezeichnete Monika Dortschy als zwielichtiger Großinquisitor. Mur

(Almuth Murawski)
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