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Interview: "Der Glaube ist ein Sprung ins Leere"

Erstmals steht der große Edgar Selge gemeinsam mit seinem Sohn auf der Theaterbühne. Am Freitag kommen sie für die Lesung von Björn Bickers Buch „Was glaubt ihr denn“ ins Schauspiel Frankfurt.
Edgar Selge (rechts) und sein Sohn Jakob Walser haben zwar schon gemeinsam vor der Kamera gestanden, aber auf der Bühne feiern sie jetzt Premiere. Foto: Jörg Carstensen (dpa) Edgar Selge (rechts) und sein Sohn Jakob Walser haben zwar schon gemeinsam vor der Kamera gestanden, aber auf der Bühne feiern sie jetzt Premiere.

Edgar Selge, der Spezialist für schräge Typen mit undurchsichtigen Motiven, feierte zuletzt mit Houellebecq’s „Unterwerfung“ Triumphe und erhielt dafür den Faust-Theaterpreis 2016. Mit seiner Frau Franziska Walser, Tochter Martin Walsers, führt er seit 33 Jahren eine Schauspieler-Ehe. Was liegt also näher, als gemeinsam mit Sohn Jakob Walser aufzutreten, der sich gerade am Theater Bielefeld Lorbeeren erspielt. Gemeinsame Filmerfahrung haben sie bereits. In der „Tatort“-Folge „Machtlos“ standen sie erfolgreich vor der Kamera. Im Gespräch mit Bettina Boyens erzählen die beiden, warum sie Björn Bickers vielbeachtetes Buch über die Religionsvielfalt inspiriert hat.

Herr Walser, sind Sie von Ihren Eltern religiös erzogen worden?

JAKOB WALSER: Im eigentlichen Sinne nicht. Aber die biblischen Geschichten haben durch meine Großmutter väterlicherseits eine große Rolle gespielt. Das war die religiöseste Person, die ich in meiner Kindheit erlebt habe. Wir sind allerdings sehr selten in die Kirche gegangen.

Auch in Björn Bickers Buch spielt die Religion eine große Rolle.

WALSER: „Was glaubt ihr denn“ ist für mich kein religiöses Stück, eher eine lebendige soziologische Bestandsaufnahme aller Religionen, die es in Deutschland aktuell gibt. Die Situation des Textes ist ja die, dass sich ein „Chor der gläubigen Bürger“ an eine Öffentlichkeit wendet, die unausgesprochen der „Chor der ungläubigen Bürger“ ist.

Herr Selge, ich zitiere Björn Bicker, wenn er vom Theater als einem Kokon spricht für das weiße, wohlhabende Bildungsbürgertum, der zum „Naherholungsgebiet unverfänglichen Unter-Sich-Seins“ geworden ist. In diesem Kokon tragen Sie seinen Text vor. Was unterscheidet Ihre Fassung von der ursprünglichen?

EDGAR SELGE: Die Konfrontation des gläubigen Chors und der ungläubigen Bürger ist im Schauspielhaus sicherlich härter. Wir haben beide die Aufführungen von Bicker nicht gesehen, aber uns hat sein Buch sehr gut gefallen. Wir haben ihm vorgeschlagen, für uns eine Fassung zu machen, inklusive einer Betonung der Charaktere des „DHL-Boten“ für Jakob und des „Architekten“ für mich. Den Chor lesen wir abwechselnd gemeinsam. Dabei ist es oft nicht nachvollziehbar, wann wer was spricht. Wir könnten uns auch ins Wort fallen, wenn wir wollten. Für mich ist das Theater kein Kokon, sondern mein ganz realistischer Lebensraum.

Herr Selge, Sie spielen Houellebecqs „Unterwerfung“ mit überwältigendem Erfolg. Beide Bücher verhandeln ähnliche Themen, wo sehen Sie die Unterschiede?

SELGE: Houellebecq beschreibt sehr genau die religiöse Leerstelle der westlichen Kultur und die Konfrontation mit dem Islam. Bicker macht Ähnliches: Durch das Aufeinanderprallen der Gläubigen mit den Ungläubigen zeigt er uns deutlich auf, dass wir durch die vielen Immigranten, die mit ihren 30, 40 unterschiedlichen Religionen zu uns kommen, mit unserer eigenen Leerstelle konfrontiert sind. Die Frage ist: Woran glauben wir überhaupt als Gemeinschaft in Deutschland?

Herr Walser, ist die stark zunehmende Religiosität für Sie etwas rein Positives?

WALSER: An dem Text von Bicker gefällt mir, dass er nichts bewertet. Er nimmt eine Totalperspektive ein, in dem die einzelnen Stimmen gleichberechtigt sprechen. Ohne dass sie interpretiert, gewertet oder hierarchisiert werden. Wir beim Sprechen und das Publikum beim Zuhören können die Komplexität zulassen, ohne sich gleich in einem „Ja oder Nein“ zur Religion zu positionieren.

Björn Bicker hat seine Recherche vor Jahren begonnen, 2016 wurden die Ergebnisse gedruckt. Die Flüchtlingswelle und die Kölner Silvester-Ereignisse kommen noch nicht vor. Haben Sie 2018 einen anderen Blick auf das Buch?

SELGE: Nein, das habe ich nicht. Die Kölner Übergriffe auf eine religiöse Ebene zu drücken, ist nicht richtig. Da müsste man schon eher von kulturellen Ebenen sprechen. Die Religionen beschreiben alle einen existenziellen Glaubenspunkt, der die Fragen nach dem Diesseits und dem Jenseits miteinander verbindet. Dagegen kann ich überhaupt nichts haben. Ich sehe auch die Bedeutung der religiösen Leerstelle bei uns durchaus nicht als antireligiös, sondern: Eine Leerstelle ist einfach eine Leerstelle. In dem Moment, in dem man sich diese Leerstelle bewusst macht, ist der Glaube bereits da. Weil Glaube nichts anderes ist als ein Sprung ins Leere. Bei Bicker geht es um die verblüffend ähnlichen Vorurteile in 30, 40 verschiedenen Religionen. Es ist doch völlig egal, ob Sie ein überzeugter Muslim, Hindu oder ein Katholik sind. Die Gefahr, als religiöser Mensch von anderen Menschen zu verlangen, sie sollten eigentlich dasselbe glauben, die besteht überall gleich.

Herr Walser, wie ist das für Sie, mit Ihrem Theater-„Übervater“ zusammen auf der Bühne zu stehen?

WALSER: Da ich keinen anderen Vater habe, kann ich nicht sagen, wie sich ein anderer Vater anfühlt. Ich kenne nur ihn, komme mit ihm sehr gut klar und genieße die Arbeit. Je besser man einen Menschen kennt, desto lustiger wird es, wenn er etwas vorspielt.

Herr Selge, planen Sie ein weiteres Theaterprojekt mit Ihrem Sohn?

SELGE: Das geht immer weiter, wir kennen es nicht anders. Die Kommunikation, die meine Frau Franziska und ich mit unseren Kindern suchen, läuft am besten über den Beruf. Wir können uns rückhaltlos für das Schauspiel begeistern. Und etwas, für das man sich begeistern kann, das verbindet die Menschen am meisten.

Muslime, Juden, Christen und Buddhisten

Jahrelang hat der Dramaturg und Autor Björn Bicker Gläubige in Deutschland zu ihrer Religion befragt. Muslime, Juden, Christen, Hindus, Sikhs, Buddhisten und viele andere.

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